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13.9.2010 | Von:
Wilfried Schubarth

Neue Gewalt- und Mobbingphänomene als Herausforderung für Schulen

Fazit und Ausblick

Lehrergewalt, cyberbullying, Amokläufe - was ist daran neu? Lehrergewalt hat es an Schulen immer gegeben. Noch vor nicht allzu langer Zeit galt ein "Klaps" als ein bewährtes Züchtigungsmittel in Schule wie Familie. Neu ist, dass durch die aktuellen Enthüllungen von Missbrauchsfällen in (reform-)pädagogischen Einrichtungen die Frage nach dem Schutz vor Machtmissbrauch an Schulen, die Frage der professionellen Distanz und der Berufsethik der Lehrerschaft auf dem Prüfstand stehen. Das betrifft sowohl die Sensibilisierung für die Wahrung der Kinderrechte als auch die Forderung nach mehr Öffentlichkeit, Transparenz und Kontrolle in den Kollegien wie in den Lehrer-Schüler-Beziehungen sowie die Forderung nach einer gezielten Auswahl und Förderung des Lehrernachwuchses. Entsprechender Forschungs- und Handlungsbedarf ist angezeigt.

Dessen ungeachtet lässt sich bereits festhalten: Lehrergewalt und Schülergewalt sind meist ein Interaktionsprodukt und Ausdruck einer "Schulunkultur" und fordern geradezu eine demokratische, gewaltfreie Konflikt- und Schulkultur heraus. Dazu wurde in den vergangenen Jahren eine Vielzahl von gewaltbezogenen und gewaltunspezifischen Handlungsansätzen entwickelt, die der weiteren Umsetzung in die Schulpraxis bedürfen.[27] Daneben gilt es, Machtmissbrauch und sexuellen Übergriffen in pädagogischen Institutionen vorzubeugen und eine "Kultur der Grenzachtung" zu entwickeln, indem insbesondere den Rechten der Kinder Geltung verschafft wird, wie dem Recht auf die Wahrung ihrer physischen und psychischen Integrität, dem Recht auf Privatsphäre, dem Recht auf Partizipation, dem Recht auf Hilfe in Notlagen und andere mehr.[28]

Cyberbullying ist im Vergleich zum herkömmlichen mobbing kein völlig neues Phänomen, dennoch erreicht mobbing im Internet durch die zeitliche und räumliche Entgrenzung eine bisher nicht gekannte Intensität und Qualität, was für die Opfer die Schmerzen ins Unermessliche treiben kann. Lehrerinnen und Lehrer sollten deshalb die neuen Phänomene kennen und zusammen mit der Schüler- und Elternschaft klare Regeln für den Umgang mit mobbing sowie mit den neuen Medien wie Handys und Internet vereinbaren. Im Unterschied zum beinahe alltäglichen cyberbullying sind school shootings sehr extreme Einzelfälle. Gleichwohl sind Schulen gut beraten, entsprechende "Frühwarnsysteme" aufzubauen und Achtsamkeit und Sensibilität gegenüber ihren Schülerinnen und Schülern zu zeigen.

Viele Schulen haben in jüngerer Zeit zahlreiche Präventionsaktivitäten organisiert, wenngleich sich die Präventionspraxis noch als verbesserungsbedürftig erweist und vor allem mehr Fortbildung notwendig wäre.[29] Angesichts der genannten neuen Herausforderungen werden sich viele Lehrerkollegien deshalb möglicherweise überfordert fühlen oder diese gar als Zumutung empfinden. Das muss nicht zwangsläufig so sein. Denn nach wie vor gilt, dass eine Schule, die systematisch und kontinuierlich ihre Schul- und Lernkultur verbessert und sich dabei an modernen Schulqualitätsstandards orientiert, zugleich auch eine wichtige gewaltpräventive Arbeit leistet. Und die gute Nachricht ist schließlich, dass Gewaltprävention - wie Evaluationsstudien zeigen[30] - durchaus positive Wirkungen zeitigt, was die ganze Schule in ihrer Entwicklung zu einer "guten Schule" voranbringen kann.

Fußnoten

27.
Vgl. Klaus Hurrelmann/Heidrun Bründel, Gewalt an Schulen. Pädagogische Antworten auf eine soziale Krise, Weinheim-Basel 2007; Achim Schröder/Helmolt Rademacher/Angela Merkle (Hrsg.), Handbuch Konflikt- und Gewaltpädagogik, Schwalbach 2008; Wolfgang Edelstein/Susanne Frank/Anne Sliwka (Hrsg.), Praxisbuch Demokratiepädagogik, Weinheim-Basel 2009; G. Gugel (Anm. 26); W. Schubarth (Anm. 8).
28.
Vgl. Ursula Enders, Prävention von sexuellem Missbrauch in Institutionen, 16.4.2010, online: www.zartbitter.de/content/e158/e66/e6417/
PrventionvonMissbrauchinInstitutionen1.pdf (26.8.2010); Adolf Barth, Wenn Macht in der Schule missbraucht wird, in: Pädagogik, 62 (2010) 6, S. 36ff.
29.
Vgl. D. Baier 2010 (Anm. 7), S. 11f.
30.
Vgl. W. Schubarth (Anm. 8), S. 182ff.

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