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22.9.2010 | Von:
Anja-Désirée Senz

Zwischen kultureller Anpassung und Autonomie: Nationale Minderheiten in China

Traditionelles chinesisches Weltbild

Im traditionellen Weltbild galt China als das "Reich der Mitte". Dieses Zentrum der zivilisierten Welt, in dessen Mittelpunkt der chinesische Kaiser lebte, war umgeben von "Barbaren", deren kulturelles Niveau mit wachsender Entfernung vom Mittelpunkt abnahm. Die Ackerbau treibenden Han-Chinesen fühlten sich diesen "Barbaren", vielfach waren es Nomaden- und Jägervölker, überlegen. Der Konfuzianismus, für viele Jahrhunderte die staatstragende Ideologie Chinas, war die Basis dieses Überlegenheitsgefühls.

Im konfuzianischen Denken ging man davon aus, dass die Ausstrahlung der chinesischen Kultur und ihrer Errungenschaften so stark sei, dass sich die nicht-chinesischen Völker an diese anpassen würden, wenn man sie ihnen nur vermittelte. So konnten aus "Barbaren" "Chinesen" werden, wenn diese sich in das chinesische System einfügten und ihre kulturellen Eigenarten aufgaben.[1] Ein interessantes Beispiel für die kulturelle Anpassung sind die in den nördlichen Regionen Chinas lebenden Mandschuren. Zu ihnen werden heute etwa 10 Millionen Menschen gerechnet. Im 17. Jahrhundert eroberten sie China und installierten die letzte Dynastie, die Qing. Während dieser Herrschaftszeit, die erst 1911 ein Ende fand, passten sie sich jedoch in hohem Maße chinesischen Lebensgewohnheiten an. Inzwischen ist sogar ihre Sprache nahezu in Vergessenheit geraten.

Die Unterschiede zwischen verschiedenen Völkern wurden in China vornehmlich kulturell und über unterschiedliche Stadien der kulturellen Entwicklung interpretiert, wobei sich die Han-Chinesen als die fortschrittlichsten und zivilisiertesten Menschen betrachteten. Im Zuge der Auseinandersetzung mit dem Westen wich das Denken in kulturellen Einflusszonen ab Ende des 19. Jahrhunderts allmählich der Notwendigkeit, feste territoriale Grenzen zu definieren und einen Nationalstaat zu schaffen. Nach den politischen Wirren zu Beginn des 20. Jahrhunderts bestand für die neue kommunistische Führung Chinas ab 1949 eine wesentliche Herausforderung darin, das chinesische Territorium und seine Grenzen zu sichern und die nationale Einheit zu erreichen. Die chinesische Politik gegenüber den auf chinesischem Gebiet lebenden ethnischen Minderheiten reflektiert diesen Aspekt insofern, als im offiziellen Sprachgebrauch nicht von verschiedenen Ethnien (zuqun), sondern von 56 in China lebenden Nationalitäten (minzu) beziehungsweise 55 nationalen Minderheiten (shaoshu minzu) gesprochen wird.

Nach der Gründung der Volksrepublik China bemühte sich der chinesische Staat um die Identifizierung nationaler Minderheiten. Nach offizieller chinesischer Definition gilt eine Gruppe dann als nationale Minderheit, wenn sie sich durch gemeinsame historische Wurzeln, eine stabile Gemeinschaft von Mitgliedern mit einem erkennbaren Siedlungsgebiet, eine gemeinsame Sprache sowie ökonomische und kulturelle Gepflogenheiten von anderen Menschen unterscheidet. Doch erweist sich die Anwendung dieser Definition als schwierig. Manche Gruppen (wie die Hui) haben keine eigene Sprache. Zudem leben die etwa zehn Millionen Menschen, die den Hui zugerechnet werden, in sechs chinesischen Provinzen - sie gelten als diejenige ethnische Gruppe, die am weitesten verstreut in China lebt. Ihr Siedlungsgebiet ist also kaum abzugrenzen. Der zentrale Unterschied zwischen den Han-Chinesen und den Hui ist ihre Religion, denn die Hui sind islamisch geprägt. Ihre Herkunft geht auf Kaufleute aus dem arabischen und persischen Raum zurück, die im 7. Jahrhundert nach China kamen.[2]

Fußnoten

1.
Vgl. Gudula Linck, Die Menschen in den Vier Himmelsrichtungen. Chinesische Fremdbilder, in: Helwig Schmidt-Glintzer (Hrsg.), Das andere China, Wiesbaden 1995, S. 257-289.
2.
Vgl. Michael Dillon, China's Muslim Hui Community: migration, settlement and sects, Richmond 1999.