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13.9.2010 | Von:
Waldemar Stange

Partizipation von Kindern

Forschung zur Kinderbeteiligung

Nachdem die Beteiligung von Kindern in der Forschung lange Zeit stiefmütterlich behandelt wurde, liegen inzwischen zahlreiche empirische Studien vor. So gibt es eine Fülle an Untersuchungen, aus denen sekundär auch Aussagen zur Partizipation von Kindern und Jugendlichen ableitbar sind - wie zum Beispiel die von Gert Pickel,[1] die verschiedenen Shell-Studien[2] oder die Freiwilligensurveys.[3] Inzwischen gibt es aber auch genügend partizipationsspezifische Untersuchungen sowohl aus Deutschland[4] als auch aus dem europäischen Ausland.[5]

Von besonderem Interesse sind empirische Studien zur Genese der Partizipationskompetenz. Wie sind die Zusammenhänge zwischen früher Beteiligung und dem Engagement im Erwachsenenalter?[6] Welchen Zusammenhang gibt es zwischen Partizipation und Identität?[7] Wie beeinflussen Beteiligungserfahrungen die Bildung von Selbstvertrauen, internalen Kontrollüberzeugungen und Selbstwirksamkeit, Perspektivenübernahme und Empathie - nicht nur als Basis für soziales Lernen und Konflikterziehung, sondern von Partizipationskompetenz und Aushandlungsfähigkeit allgemein?[8]

Die Ergebnisse einer neuen empirischen Studie zum Stand der Beteiligung von Kindern wurden Ende 2009 vorgestellt und sollen hier etwas ausführlicher gewürdigt werden.[9] In einer repräsentativen Befragung anlässlich des 20-jährigen Sendejubiläums der ZDF-Kindernachrichtensendung "logo!" wurde das Ausmaß konkreter Partizipation von Kindern im Alter zwischen acht und zwölf Jahren in den Lebensbereichen Familie, Schule und Gemeinde ergründet. Erstmals konnte damit ein umfassendes Bild der Mitbestimmung von Kindern in diesem Alter gezeichnet werden (erfasst wurden Deutsch sprechende Privathaushalte sowie deren primäre Erziehungspersonen, die zu eigenen partizipativen Aktivitäten, zum Engagement ihres Kindes sowie zu Erziehungsfragen befragt wurden). Zusammenfassend lässt sich der Status quo der Mitbestimmung von Kindern in Deutschland wie folgt charakterisieren:

1. Die Mitbestimmung von Kindern fällt zwischen den einzelnen Lebensbereichen sehr unterschiedlich aus. Zu Hause können rund sechzig Prozent der Kinder "viel" oder "sehr viel" mitbestimmen, rund vierzig Prozent hingegen "wenig" oder "überhaupt nicht". Dabei sind zwischen einzelnen Themen sehr große Differenzen festzustellen. Ob Kinder Freunde treffen oder was sie in der Freizeit machen, wird im hohen Maße durch sie mitbestimmt, wann sie ins Bett gehen oder nach Hause kommen müssen, hingegen nur sehr wenig.

2. Kinder erleben Mitbestimmung zu Hause als wenig konfliktträchtig. Am ehesten kommt es beim Thema "Zimmer aufräumen" zu Auseinandersetzungen mit den Eltern, und auch dies nur "manchmal". Kommt es zu Streit, überwiegt nach Ansicht der Kinder die Meinung der Eltern. Häufig nehmen Kinder aber auch Aushandlungsprozesse mit ihren Eltern wahr.

3. Eltern nehmen das Mitbestimmungsniveau ihrer Kinder höher und konfliktträchtiger wahr. Im Konfliktfall sehen sie eher Kompromisse als Lösungsmuster.

4. Die Mitbestimmung zu Hause wird begünstigt durch die Mitbestimmungsbedeutung und Mitbestimmungszufriedenheit, das Alter der Kinder, themeneinschlägiges Wissen und den Wunsch der Kinder mitzureden sowie ein partizipations- beziehungsweise politikaffines und partnerschaftliches Eltern-Kind-Verhältnis. Keine Rolle spielen hingegen Geschlecht, Schulform, die Region im Sinne von Ost- oder Westdeutschland sowie Alter, Geschlecht und Bildungsniveau des befragten Elternteils. Hinderlich für die Mitbestimmung zu Hause ist ein Migrationshintergrund der Eltern, das Vorhandensein von Geschwistern sowie das Gefühl der Kinder, von Erwachsenen nicht ernst genommen zu werden.

5. In der Schule können Kinder nach eigenem Empfinden nur "wenig" (60,4 Prozent) oder sogar "überhaupt nicht" (24,6 Prozent) mitbestimmen. Selbst die Klassenzimmergestaltung als mitbestimmungsintensivstes Thema erreicht nur das Niveau "gering".

6. Auch die Mitbestimmung in der Schule wird von Kindern als wenig konfliktträchtig wahrgenommen. Im Falle eines Konfliktes mit dem Lehrer erleben Schüler den Lehrerwillen als entscheidungsdominant.

7. Mitbestimmung in der Schule wird begünstigt durch die Mitbestimmungsbedeutung und Mitbestimmungszufriedenheit, das Alter der Kinder, themeneinschlägiges Wissen, die Befürwortung durch Freunde und Eltern sowie die Mitbestimmungsintensität und die Thematisierung von Politik zu Hause. Keinen Einfluss haben das Geschlecht, die Schulform, die Region sowie der Erziehungsstil der Eltern. Auch für die Mitbestimmung in der Schule ist ein Migrationshintergrund der Eltern hinderlich, zudem ein negatives Schulklima sowie auch hier: das Gefühl der Kinder, von Erwachsenen nicht ernst genommen zu werden.

8. Am geringsten fällt die Mitbestimmung von Kindern an ihrem Wohnort aus. Mehr als die Hälfte aller Kinder bestimmt hier nach eigenem Empfinden "überhaupt nicht" mit (55,3 Prozent) und 33,6 Prozent "wenig". Im Bereich der Familie hatten nur 3,8 Prozent und in der Schule nur 24,6 Prozent der Befragten überhaupt nicht mitbestimmt. Mitbestimmung am Wohnort wird durch die Mitbestimmungsbedeutung und -zufriedenheit, das Alter der Kinder, themeneinschlägiges Wissen und den Wunsch der Kinder mitzureden, die Befürwortung durch Eltern und Freunde, eine Vereinsmitgliedschaft, die Thematisierung von Politik in der Familie, einen partizipationsaffinen Erziehungsstil der Eltern, deren Mitbestimmungsintensität am Wohnort sowie den Besuch eines Gymnasiums begünstigt. Keinen Einfluss haben Geschlecht und Region. Wie in der Familie und in der Schule wird die Mitbestimmung am Wohnort erschwert durch einen Migrationshintergrund der Eltern und das Gefühl der Kinder, von Erwachsenen nicht ernst genommen zu werden.

Fußnoten

1.
Vgl. Gert Pickel, Jugend und Politikverdrossenheit. Zwei politische Kulturen im Deutschland nach der Vereinigung, Opladen 2002.
2.
Vgl. z.B. Deutsche Shell (Hrsg.), Jugend 2002. Zwischen pragmatischem Idealismus und robustem Materialismus, Frankfurt/M. 2002.
3.
Vgl. z.B. Bernhard von Rosenbladt, Freiwilliges Engagement in Deutschland. Ergebnisse der Repräsentativbefragung zu Ehrenamt, Freiwilligenarbeit und bürgerschaftlichem Engagement, hrsg. vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ), Stuttgart u.a. 2002.
4.
Vgl. z.B. Franziska Bruner/Ursula Winklhofer/Claudia Zinser, Partizipation - ein Kinderspiel? Beteiligungsmodelle in Kindertagesstätten, Schulen, Kommunen und Verbänden, hrsg. vom BMFSFJ, Berlin 2001; Bertelsmann Stiftung (Hrsg.), Kinder- und Jugendpartizipation in Deutschland, Gütersloh 2005; Jan W. van Deth u.a., Kinder und Politik. Politische Einstellungen von jungen Kindern im ersten Grundschuljahr, Wiesbaden 2007; Tanja Betz u.a. (Hrsg.), Partizipation von Kindern und Jugendlichen, Schwalbach 2010; World Vision Deutschland e.V. (Hrsg.), Kinder in Deutschland. 1. World Vision Kinderstudie, Frankfurt/M. 2007; 2. World Vision Kinderstudie, Frankfurt/M. 2010.
5.
Vgl. z.B. Reinhard Fatke/Matthias Niklowitz, "Den Kindern eine Stimme geben". Partizipation von Kindern und Jugendlichen in der Schweiz, Zürich 2003; Horst Biedermann/Fritz Oser, Partizipation und Identität, in: Carsten Quesel/Fritz Oser (Hrsg.), Die Mühen der Freiheit. Probleme und Chancen der Partizipation von Kindern und Jugendlichen, Zürich-Chur 2006; Rat der Europäischen Union/Kommission der Europäischen Gemeinschaften, Auswertung der Antworten der Mitgliedstaaten auf die Fragebögen der Kommission zur Partizipation und Information der Jugendlichen. Kommissionsdokument SEK (2003) 465, Brüssel 11.4.2003.
6.
Vgl. Hartmut Wedekind/Mathias Daug, Vita gesellschaftlichen Engagements. Studie zum Zusammenhang zwischen früher Beteiligung und dem Engagement bis ins Erwachsenenalter, Berlin 2007.
7.
Vgl. H. Biedermann/F. Oser (Anm. 5).
8.
Vgl. Dietmar Sturzbecher/Heidrun Großmann (Hrsg.), Soziale Partizipation im Vor- und Grundschulalter, München 2003.
9.
Vgl. zum Folgenden: Helmut Schneider/Waldemar Stange/Roland Roth, Kinder ohne Einfluss? Eine Studie des ZDF zur Beteiligung von Kindern in Familie, Schule und Wohnort 2009, online: www.unternehmen.zdf.de/fileadmin/
files/Download_Dokumente/DD_Das_ZDF/
Veranstaltungsdokumente/kann_darf_will/
Partizipationsstudie_final_101109.pdf (26.8.2010).

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