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13.9.2010 | Von:
Waldemar Stange

Partizipation von Kindern

Systematisierung der Kinder- und Jugendpartizipation

Wer sich - insbesondere unter Praxisgesichtspunkten - mit der Partizipation von Kindern und Jugendlichen auseinandersetzen will, sollte die folgenden Strukturelemente im Auge behalten:

Strukturelement 1: Felder, Themen, Gruppen

  1. Aktionsfelder der Beteiligung: Hier geht es um die Orte, an denen Partizipation stattfindet.
  2. Themen der Beteiligung.
  3. Zielgruppen: Dies ist das ganze Spektrum der Akteure und Betroffenen der Beteiligung.
Strukturelement 2: Strategien (Grundformen) der Kinder- und Jugendbeteiligung

Strategien sind die großen methodischen Basiskonzepte und Grundrichtungen. Es gibt sieben solcher Strategien, die den Charakter von sogenannten Makro-Methoden haben:
  1. stellvertretende Formen (wie Kinderbeauftragte und Kinderbüro);
  2. Beteiligungsformen an den Institutionen der Erwachsenenwelt (wie Sitz und Stimme einzelner Jugendlicher in kommunalen Erwachsenengremien und -ausschüssen);
  3. punktuelle Partizipation - die sogenannten kleinen Formen (wie zum Beispiel Bürgermeistersprechstunde);
  4. Aushandlung und Alltagsbeteiligung (realer Einfluss im Status eines Mitwirkungsrechtes, aber ohne echte Entscheidungsrechte);
  5. formell: Beauftragung durch Beschluss und eher formalisierte Methoden (wie Konsens-Workshopmethode, Deliberationsforum, Zukunftskonferenz),
  6. informell: Alltagspartizipation[10] - alltägliche Formen der Beteiligung im Alltagssetting (Gesprächsformen, die eher offenen und dialogischen Prozessstrukturen folgen);
  7. offene Versammlungsformen (die sogenannten Kinder- und Jugendforen oder die Kinder- und Jugend-Einwohnerversammlungen);
  8. die klassischen repräsentativen Formen (Kinder- und Jugendparlamente);
  9. Projektansatz der Partizipation.
Als weitere Ebene müssten eigentlich noch die Methoden der Partizipation von Kindern und Jugendlichen genannt werden: Das sind die operativen Formen, in denen Beteiligungsprozesse organisiert werden. Sie können nicht nur als Unterkategorie der großen Strategien (Grundformen, "Makro-Methoden") verstanden werden, sondern auch als Mikro-Methoden ("Techniken") und Mezo-Methoden (komplexe Methoden).

Die folgenden Strukturelemente und Kategorien sind im Rahmen einer intensiven Auseinandersetzung mit kommunalrechtlichen Regelungen abgeleitet worden - auf einer Ebene also, auf der es starke Überschneidungen mit der sozialräumlichen, sozialökologischen und lebensweltlichen Perspektive gibt, die ja für Kinder von besonderer Relevanz ist.[11]

Strukturelement 3: Partizipationsniveaus (die Intensität der Beteiligung bzw. der Einflussnahme von Kindern und Jugendlichen) - die "Beteiligungsleiter" (aufsteigend von wenig bis viel Beteiligung)

  1. Teilhabe
  2. einfache Teilhabe (schlichtes Dabeisein ohne Einfluss, integriert sein)
  3. sporadische Beteiligung
  4. zugewiesen, aber gut informiert
  5. Einfluss durch Einzelaktionen
  6. Öffentlichkeit der Prozesse
  7. Mitwirkung
  8. Mitwirkungsrechte delegiert an Erwachsene (Politik für Kinder: Gremien, Beauftragte, Anwälte)
  9. Informationsrecht
  10. Anhörungsrecht
  11. Initiativrecht
  12. Aushandlungsrecht (realer Einfluss, aber ohne echte Entscheidungsrechte)
  13. formell (Beauftragung durch Beschluss)
  14. informell (im Alltagssetting)
  15. Einspruchs- und Beschwerderechte
  16. Mitbestimmung
  17. Mitbestimmung in Erwachsengremien
  18. Repräsentative Mitbestimmung: Delegation der Rechte an Kinder und Jugendliche
  19. Selbstbestimmung: Basisdemokratische Entscheidungsrechte (direkte Demokratie)
  20. direkte Demokratie in Versammlungen
  21. Selbstbestimmung und Selbstverwaltung in eigenen Projekten
Ergänzt wurden die aus den Kommunalverfassungen abgeleiteten Mitwirkungsrechte durch die Auseinandersetzung mit dem Deliberations-Diskurs,[12] aus dem sich die Kategorie des sogenannten Aushandlungsrechts und der Alltagspartizipation ergab.

Strukturelement 4: Reichweiten-Differenzierung der Partizipation (bezogen auf Aktionsfelder [Orte], Themen und Zielgruppen)

Zielgruppen-Reichweite:

Zielgruppenbegrenzung oder Offenheit (keine Begrenzung), zum Beispiel

  1. Betroffenenpartizipation vs. Popularpartizipation (Öffentlichkeitspartizipation)
  2. Altersgruppenbegrenzung
  3. Begrenzung auf besondere soziale Gruppierungen (zum Beispiel Mädchen, Migrantenkinder)
Strukturelement 5: Phasen des politischen Prozesses

  1. Problemdefinition und Zielbestimmung
  2. Beteiligung bei der Ideen- und Vorschlagsentwicklung
  3. Beteiligung bei Entscheidungen
  4. Beteiligung bei der Planung
  5. Umsetzung - Engagement und Verantwortungsübernahme
(Mitwirkung an der Umsetzung von Lösungen und Entscheidungen in kooperativen Projekten: aktives, veränderndes Handeln, Gestaltung der Lebenswelt, freiwilliges Engagement - Recht auf Übernahme von Verantwortung)

Diese fünf Dimensionen (Phasen) greifen die Tatsache auf, dass Beteiligung sich vielfach reduziert auf den Bereich der Partizipation an Entscheidungen. Dabei wird unterschlagen, dass die gesamte Palette der sozialen oder politischen Problembearbeitungsschritte von der Problemdefinition, der Ideen- und Vorschlagsentwicklung, der Entscheidung, bis zum Bereich der Umsetzung und schließlich sogar bis zur Beteiligung an den Ergebnissen partizipationsfähig ist.

Die beschriebenen Strukturelemente und Kategorien stehen in einem klaren logischen Verhältnis zueinander (siehe Grafik der PDF-Version).

Fußnoten

10.
Vgl. Waldemar Stange, Partizipation von Kindern und Jugendlichen im kommunalen Raum I: Grundlagen, Münster 2008, S. 173ff.; ders. (Hrsg.), Strategien und Grundformen der Kinder- und Jugendbeteiligung I, Münster 2008, S. 287ff.; darin auch Raingard Knauer, Alltagsbeteiligung von Kindern und Jugendlichen, S. 297ff.
11.
Vgl. Joachim Detjen, Demokratie in der Gemeinde. Bürgerbeteiligung an der Kommunalpolitik in Niedersachsen, Hannover 2000, S. 47ff.; W. Stange, Partizipation I (Anm. 10), S. 23ff.
12.
Vgl. z.B. Anne Sliwka/Susanne Frank, Das Deliberationsforum als neue Form des Lernens über kontroverse Fragen, in: Angelika Eikel/Gerhard de Haan (Hrsg.), Demokratische Partizipation in der Schule ermöglichen, fördern, umsetzen, Schwalbach 2007, S. 60ff.

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