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22.9.2010 | Von:
Anja-Désirée Senz

Zwischen kultureller Anpassung und Autonomie: Nationale Minderheiten in China

Tourismus als Wirtschaftsfaktor

Die Mehrheit der ethnischen Minderheiten lebt in den dünnbesiedelten chinesischen Randgebieten im Norden, Westen und Süden. Im chinesischen Kernland und an der prosperierenden Ostküste siedeln vornehmlich Han-Chinesen. Die han-chinesische Mehrheit lernt die nationalen Minderheiten daher kaum durch persönliche Kontakte beziehungsweise im Zusammenleben kennen. Sie beziehen ihre Kenntnisse über die Lebensgewohnheiten und die Kultur der Minderheiten vielmehr aus der Schule, aus Büchern, Zeitungen oder aus Film und Fernsehen.

Betrachtet man diese mediale Wiedergabe genauer, zeigt sich, dass in Reportagen über einzelne Regionen und die dort lebenden ethnischen Gruppen oftmals spezifische Bilder erzeugt werden. So wird beispielsweise ein scharfer Kontrast zwischen modernen und traditionellen Lebensformen gezeichnet. Die farbenreichen Trachten, natürlichen Landschaften und einfachen landwirtschaftlichen Arbeitsmethoden der ethnischen Gruppen kontrastieren mit der großstädtischen Moderne und neuen Technologien. Damit wird beim Betrachter das Bild der Rückständigkeit ethnischer Minderheiten erzeugt und wach gehalten, die mit chinesischer Hilfe überwunden werden kann. Nationale Minderheiten werden auch gerne in exotischer Weise in bunten Gewändern singend und tanzend dargestellt, wobei Musik, Gesang und Tanz häufig an den han-chinesischen Geschmack angepasst werden. Diese Bilder verfügen über einen ästhetischen Wert für die Han-Chinesen. Aber durch die Reproduktion von Stereotypen über "die Anderen" dienen sie kaum dem Erwerb tatsächlicher Kenntnisse über die jeweilige Kultur.[10]

Ein Effekt der erfolgreichen wirtschaftlichen Entwicklung des vergangenen Jahrzehnts sind Einkommenssteigerungen, die es den Chinesen erlauben, zu verreisen. Traf man vor 15 Jahren noch vornehmlich Touristen aus Europa, Amerika und den asiatischen Nachbarländern an allen wichtigen Sehenswürdigkeiten Chinas, hat sich das Bild inzwischen gewandelt. Zwar kommen nach wie vor viele ausländische Touristen, aber die Zahl der Chinesen, die das eigene Land erkunden, ist in den vergangenen fünf Jahren um 600 Millionen gestiegen. Die Reiselust erstreckt sich neben den aus historischen Gründen berühmten Orten auch auf die Gebiete der ethnischen Minderheiten, vor allem die nord- und südwestlichen Landesteile. Aufgrund der vielen dort lebenden ethnischen Minderheiten gelten diese Regionen als exotisch.

Für diese Gebiete ist der Tourismus eine wichtige, oft die einzige Einnahmequelle. So entstanden in den vergangenen Jahren auch sogenannte "Minderheitenparks". Dort soll die Lebensweise einzelner Minderheiten, ihre Trachten, Zeremonien und Musik für Touristen vorgeführt werden. Oftmals werden dabei auch Teile der materiellen Kultur - Kleidung, Gefäße, Musik - feilgeboten, die an den Geschmack der Touristen angepasst wurden, um sie besser vermarkten zu können. Diese Form der Kommerzialisierung wird nicht von allen positiv beurteilt. Während die Einen die Einkommensverbesserungen begrüßen, sehen Andere darin einen Ausverkauf beziehungsweise eine Aushöhlung der lokalen Kultur. Die Einen lehnen diese Form der musealen Präsentation als unauthentisch ab, die Anderen sehen darin eine Chance, kulturelle Gebräuche vor dem Vergessen zu bewahren. Und wo die Einen die Parks als "touristische Ausweichorte" begrüßen, welche touristische Überfremdung und die damit verbundenen Probleme für die Dörfer (wie Müllentsorgung) reduzieren helfen, kritisieren die Anderen die stereotype Darstellung von traditionellen Lebensweisen.

Wie auch immer man urteilt, die "Minderheitenparks" könnten zumindest ein Hinweis darauf sein, dass die Mehrheitsgesellschaft im Gegensatz zu früher Interesse an den nationalen Minderheiten zeigt und langsam ein Umdenkungsprozess einsetzt, der die Relevanz ethnischer Vielfalt für das kulturelle Leben Chinas erkennt. Wenn mit dem gestiegenen Interesse auch der Respekt für die Minderheiten wächst, wäre dies ein wichtiger Beitrag zur Minderung bestehender sozialer Spannungen. In politischer Hinsicht müsste die gegenwärtige Autonomie in ein System der territorialen Selbstverwaltung überführt werden, bei dem den ethnischen Minderheiten die Gestaltung ihres Lebensraumes obliegt und dadurch eine Bewahrung ihrer lokalen Kulturen unter selbstgewählten Vorzeichen möglich wird.

Fußnoten

10.
Vgl. Anja-Désirée Senz/Yi Zhu, Von Ashima zu Yi-Rap, Duisburg 2001.