APUZ Dossier Bild

13.9.2010 | Von:
Wilfried Schubarth

Neue Gewalt- und Mobbingphänomene als Herausforderung für Schulen

Cyberbullying und happy slapping

Mit dem Einzug neuer Medien sind auch neue Formen des mobbing verbunden. Dazu gehören vor allem cyberbullying und happy slapping. Unter cyberbullying wird mobbing unter Einsatz von Medien verstanden, wenn ein Opfer über einen längeren Zeitraum per (Online-)Medien schikaniert und gedemütigt wird.[14]

Cyberbullying kann verschiedene Formen annehmen: Beschimpfungen, Bloßstellen im öffentlichen Raum (Internet), Gemeinheiten oder Bedrohungen unter anderem per SMS, E-Mail oder Onlinechat, das Hinterlegen von entsprechenden Texten, zum Beispiel auf dem Pinboard von sozialen Netzwerken wie SchülerVZ, das Vortäuschen der Identität eines Mitschülers oder einer Mitschülerin und dessen beziehungsweise deren Kompromittieren, das Aufnehmen "peinlicher" Bilder oder Filme und deren Weiterleitung beziehungsweise Veröffentlichung, die Beschämung des Opfers durch E-Mails oder SMS mit persönlichen Inhalten, sogenannten Hass-Seiten oder Hass-Gruppen bei SchülerVZ, das gezielte Ausschließen des Opfers in den Internetforen oder bei Onlinespielen, das Androhen von Gewalt im Internet - und noch Vieles mehr.

Eine besonders extreme Form des cyberbullying ist das "happy slapping" ("Fröhliches Zuschlagen") beziehungsweise handy slapping, bei der Jugendliche (meist Jungen) Gewalttaten begehen, diese mit dem Handy filmen und die Filme anschließend verschicken und damit das Opfer bloßstellen und dauerhaft demütigen.[15]

Zur Verbreitung der genannten Phänomene liegen erste Befunde vor, die belegen, dass cyberbullying in Chatrooms weit verbreitet ist. So gaben in einer Studie von 2007 rund vierzig Prozent der befragten Chat-Teilnehmer an, von anderen Chattern bereits beleidigt, gehänselt oder beschimpft worden zu sein. Jeder Zehnte gab an, im Chatroom schon erpresst, unter Druck gesetzt oder bedroht worden zu sein, und rund ein Viertel berichtete von Erfahrungen mit Ausgrenzung, Nicht-Beachtung oder Isolation.[16] Jungen sind sowohl häufiger Opfer als auch häufiger Täter von Chataggressionen. Außerdem gilt: Schulbullies sind auch Chatbullies und Schulopfer sind auch Chatopfer.

In den Chatrooms spielt zudem die sexuelle Viktimisierung eine große Rolle. So gaben in der gleichen Studie gut zwei Fünftel der befragten jugendlichen Chatter an, während der Chatbesuche gegen ihren Willen nach sexuellen Dingen gefragt worden zu sein. Jeder Neunte habe bereits unaufgefordert Nacktfotos und fünf Prozent sogar Pornofilme zugeschickt bekommen. Acht Prozent seien vor der Webcam zu sexuellen Handlungen aufgefordert worden.[17] Die aktuelle Studie des Kriminologischen Instituts Niedersachsen bestätigt das relativ hohe Ausmaß an cyberbullying und sexueller Belästigung: Fast ein Viertel der 15-jährigen Schülerinnen und Schüler gab an, über das Handy belästigt worden zu sein. Rund 15 Prozent seien über das Internet sexuell belästigt worden, wobei Mädchen solchen Angriffen etwa doppelt so häufig ausgesetzt gewesen seien wie Jungen.[18]

Untersuchungsergebnisse zum happy slapping belegen auch dessen relativ hohen Verbreitungsgrad. So räumt beispielsweise ein Drittel der jugendlichen Handy-Besitzer ein, dass in ihrem Freundeskreis Fotos und Videos gewalthaltigen oder pornografischen Inhalts kursieren. Fast jeder Zehnte gab zu, selbst schon einmal solche Inhalte empfangen zu haben. Ein Drittel der Jungen und ein Viertel der Mädchen berichteten, dass in ihrem Bekanntenkreis schon einmal eine Prügelei mit dem Handy gefilmt wurde, wobei die größte Verbreitung bei den 12- bis 15-Jährigen ermittelt wurde.[19] Besonders problematisch dabei ist, dass das Weiterverbreiten solcher Bilder und Filme eine erneute und dauerhafte Demütigung für die Opfer darstellt. Von ähnlichen Befunden berichten auch internationale Studien, die zudem auf den engen Zusammenhang von "traditionellem" bullying in der Schule und cyberbullying sowie auf vergleichbare Profile von Tätern beziehungsweise Opfern wie bei den hergebrachten mobbing-Formen verweisen.[20]

Da cyberbullying mittlerweile - ähnlich wie herkömmliches mobbing - zum Schulalltag gehört, stehen Schulen vor der Aufgabe, Gewaltprävention und Medienerziehung zu verbinden und dabei auch das Internet einzubeziehen. So sind Schülerinnen und Schüler sowie Eltern darüber aufzuklären, was im Chat passieren kann. Zugleich kann der Chatroom aber auch als Unterrichtsmedium genutzt werden. Außerdem können Schulen die Betreuung von Chats organisieren und Opfern helfen. Daneben sollten Lehrkräfte mit den Funktionen moderner Handys vertraut sein und wissen, dass entsprechende Videos und Bilder Gesprächsthemen unter der Schülerschaft sein können.

Im Rahmen der Medienerziehung sollte auch über die Auswirkungen und über mögliche Straftatbestände aufgeklärt werden. So sind Veröffentlichungen von Schlägereien oder Vergewaltigungen ebenso strafbar wie das Beleidigen in Foren oder Chatrooms. Unter Einbeziehung der Schüler- und Elternvertreter sollten klare Regeln über die Nutzung von Handys vereinbart und konsequent gegen Verstöße vorgegangen werden. Schülerinnen und Schülern sollte vermittelt werden, wie man sich vor cyberbullying schützen kann (zum Beispiel: keine Weitergabe von Passwörtern oder PINs, keine Reaktion auf Beleidigungen, Hilfe bei Erwachsenen suchen und anderes mehr). Auch Aufklärungskampagnen wie "Watch your web" können ein stärkeres Bewusstsein für einen verantwortungsvollen Umgang mit persönlichen Daten schaffen.[21]

Fußnoten

14.
Der Begriff wird Bill Belsey, dem Betreiber eines kanadischen Internetportals zum Thema bullying, zugeschrieben. Vgl. Harald Gapski/Annette Schneider/Thomas Tekster, Internet-Devianz, Düsseldorf 2009, S. 27, online: www.lfm-nrw.de/downloads/
lfm_devianzstudie_260309.pdf (26.8.2010).
15.
Der Ausdruck happy slapping tauchte erstmals Anfang 2005 in der britischen Zeitung "The Times" auf, als über die rasche Verbreitung dieses Phänomen berichtet wurde. Vgl. Joaquin A. Nora-Merchan/Rosario Ortega-Ruiz, Neue Formen von Gewalt und Mobbing an Schulen, in: dies./Thomas Jäger (Hrsg.), Gewalt, Mobbing und Bullying in der Schule. Die Rolle der Medien, Kommunen und des Internet, Landau 2007, S. 20, online: www.bullying-in-school.info/uploads/media/E-Book_German_01.pdf (26.8.2010).
16.
Vgl. Catarina Katzer/Detlef Fetchenhauer, Cyberbullying: Aggression und sexuelle Viktimisierung in Chatrooms, in: Mario Gollwitzer u.a. (Hrsg.), Gewaltprävention bei Kinder und Jugendlichen, Göttingen u.a. 2007, S. 127ff.
17.
Vgl. ebd., S. 133.
18.
Vgl. D. Baier u.a. 2010 (Anm. 7), S. 15.
19.
Vgl. Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest, JIM-Studie 2008. Jugend, Information, (Multi-)Media, Stuttgart 2008, S. 64f., online: www.mpfs.de/fileadmin/JIM-pdf08/JIM-Studie_2008.pdf (26.8.2010).
20.
Vgl. Herbert Scheithauer/Tobias Hayer/Heike D. Bull, Gewalt an Schulen am Beispiel von Bullying, in: Zeitschrift für Sozialpsychologie, 38 (2007) 3, S. 141ff.
21.
Vgl. Judith Hilgers/Patricia Erbeldinger, Gewalt auf dem Handy-Display, in: merz. Medien + erziehung, 52 (2008) 1, S. 62; Programm Polizeiliche Kriminalprävention der Länder und des Bundes, Im Netz der neuen Medien: Internet, Handy und Computerspiele, Stuttgart 2008.

Dossier

Menschenrechte

Auf der Flucht vor Zwangsheirat, hinter Gittern wegen der "falschen" Meinung, in der Textilfabrik von Kindesbeinen an: Auch 70 Jahre nach Erklärung der Allgemeinen Menschenrechte ist die Frage nach Freiheit und Würde des Menschen aktuell. Sind Menschenrechte universell? Wer verfolgt Verstöße gegen Menschenrechte? Und wie sieht die Situation in verschiedenen Regionen aus?

Mehr lesen

Kinderrechte machen Schule

Zum Jahrestag des Inkrafttretens der Kinderrechtskonvention am 20. November möchte der Menschenrechts- beauftragte der Bundesregierung, Markus Löning, gemeinsam mit Unicef die Kinderrechte zum Thema an den Schulen machen. Eine umfassende Broschüre zum Thema Kinderrechte bietet interessierten Schulen und Lehrern alle nötigen Informationen zur Gestaltung von Projekten.

Mehr lesen