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13.9.2010 | Von:
Wilfried Schubarth

Neue Gewalt- und Mobbingphänomene als Herausforderung für Schulen

Amokläufe und Amokdrohungen

Zu den neueren Gewaltformen an Schulen müssen seit einigen Jahren auch Amokläufe und -drohungen gezählt werden. Während Amokdrohungen - ob als (Nachahmungs-)Tat aus Spaß, Langeweile oder Rache - inzwischen nicht mehr ganz so selten vorkommen, sind Amokläufe als eine besonders extreme Gewaltform nach wie vor sehr, sehr seltene Einzelfälle. Bei Amokläufen im Zusammenhang mit Schulen ist der Begriff school shootings angemessener, da es sich nicht um spontane, wahllose, sondern meist um zielgerichtete Angriffe mit Tötungsabsicht auf Lehrkräfte und/oder Mitschülerinnen und Mitschüler handelt, bei denen Waffen (Schuss-, Klingenwaffen, Bomben) zum Einsatz kommen und bei denen die Schule bewusst als Tatort gewählt wird.[22]

Bis in die 1990er Jahre hinein waren Amokläufe vor allem ein in den USA auftretendes Phänomen. Mittlerweile sind sie an Schulen zu einer internationalen Erscheinung geworden.[23] In Deutschland haben sich vor allem die Amokläufe von Erfurt (2002), Emsdetten (2006) und Winnenden (2009) ins öffentliche Gedächtnis eingebrannt. Seit 1999, als ein 15-jähriger Schüler eines Gymnasiums in Meißen seine Geschichtslehrerin erstach, ereignete sich beinahe jedes Jahr solch ein Fall extrem schwerer Gewalt. Darüber hinaus gab es zahllose Amokdrohungen, insbesondere im Gefolge von Amokläufen.

Forschungsbefunde zu Schulamokläufen beziehungsweise school shootings lassen auf ein komplexes Ursachengefüge schließen. Wenngleich sich bisher kein einheitliches Täterprofil feststellen ließ (mit der Ausnahme, dass die Täter fast immer männlichen Geschlechts waren), wurde eine Reihe von Risikofaktoren ermittelt: In nahezu allen Fällen hatten die Täter ihre Taten angekündigt und gezielte Vorbereitungen getroffen. Sie konsumierten gewalthaltige Medien (Videos, Musik), zeigten starkes Interesse an Gewalt und Waffen und hatten vor allem auch Zugang zu Schusswaffen. Fast alle Täter galten als "unauffällig", wohnten im Elternhaus und entstammten der Mittelschicht. Einige der Täter hatten ein konkretes mediales Vorbild. Insgesamt betrachtet war ihre Tat ein verlängerter Suizid. Darüber hinaus hatten die Täter in den allermeisten Fällen soziale Zurückweisungen durch Gleichaltrige erlebt und kaum Unterstützung von Freunden, Eltern oder Lehrkräften bei (auch schulischen) Konflikten erfahren, was auf eine nicht unproblematische Rolle der Schule schließen lässt.[24]

Da sich Schulamokläufe wohl nicht gänzlich verhindern lassen, kommt es darauf an, durch gezielte Amokprävention deren Wahrscheinlichkeit zu verringern. School shootings entstehen nicht aus dem Nichts, sondern sind das Ende eines meist längeren Entwicklungsprozesses, in dessen Verlauf sich Auffälligkeiten zeigen. Solche Tathinweise werden leaking genannt (englisch: leckschlagen, durchsickern). Direktes leaking wären zum Beispiel schriftliche (Aufsätze, Briefe, SMS, Chats), verbale oder in Zeichnungen, Fotos oder Filmen festgehaltene Tatankündigungen. Indirektes leaking können auffällige Verhaltensweisen sein wie intensive Beschäftigung mit Waffen, Krieg, früheren school shootings, gewalthaltigen Medien oder auch mit Suizid.[25]

Lehrkräfte sollten leaking-Dokumente und Veränderungen im Verhalten von Schülern stets ernst nehmen, voreilige Stigmatisierungen jedoch vermeiden. Mittlerweile gibt es in vielen Bundesländern Sicherheitskonzepte für Schulen, schulinterne Krisenteams, ausgebildete Ansprechpartner sowie Notfallpläne für Schulen, in denen praktische Leitlinien für den Umgang mit Amoktaten enthalten sind (zum Beispiel Sofortreaktion, Einleiten von Schutzmaßnahmen, Informationsweitergabe, Nachsorge). Der Aufbau eines "Frühwarnsystems" zur Erkennung von Amoktaten (beziehungsweise deren Planung) ist zu empfehlen. Dieses sollte eingebettet sein in eine "Kultur des Hinschauens und Hinhörens".[26]

Darüber hinaus werden in der Öffentlichkeit im Gefolge extremer Gewalttaten auch immer wieder Gegenmaßnahmen diskutiert, wie zum Beispiel ein Verbot des Waffenzugangs, die Begrenzung des Einflusses von gewaltverherrlichenden Medien sowie die besondere Verantwortungswahrnehmung seitens der Medien, die durch ihre reißerischen Berichte nicht unmaßgeblich zu Nachahmungstaten beitragen und die notwendige Sensibilität gegenüber den Trauernden mitunter vermissen lassen.

Fußnoten

22.
Vgl. Herbert Scheithauer/Rebecca Bondü, Amoklauf, Freiburg/Br. 2008, S. 21.
23.
Als "Mutter" aller Schulamokläufe gilt der Amoklauf an der Columbine-Highschool in Littleton (US-Bundesstaat Colorado), als am 20. April 1999 zwei Oberschüler an ihrer Schule 13 Lehrer und Schüler erschossen und weitere 21 verwundeten.
24.
Vgl. Jens Hoffmann/Isabel Wondrak (Hrsg.), Amok und zielgerichtete Gewalt an Schulen, Frankfurt/M. 2007; H. Scheithauer/R. Bondü (Anm. 22); Götz Eisenberg, Damit mich kein Mensch mehr vergisst! Warum Amok und Gewalt kein Zufall sind, München 2010.
25.
Vgl. H. Scheithauer/R. Bondü (Anm. 22), S. 67ff.
26.
Vgl. ebd., S. 91ff.; H. Bründel (Anm. 13); Günther Gugel, Handbuch Gewaltprävention II, Tübingen 2010.

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