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Revolutionsmythen zu Lateinamerika


4.10.2010
Lateinamerika durchläuft die längste Phase demokratischer Herrschaft seiner Geschichte. Der Mythos vom Gegensatz zwischen Zentrum und Peripherie und von der notwendigen Revolution könnte weiter verblassen.

Einleitung



Sowohl in der alten Bundesrepublik als auch in der DDR bestanden Mythen zu Lateinamerika. Sie hatten gemeinsame historische Wurzeln. Unter "Amerika" wurde bis ins Zeitalter der Aufklärung sowohl der Norden als auch der Süden des Kontinentes verstanden. Ein Wandel setzte erst im 18. Jahrhundert ein: Zum einen wurde mit dem Mythos vom "guten Wilden" das künftige Lateinamerika aufgewertet, zum anderen begann sich die Synonymie des Namens Amerika mit den USA durchzusetzen.[1]

Noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts spielte Amerika in den Schriften europäischer Denker eine untergeordnete Rolle. Hegel konstatierte in seinen 1822/23 in Berlin gehaltenen "Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte" ein Entwicklungsgefälle zwischen den beiden Amerikas: "In Nordamerika seht ihr das Gedeihen (...) dagegen beruhen in Südamerika die Republiken nur auf militärischer Gewalt." Seine Betrachtungen gipfelten in der häufig zitierten Stelle: "Amerika ist somit das Land der Zukunft, in welchem sich in vor uns liegenden Zeiten, etwa im Streite von Nord- und Südamerika die weltgeschichtliche Wichtigkeit offenbaren soll; es ist ein Land der Sehnsucht für alle die, welche die historische Rüstkammer des alten Europa langweilt (...)."[2]

Mit dem Aufschwung Deutschlands im Wilhelminischen Kaiserreich nahmen die Konfliktpunkte mit den USA zu. Es fällt auf, dass in zeitgenössischen Schulbüchern neben den Entdeckungsfahrten und frühen Kolonialreichen der Spanier und Portugiesen auch die Freiheitsbewegungen in Lateinamerika zu Beginn des 19. Jahrhunderts auftauchten und der Begriff Imperialismus im Zusammenhang mit der Ausdehnung des nordamerikanischen Einflussbereiches in Lateinamerika erläutert wurde.[3] Auch in der Unterhaltungsliteratur des Kaiserreiches finden sich Sympathiebekundungen für die Ureinwohner Lateinamerikas bzw. für die Sklaven und ihre Nachfahren. Karl May äußerte in verschiedenen Romanen seine Vorbehalte gegen die "Yankees" und die "Yankeegesellschaften".

Bis 1945 wurde der Antiamerikanismus eher von der politischen Rechten vorgetragen. Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte ein Funktionswandel des Anti-Nordamerikanismus ein, der in der DDR Teil der Staatsdoktrin war. In den 1960er Jahren wurde der politische Antiamerikanismus aber auch Bestandteil der linken Studentenbewegung in der alten Bundesrepublik.[4] Heute beschränkt sich der Antiamerikanismus nicht auf das linke politische Spektrum. Nicht nur in Deutschland lässt sich ein teilweise kulturell aufgeladener Antiamerikanismus finden, zu dem Lateinamerika (in Frankreich der latinoamericanisme) ein nicht näher ausformuliertes Gegenbild abgibt.

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Fußnoten

1.
Vgl. Gustav Siebenmann, Die Bilder Spaniens und Lateinamerikas in den Köpfen der Deutschen, in: ders., Essays zur spanischen Literatur, Frankfurt/M. 1989, S. 55-84.
2.
G.W.F. Hegel, Vorlesungen der Philosophie der Geschichte [1848], Stuttgart 1961, S. 143, S. 147.
3.
Vgl. Helmut Kristmann, Die koloniale Perspektive in Geschichtsbüchern des Deutschen Reiches 1871-1918, in: Michael Riekenberg (Hrsg.), Lateinamerika. Geschichtsunterricht, Geschichtslehrbücher, Geschichtsbewusstsein, Frankfurt/M. 1990, S. 143-156.
4.
Vgl. Nikolaus Werz, Antiamerikanismus und der Stellenwert Lateinamerikas im europäischen Bewusstsein, in: Wolfgang Reinhard/Peter Waldmann (Hrsg.), Nord und Süd in Amerika, Bd. 2, Freiburg 1992, S. 1266-1288.

 

Dossier

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