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"Großartiges Reich der Mitte": Zur Aktualität chinesischer Mythen


22.9.2010
Ausgehend vom Begriff des Mythos als kollektive Aussage stellt der Beitrag zwei bedeutende Mythen Chinas vor, die eng miteinander verknüpft sind: den Mythos vom "Reich der Mitte" und den Mythos des "Chinesischen Traums".

Einleitung



Weida de zhongguo" (großartiges Reich der Mitte) - so lautet das Urteil vieler Chinesen über ihr Land. Die Aussage wird oft spontan und wenig reflektiert getroffen, als wäre sie eine Selbstverständlichkeit. Das "großartige Reich der Mitte" ist ein Mythos, der so alt ist wie die Kultur des Reiches am Gelben Fluss und Yangtse-Strom. Eine beispiellose Entwicklung zu einem nicht nur wirtschaftlich bedeutenden Staat in der globalisierten Welt des 21. Jahrhunderts lässt den Mythos heute wieder aktuell erscheinen.

Ursprünglich war der Begriff "Reich der Mitte" ein Plural und bezeichnete die geografische Lage kleiner Fürstentümer am Gelben Fluss, die als "Staaten der Mitte"[1] den Kern des heutigen Chinas bildeten. Im Laufe der Jahrhunderte entstanden weitere Staaten um diese geografischen Kerne herum. Sie wurden schließlich vom Potentaten Qin Shi Huang (259-210 v.Chr.), der sich als "erster Kaiser von Qin" bezeichnete, im Jahr 221 v.Chr. geeint. So wurden die "Länder in der Mitte" zum "Reich der Mitte".

Der geografische Begriff "Reich der Mitte" wurde sehr bald zu einem kulturellen: Das, was in der Mitte lag und ein geeintes Reich bildete, galt als höherstehender und entwickelter als die meist nomadisierenden "Barbarenländer" an der Peripherie. Wer "in der Mitte" lebte, der war gewiss, in einer Region zu leben, die laut Selbstwahrnehmung als politisches und kulturelles Zentrum der Welt galt, ohne dass diese Region viel von der "Außenwelt", besonders jener in Europa, wusste. Auch viele Europäer waren bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts davon überzeugt, dass China eine der "bestmöglichen Welten", wenn nicht gar die "beste mögliche Welt" unseres Planeten darstellte - im Unterschied zu heute waren darunter viele prominente Deutsche: Denker wie Gottfried Wilhelm Leibniz oder Christian Wolff outeten sich damals als "China-Fans", die in sinoskeptischen und eurozentrischen Denkern wie Johann Gottfried Herder ihre "Gegenspieler" fanden. Ihre Diskurse drifteten schnell ins Extreme, egal ob Leibniz den chinesischen Kaiser als "hervorragenden Fürsten"[2] pries oder Herder China als eine "balsamierte Mumie, mit Hieroglyphen bemalt und mit Seide umwunden"[3] abtat. Nicht zuletzt seit Marco Polos Erzählungen war der Mythos vom sagenumwobenen "Reich der Mitte" auch im Westen geboren. Genährt wurde der Mythos aktuell durch die beiden internationalen Großereignisse: den Olympischen Spielen 2008 in Peking und der Weltausstellung Expo 2010 in Shanghai. Beide Veranstaltungen waren beziehungsweise sind Superlative staatlicher Planungsleistung, die China wieder in den Mittelpunkt der Welt rückten: Mit 16 Medaillen Vorsprung wurden während der Olympischen Spiele die USA von China in der Nationenwertung auf Rang zwei verwiesen. 70 Millionen Besucher holten die Welt mitten hinein nach Shanghai, das sich noch bis Oktober 2010 mit Akteuren aus 242 Nationen und internationalen Organisationen als "Stadt der Mitte" fühlen kann. In einer globalisierten Welt kulturell erneut zum "Reich der Mitte" zu werden, ist ein Kerninhalt dessen, was heute gern als "Chinesischer Traum" bezeichnet wird.


Fußnoten

1.
Jacques Gernet, Die chinesische Welt, Frankfurt/M. 1988, S. 58.
2.
Gemeint war der Mandschu-Kaiser Kangxi (von 1654 bis 1722). Zit. nach: Adrian Hsia, Deutsche Denker über China, Frankfurt/M. 1985, S. 14.
3.
Ebd., S. 129.