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13.9.2010 | Von:
Wilfried Schubarth

Neue Gewalt- und Mobbingphänomene als Herausforderung für Schulen

Lehrergewalt, Amokläufe und cyberbullying sind in letzter Zeit als "neue" schulische Gewaltphänomene ins Blickfeld der Öffentlichkeit geraten. Durch entsprechende Präventionsstrategien können Schulen diesen Herausforderungen erfolgreich begegnen.

Einleitung

Meldungen dieses Sommers: Am 13. Juni 2010 wird ein 17-jähriger Gymnasiast in Germering nahe München festgenommen, weil er offenbar einen Sprengstoffanschlag auf seine Schule plante. Am 7. Juli nimmt die Polizei im baden-württembergischen Ludwigsburg einen 16-jährigen Schüler fest, um einen Amoklauf zu verhindern - für die Polizeidirektion Ludwigsburg bereits die 17. Amokdrohung seit Jahresbeginn. Die Internetsuchmaschine Google liefert mittlerweile weit über 100.000 Einträge, wenn man nach "Amokdrohung" in Kombination mit "Schule" sucht. Auch wenn viele Drohungen nicht ernst gemeint sind, stellt sich doch die Frage, ob es neue, auch extreme Gewaltphänomene gibt, auf die sich Schulen einstellen müssen, und wie sie gegebenenfalls damit umgehen können. Dieser Frage werde ich in diesem Beitrag[1] nachgehen und ausgehend von den Gewaltdebatten der vergangenen Jahre Untersuchungsergebnisse zu aktuellen schulischen Gewaltphänomenen darstellen sowie einige Anforderungen an Gegenstrategien formulieren.

Von der Schüler- zur Lehrergewalt

Die aktuelle Debatte um "Schule und Gewalt" wird vor allem durch die Gewalt von Lehrpersonen gegenüber ihnen anvertrauten Schülerinnen und Schülern dominiert. Die in letzter Zeit bekannt gewordenen Fälle von sexueller Gewalt an (reform-)pädagogischen Einrichtungen haben die Öffentlichkeit erschüttert. Jede Gewalttat[2] - egal in welcher Form - ist ein Angriff auf die Rechte der Kinder, sexuelle Gewalt aber im Besonderen, weil sie die Würde eines Menschen zutiefst verletzt. In diesem Zusammenhang ergeben sich viele Fragen: Wie konnte es geschehen, dass in Einrichtungen mit hohem moralischem und emanzipatorischem Anspruch die Rechte von Kindern und Jugendlichen so missachtet werden konnten? Welche Strukturen haben Machtmissbrauch und sexuelle Übergriffe gefördert? Welche Rolle spielten familienähnliches Zusammenleben, persönliche Abhängigkeitsverhältnisse oder das Fehlen externer Kontrollen? Und: Wie ist die "Mauer des Schweigens", die langjährige Praxis des Wegsehens, Vertuschens und Verharmlosens, zu erklären? Dies alles sind Fragen, auf welche die Öffentlichkeit zu Recht Antworten erwartet.[3]

Rasche Antworten wird es indes kaum geben, da im Fokus der schulbezogenen Gewaltforschung der vergangenen Jahre weniger die Gewalt von Lehrpersonen (und erst recht nicht deren sexuelle Übergriffe), sondern vor allem die Schülergewalt stand. Überhaupt - so zeigt ein Blick zurück - sind die jeweiligen Gewaltdebatten nur im historischen Kontext zu verstehen. So spielte bis Ende der 1980er Jahre das Thema "Schule und Gewalt" in der Öffentlichkeit, folglich auch in der Forschung, kaum eine Rolle. Zu jener Zeit wurde Schülergewalt vor allem als Reaktion auf Schulgewalt thematisiert, das heißt, Schülergewalt wurde als eine Art Gegengewalt zur institutionellen Gewalt gesehen, mit der Schülerinnen und Schüler den Leistungsdruck zu kompensieren und die Macht der Institution in Grenzen zu halten versuchten.[4] Ende der 1980er Jahre wurde mit Genugtuung registriert, dass in Deutschland noch keine "amerikanischen Verhältnisse" herrschten; zugleich wurde bereits damals auf Präventionsmöglichkeiten verwiesen, wie die Stärkung des schulischen Erziehungsauftrages, die stärkere individuelle Förderung, verbesserte Lehrer-Schüler-Beziehungen oder die Reform der Lehrerbildung[5] - alles Ansätze, die auch heute noch aktuell sind.

In den 1990er Jahren wurde das Thema "Gewalt an Schulen" - ausgelöst durch eine intensive Berichterstattung - dann zu einem "Medienereignis", was einen Forschungsboom zur Folge hatte. Dabei zeigte sich übereinstimmend, dass die von den Medien suggerierte drastische Zunahme von Schülergewalt nicht belegbar war. Vielmehr ergab sich ein differenziertes Bild: Verbale Aggressionen dominieren, mit Abstand folgen physische Gewalt und Vandalismus. Körperverletzung, Erpressung oder sexuelle Belästigung sind selten, häufiger dagegen Aggressionen gegenüber Lehrern sowie Lehreraggressionen gegenüber Schülern. Jungen sind für Gewalt anfälliger, wobei die geschlechterspezifischen Unterschiede umso mehr hervortreten, je härter die Gewaltformen sind. Nichtgymnasiale Schulformen, insbesondere Förderschulen und Hauptschulen, sind aufgrund ihrer Schülerklientel vergleichsweise stärker durch Gewalt belastet. Von den Jahrgangsstufen kristallisieren sich der siebte bis neunte Jahrgang als Schwerpunkte heraus. Als Gewalt fördernde beziehungsweise hemmende Faktoren wurden sowohl außerschulische als auch innerschulische Faktoren nachgewiesen, zum Beispiel die Lern- und Schulkultur, insbesondere die Qualität des Lehrer-Schüler-Verhältnisses. Daran anknüpfend wurden Möglichkeiten der schulischen Prävention und Intervention abgeleitet.[6]

In der 2000er Jahren wurden nur noch wenige Studien zu Gewalt an Schulen veröffentlicht. Der Forschungsbedarf schien gedeckt, offen blieb jedoch, ob das "Gewaltproblem" kleiner geworden war. Die wenigen aktuellen Studien bestätigen im Wesentlichen die Untersuchungsergebnisse der 1990er Jahre, nach denen die überwiegende Mehrheit der Schülerinnen und Schüler friedfertig ist, wenngleich beachtliche Unterschiede in Abhängigkeit von der Schulform, den sozialen, regionalen und ethnischen Merkmalen zu verzeichnen sind.[7] Zugleich rückten neue Gewaltphänomene ins Zentrum der Aufmerksamkeit: Mobbing beziehungsweise bullying wird mittlerweile als eine besonders problematische und weit verbreitete Gewaltform an Schulen wahrgenommen. Zu den neueren Gewaltformen gehören ferner Amokläufe beziehungsweise Amokdrohungen und cyberbullying, einschließlich happy slapping, die in den 1990er Jahren noch keine Rolle spielten. Das Entstehen und Verbreiten neuer Gewaltphänomene zeigt den im Laufe der Zeit erfolgten Wandel von Gewalt an Schulen im Kontext sozialer und technologischer Entwicklungen. Parallel dazu ist für die vergangenen Jahre kennzeichnend, dass schulische Präventionsstrategien, insbesondere in Form von "Antigewaltprogrammen", sowie die Frage nach deren Wirksamkeit, weiter an Bedeutung gewonnen haben. Die Palette solcher Programme hat sich rasch erweitert und schließt zahlreiche Präventions- und Interventionsprogramme sowohl mit dem Fokus auf Gewalt als auch mit dem Fokus auf mobbing ein.[8]

Während zum sexuellen Missbrauch seitens der Schullehrkräfte keine Daten bekannt sind (zum einen, weil dieses Thema in der Pädagogik offenbar tabu ist, und zum anderen, weil es für die Forschung schwer zugänglich ist), liegen zur sonstigen Lehrergewalt einige Befunde vor. Danach gehört Gewalt, vor allem in psychischer Form, durchaus zum Handlungsrepertoire von Lehrkräften. Einer Untersuchung an österreichischen Schulen zufolge erlebten sich Schülerinnen und Schüler häufiger als Opfer von Lehrerangriffen als von Schülerangriffen.[9] Rund ein Drittel berichtete, im vergangenen Monat (vor der Befragung) eine oder mehrere Kränkungen durch Lehrer erlebt oder beobachtet zu haben. 23 Prozent (siebte und achte Jahrgangsstufe) beziehungsweise 11 Prozent (elfte Jahrgangsstufe) gaben an, drei- oder mehrmals im Monat von Lehrpersonen unfair behandelt worden zu sein.

Eine aktuelle repräsentative Befragung des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen unter 15-jährigen Schülern, die 2007/2008 erstmals auch Lehrergewalt einbezog, ergab einen Anteil von jeweils 27 Prozent, die angaben, von Lehrern lächerlich gemacht beziehungsweise gemein behandelt worden zu sein, zwei bis drei Prozent davon wöchentlich. 2,5 Prozent gaben sogar an, im zurückliegenden Schulhalbjahr von einer Lehrkraft geschlagen worden zu sein, dabei deutlich mehr Jungen als Mädchen.[10] Unsere im Forschungsverbund durchgeführten Studien belegten schon vor einigen Jahren ein beachtliches Ausmaß an Lehrergewalt: So berichtete jeder dritte Schüler, dass es Lehrpersonen gibt, die einen vor der ganzen Klasse blamieren; neun Prozent sagen gar, dass Lehrkräfte auch mal handgreiflich werden. Umgekehrt hat auch jeder vierte Schüler des Öfteren Beschimpfungen oder Beleidigungen gegenüber Lehrpersonen beobachtet.[11] In Studien zum mobbing berichten rund zehn Prozent vom regelmäßigen Mitmachen beim Lehrer-bullying, was darauf verweist, dass Lehrer auch in die Opferrolle gedrängt werden.[12]

Die Befunde zur Lehrergewalt signalisieren insgesamt einen beachtlichen Handlungsbedarf bei der Zivilisierung und Demokratisierung der Lehrer-Schüler-Interaktionen. Aggressives Handeln seitens der Lehrpersonen ist häufig ein Zeichen von Überforderung oder Überlastung, von mangelnden Konfliktlösungskompetenzen und fehlender kollegialer beziehungsweise sozialer Unterstützung. Schulische Beziehungskonflikte wiederum können die mitunter recht strapazierte Gesundheit der Lehrkräfte enorm belasten.

Als Strategien zur Verminderung von Lehrergewalt lassen sich folglich ableiten: die Entwicklung einer demokratischen Schulkultur und eines teamfähigen Lehrerkollegiums, die Förderung von sozialen Kompetenzen bei Schülern und Lehrern, die Verbesserung der schulischen Arbeitsbedingungen und - auf längere Sicht - die zielgerichtete Rekrutierung und Vorbereitung des Lehrernachwuchses.[13]

Cyberbullying und happy slapping

Mit dem Einzug neuer Medien sind auch neue Formen des mobbing verbunden. Dazu gehören vor allem cyberbullying und happy slapping. Unter cyberbullying wird mobbing unter Einsatz von Medien verstanden, wenn ein Opfer über einen längeren Zeitraum per (Online-)Medien schikaniert und gedemütigt wird.[14]

Cyberbullying kann verschiedene Formen annehmen: Beschimpfungen, Bloßstellen im öffentlichen Raum (Internet), Gemeinheiten oder Bedrohungen unter anderem per SMS, E-Mail oder Onlinechat, das Hinterlegen von entsprechenden Texten, zum Beispiel auf dem Pinboard von sozialen Netzwerken wie SchülerVZ, das Vortäuschen der Identität eines Mitschülers oder einer Mitschülerin und dessen beziehungsweise deren Kompromittieren, das Aufnehmen "peinlicher" Bilder oder Filme und deren Weiterleitung beziehungsweise Veröffentlichung, die Beschämung des Opfers durch E-Mails oder SMS mit persönlichen Inhalten, sogenannten Hass-Seiten oder Hass-Gruppen bei SchülerVZ, das gezielte Ausschließen des Opfers in den Internetforen oder bei Onlinespielen, das Androhen von Gewalt im Internet - und noch Vieles mehr.

Eine besonders extreme Form des cyberbullying ist das "happy slapping" ("Fröhliches Zuschlagen") beziehungsweise handy slapping, bei der Jugendliche (meist Jungen) Gewalttaten begehen, diese mit dem Handy filmen und die Filme anschließend verschicken und damit das Opfer bloßstellen und dauerhaft demütigen.[15]

Zur Verbreitung der genannten Phänomene liegen erste Befunde vor, die belegen, dass cyberbullying in Chatrooms weit verbreitet ist. So gaben in einer Studie von 2007 rund vierzig Prozent der befragten Chat-Teilnehmer an, von anderen Chattern bereits beleidigt, gehänselt oder beschimpft worden zu sein. Jeder Zehnte gab an, im Chatroom schon erpresst, unter Druck gesetzt oder bedroht worden zu sein, und rund ein Viertel berichtete von Erfahrungen mit Ausgrenzung, Nicht-Beachtung oder Isolation.[16] Jungen sind sowohl häufiger Opfer als auch häufiger Täter von Chataggressionen. Außerdem gilt: Schulbullies sind auch Chatbullies und Schulopfer sind auch Chatopfer.

In den Chatrooms spielt zudem die sexuelle Viktimisierung eine große Rolle. So gaben in der gleichen Studie gut zwei Fünftel der befragten jugendlichen Chatter an, während der Chatbesuche gegen ihren Willen nach sexuellen Dingen gefragt worden zu sein. Jeder Neunte habe bereits unaufgefordert Nacktfotos und fünf Prozent sogar Pornofilme zugeschickt bekommen. Acht Prozent seien vor der Webcam zu sexuellen Handlungen aufgefordert worden.[17] Die aktuelle Studie des Kriminologischen Instituts Niedersachsen bestätigt das relativ hohe Ausmaß an cyberbullying und sexueller Belästigung: Fast ein Viertel der 15-jährigen Schülerinnen und Schüler gab an, über das Handy belästigt worden zu sein. Rund 15 Prozent seien über das Internet sexuell belästigt worden, wobei Mädchen solchen Angriffen etwa doppelt so häufig ausgesetzt gewesen seien wie Jungen.[18]

Untersuchungsergebnisse zum happy slapping belegen auch dessen relativ hohen Verbreitungsgrad. So räumt beispielsweise ein Drittel der jugendlichen Handy-Besitzer ein, dass in ihrem Freundeskreis Fotos und Videos gewalthaltigen oder pornografischen Inhalts kursieren. Fast jeder Zehnte gab zu, selbst schon einmal solche Inhalte empfangen zu haben. Ein Drittel der Jungen und ein Viertel der Mädchen berichteten, dass in ihrem Bekanntenkreis schon einmal eine Prügelei mit dem Handy gefilmt wurde, wobei die größte Verbreitung bei den 12- bis 15-Jährigen ermittelt wurde.[19] Besonders problematisch dabei ist, dass das Weiterverbreiten solcher Bilder und Filme eine erneute und dauerhafte Demütigung für die Opfer darstellt. Von ähnlichen Befunden berichten auch internationale Studien, die zudem auf den engen Zusammenhang von "traditionellem" bullying in der Schule und cyberbullying sowie auf vergleichbare Profile von Tätern beziehungsweise Opfern wie bei den hergebrachten mobbing-Formen verweisen.[20]

Da cyberbullying mittlerweile - ähnlich wie herkömmliches mobbing - zum Schulalltag gehört, stehen Schulen vor der Aufgabe, Gewaltprävention und Medienerziehung zu verbinden und dabei auch das Internet einzubeziehen. So sind Schülerinnen und Schüler sowie Eltern darüber aufzuklären, was im Chat passieren kann. Zugleich kann der Chatroom aber auch als Unterrichtsmedium genutzt werden. Außerdem können Schulen die Betreuung von Chats organisieren und Opfern helfen. Daneben sollten Lehrkräfte mit den Funktionen moderner Handys vertraut sein und wissen, dass entsprechende Videos und Bilder Gesprächsthemen unter der Schülerschaft sein können.

Im Rahmen der Medienerziehung sollte auch über die Auswirkungen und über mögliche Straftatbestände aufgeklärt werden. So sind Veröffentlichungen von Schlägereien oder Vergewaltigungen ebenso strafbar wie das Beleidigen in Foren oder Chatrooms. Unter Einbeziehung der Schüler- und Elternvertreter sollten klare Regeln über die Nutzung von Handys vereinbart und konsequent gegen Verstöße vorgegangen werden. Schülerinnen und Schülern sollte vermittelt werden, wie man sich vor cyberbullying schützen kann (zum Beispiel: keine Weitergabe von Passwörtern oder PINs, keine Reaktion auf Beleidigungen, Hilfe bei Erwachsenen suchen und anderes mehr). Auch Aufklärungskampagnen wie "Watch your web" können ein stärkeres Bewusstsein für einen verantwortungsvollen Umgang mit persönlichen Daten schaffen.[21]

Amokläufe und Amokdrohungen

Zu den neueren Gewaltformen an Schulen müssen seit einigen Jahren auch Amokläufe und -drohungen gezählt werden. Während Amokdrohungen - ob als (Nachahmungs-)Tat aus Spaß, Langeweile oder Rache - inzwischen nicht mehr ganz so selten vorkommen, sind Amokläufe als eine besonders extreme Gewaltform nach wie vor sehr, sehr seltene Einzelfälle. Bei Amokläufen im Zusammenhang mit Schulen ist der Begriff school shootings angemessener, da es sich nicht um spontane, wahllose, sondern meist um zielgerichtete Angriffe mit Tötungsabsicht auf Lehrkräfte und/oder Mitschülerinnen und Mitschüler handelt, bei denen Waffen (Schuss-, Klingenwaffen, Bomben) zum Einsatz kommen und bei denen die Schule bewusst als Tatort gewählt wird.[22]

Bis in die 1990er Jahre hinein waren Amokläufe vor allem ein in den USA auftretendes Phänomen. Mittlerweile sind sie an Schulen zu einer internationalen Erscheinung geworden.[23] In Deutschland haben sich vor allem die Amokläufe von Erfurt (2002), Emsdetten (2006) und Winnenden (2009) ins öffentliche Gedächtnis eingebrannt. Seit 1999, als ein 15-jähriger Schüler eines Gymnasiums in Meißen seine Geschichtslehrerin erstach, ereignete sich beinahe jedes Jahr solch ein Fall extrem schwerer Gewalt. Darüber hinaus gab es zahllose Amokdrohungen, insbesondere im Gefolge von Amokläufen.

Forschungsbefunde zu Schulamokläufen beziehungsweise school shootings lassen auf ein komplexes Ursachengefüge schließen. Wenngleich sich bisher kein einheitliches Täterprofil feststellen ließ (mit der Ausnahme, dass die Täter fast immer männlichen Geschlechts waren), wurde eine Reihe von Risikofaktoren ermittelt: In nahezu allen Fällen hatten die Täter ihre Taten angekündigt und gezielte Vorbereitungen getroffen. Sie konsumierten gewalthaltige Medien (Videos, Musik), zeigten starkes Interesse an Gewalt und Waffen und hatten vor allem auch Zugang zu Schusswaffen. Fast alle Täter galten als "unauffällig", wohnten im Elternhaus und entstammten der Mittelschicht. Einige der Täter hatten ein konkretes mediales Vorbild. Insgesamt betrachtet war ihre Tat ein verlängerter Suizid. Darüber hinaus hatten die Täter in den allermeisten Fällen soziale Zurückweisungen durch Gleichaltrige erlebt und kaum Unterstützung von Freunden, Eltern oder Lehrkräften bei (auch schulischen) Konflikten erfahren, was auf eine nicht unproblematische Rolle der Schule schließen lässt.[24]

Da sich Schulamokläufe wohl nicht gänzlich verhindern lassen, kommt es darauf an, durch gezielte Amokprävention deren Wahrscheinlichkeit zu verringern. School shootings entstehen nicht aus dem Nichts, sondern sind das Ende eines meist längeren Entwicklungsprozesses, in dessen Verlauf sich Auffälligkeiten zeigen. Solche Tathinweise werden leaking genannt (englisch: leckschlagen, durchsickern). Direktes leaking wären zum Beispiel schriftliche (Aufsätze, Briefe, SMS, Chats), verbale oder in Zeichnungen, Fotos oder Filmen festgehaltene Tatankündigungen. Indirektes leaking können auffällige Verhaltensweisen sein wie intensive Beschäftigung mit Waffen, Krieg, früheren school shootings, gewalthaltigen Medien oder auch mit Suizid.[25]

Lehrkräfte sollten leaking-Dokumente und Veränderungen im Verhalten von Schülern stets ernst nehmen, voreilige Stigmatisierungen jedoch vermeiden. Mittlerweile gibt es in vielen Bundesländern Sicherheitskonzepte für Schulen, schulinterne Krisenteams, ausgebildete Ansprechpartner sowie Notfallpläne für Schulen, in denen praktische Leitlinien für den Umgang mit Amoktaten enthalten sind (zum Beispiel Sofortreaktion, Einleiten von Schutzmaßnahmen, Informationsweitergabe, Nachsorge). Der Aufbau eines "Frühwarnsystems" zur Erkennung von Amoktaten (beziehungsweise deren Planung) ist zu empfehlen. Dieses sollte eingebettet sein in eine "Kultur des Hinschauens und Hinhörens".[26]

Darüber hinaus werden in der Öffentlichkeit im Gefolge extremer Gewalttaten auch immer wieder Gegenmaßnahmen diskutiert, wie zum Beispiel ein Verbot des Waffenzugangs, die Begrenzung des Einflusses von gewaltverherrlichenden Medien sowie die besondere Verantwortungswahrnehmung seitens der Medien, die durch ihre reißerischen Berichte nicht unmaßgeblich zu Nachahmungstaten beitragen und die notwendige Sensibilität gegenüber den Trauernden mitunter vermissen lassen.

Fazit und Ausblick

Lehrergewalt, cyberbullying, Amokläufe - was ist daran neu? Lehrergewalt hat es an Schulen immer gegeben. Noch vor nicht allzu langer Zeit galt ein "Klaps" als ein bewährtes Züchtigungsmittel in Schule wie Familie. Neu ist, dass durch die aktuellen Enthüllungen von Missbrauchsfällen in (reform-)pädagogischen Einrichtungen die Frage nach dem Schutz vor Machtmissbrauch an Schulen, die Frage der professionellen Distanz und der Berufsethik der Lehrerschaft auf dem Prüfstand stehen. Das betrifft sowohl die Sensibilisierung für die Wahrung der Kinderrechte als auch die Forderung nach mehr Öffentlichkeit, Transparenz und Kontrolle in den Kollegien wie in den Lehrer-Schüler-Beziehungen sowie die Forderung nach einer gezielten Auswahl und Förderung des Lehrernachwuchses. Entsprechender Forschungs- und Handlungsbedarf ist angezeigt.

Dessen ungeachtet lässt sich bereits festhalten: Lehrergewalt und Schülergewalt sind meist ein Interaktionsprodukt und Ausdruck einer "Schulunkultur" und fordern geradezu eine demokratische, gewaltfreie Konflikt- und Schulkultur heraus. Dazu wurde in den vergangenen Jahren eine Vielzahl von gewaltbezogenen und gewaltunspezifischen Handlungsansätzen entwickelt, die der weiteren Umsetzung in die Schulpraxis bedürfen.[27] Daneben gilt es, Machtmissbrauch und sexuellen Übergriffen in pädagogischen Institutionen vorzubeugen und eine "Kultur der Grenzachtung" zu entwickeln, indem insbesondere den Rechten der Kinder Geltung verschafft wird, wie dem Recht auf die Wahrung ihrer physischen und psychischen Integrität, dem Recht auf Privatsphäre, dem Recht auf Partizipation, dem Recht auf Hilfe in Notlagen und andere mehr.[28]

Cyberbullying ist im Vergleich zum herkömmlichen mobbing kein völlig neues Phänomen, dennoch erreicht mobbing im Internet durch die zeitliche und räumliche Entgrenzung eine bisher nicht gekannte Intensität und Qualität, was für die Opfer die Schmerzen ins Unermessliche treiben kann. Lehrerinnen und Lehrer sollten deshalb die neuen Phänomene kennen und zusammen mit der Schüler- und Elternschaft klare Regeln für den Umgang mit mobbing sowie mit den neuen Medien wie Handys und Internet vereinbaren. Im Unterschied zum beinahe alltäglichen cyberbullying sind school shootings sehr extreme Einzelfälle. Gleichwohl sind Schulen gut beraten, entsprechende "Frühwarnsysteme" aufzubauen und Achtsamkeit und Sensibilität gegenüber ihren Schülerinnen und Schülern zu zeigen.

Viele Schulen haben in jüngerer Zeit zahlreiche Präventionsaktivitäten organisiert, wenngleich sich die Präventionspraxis noch als verbesserungsbedürftig erweist und vor allem mehr Fortbildung notwendig wäre.[29] Angesichts der genannten neuen Herausforderungen werden sich viele Lehrerkollegien deshalb möglicherweise überfordert fühlen oder diese gar als Zumutung empfinden. Das muss nicht zwangsläufig so sein. Denn nach wie vor gilt, dass eine Schule, die systematisch und kontinuierlich ihre Schul- und Lernkultur verbessert und sich dabei an modernen Schulqualitätsstandards orientiert, zugleich auch eine wichtige gewaltpräventive Arbeit leistet. Und die gute Nachricht ist schließlich, dass Gewaltprävention - wie Evaluationsstudien zeigen[30] - durchaus positive Wirkungen zeitigt, was die ganze Schule in ihrer Entwicklung zu einer "guten Schule" voranbringen kann.
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Fußnoten

1.
Für Recherchen danke ich Juliane Ulbricht.
2.
Auf den Gewaltbegriff kann an dieser Stelle nicht eingegangen werden.
3.
Vgl. Klaus-Jürgen Tillmann, Wie sollen wir erziehen?, in: Potsdamer Neueste Nachrichten vom 24.3.2010, S. 21 und die Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE) zur Verletzung der psychischen und physischen Integrität von Heranwachsenden in pädagogischen Institutionen, online: www.dgfe.de/file.2010-03-20.0594695136 (26.8.2010).
4.
Vgl. Gustav Grauer/Jürgen Zinnecker, Schülergewalt. Über unterschlagene und dramatisierte Seiten des Schülerlebens, in: Gerd-Bodo Reinert/Jürgen Zinnecker (Hrsg.), Schüler im Schulbetrieb, Reinbek 1978, S. 289ff.
5.
Vgl. Thomas Feltes, Gewalt in der Schule, in: Ursachen, Prävention und Kontrolle von Gewalt. Analysen und Vorschläge der Unabhängigen Regierungskommission zur Verhinderung und Bekämpfung von Gewalt (Gewaltkommission), hrsg. von Hans-Dieter Schwind u.a., Band III (Sondergutachten), Berlin 1990, S. 317-341.
6.
Vgl. zum Beispiel Klaus-Jürgen Tillmann u.a., Schülergewalt als Schulproblem. Verursachende Bedingungen, Erscheinungsformen und pädagogische Handlungsperspektiven, Weinheim-München 1999; Wolfgang Melzer/Wilfried Schubarth/Frank Ehninger, Gewaltprävention und Schulentwicklung, Bad Heilbrunn 2004.
7.
Vgl. Dirk Baier u.a., Jugendliche in Deutschland als Opfer und Täter von Gewalt, Hannover 2009; ders. u.a., Kinder und Jugendliche in Deutschland: Gewalterfahrungen, Integration, Medienkonsum, Hannover 2010.
8.
Vgl. ausführlich Wilfried Schubarth, Gewalt und Mobbing an Schulen. Möglichkeiten der Prävention und Intervention, Stuttgart 2010.
9.
Vgl. Volker Krumm/Birgit Lamberger-Baumann/Günter Haider, Gewalt in der Schule - auch von Lehrern, in: Empirische Pädagogik, 11 (1997) 2, S. 257ff.
10.
Vgl. D. Baier u.a. 2009 (Anm. 7), S. 57f.
11.
Vgl. Wilfried Schubarth, Gewaltphänomene aus Sicht von Schülern und Lehrern, in: Die Deutsche Schule, 89 (1997) 1, S. 67.
12.
Vgl. Tobias Hayer/Herbert Scheithauer/Franz Petermann, Bullying: Schüler als Täter - Lehrer als Opfer?!, in: Angela Ittel/Maria von Salesch (Hrsg.), Lügen, Lästern, Leiden lassen, Stuttgart 2005, S. 249.
13.
Vgl. Uwe Schaarschmidt/Ulf Kieschke (Hrsg.), Gerüstet für den Schulalltag, Weinheim-Basel 2007; Heidrun Bründel, Tatort Schule. Gewaltprävention und Krisenmanagement an Schulen, Köln 2009.
14.
Der Begriff wird Bill Belsey, dem Betreiber eines kanadischen Internetportals zum Thema bullying, zugeschrieben. Vgl. Harald Gapski/Annette Schneider/Thomas Tekster, Internet-Devianz, Düsseldorf 2009, S. 27, online: www.lfm-nrw.de/downloads/
lfm_devianzstudie_260309.pdf (26.8.2010).
15.
Der Ausdruck happy slapping tauchte erstmals Anfang 2005 in der britischen Zeitung "The Times" auf, als über die rasche Verbreitung dieses Phänomen berichtet wurde. Vgl. Joaquin A. Nora-Merchan/Rosario Ortega-Ruiz, Neue Formen von Gewalt und Mobbing an Schulen, in: dies./Thomas Jäger (Hrsg.), Gewalt, Mobbing und Bullying in der Schule. Die Rolle der Medien, Kommunen und des Internet, Landau 2007, S. 20, online: www.bullying-in-school.info/uploads/media/E-Book_German_01.pdf (26.8.2010).
16.
Vgl. Catarina Katzer/Detlef Fetchenhauer, Cyberbullying: Aggression und sexuelle Viktimisierung in Chatrooms, in: Mario Gollwitzer u.a. (Hrsg.), Gewaltprävention bei Kinder und Jugendlichen, Göttingen u.a. 2007, S. 127ff.
17.
Vgl. ebd., S. 133.
18.
Vgl. D. Baier u.a. 2010 (Anm. 7), S. 15.
19.
Vgl. Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest, JIM-Studie 2008. Jugend, Information, (Multi-)Media, Stuttgart 2008, S. 64f., online: www.mpfs.de/fileadmin/JIM-pdf08/JIM-Studie_2008.pdf (26.8.2010).
20.
Vgl. Herbert Scheithauer/Tobias Hayer/Heike D. Bull, Gewalt an Schulen am Beispiel von Bullying, in: Zeitschrift für Sozialpsychologie, 38 (2007) 3, S. 141ff.
21.
Vgl. Judith Hilgers/Patricia Erbeldinger, Gewalt auf dem Handy-Display, in: merz. Medien + erziehung, 52 (2008) 1, S. 62; Programm Polizeiliche Kriminalprävention der Länder und des Bundes, Im Netz der neuen Medien: Internet, Handy und Computerspiele, Stuttgart 2008.
22.
Vgl. Herbert Scheithauer/Rebecca Bondü, Amoklauf, Freiburg/Br. 2008, S. 21.
23.
Als "Mutter" aller Schulamokläufe gilt der Amoklauf an der Columbine-Highschool in Littleton (US-Bundesstaat Colorado), als am 20. April 1999 zwei Oberschüler an ihrer Schule 13 Lehrer und Schüler erschossen und weitere 21 verwundeten.
24.
Vgl. Jens Hoffmann/Isabel Wondrak (Hrsg.), Amok und zielgerichtete Gewalt an Schulen, Frankfurt/M. 2007; H. Scheithauer/R. Bondü (Anm. 22); Götz Eisenberg, Damit mich kein Mensch mehr vergisst! Warum Amok und Gewalt kein Zufall sind, München 2010.
25.
Vgl. H. Scheithauer/R. Bondü (Anm. 22), S. 67ff.
26.
Vgl. ebd., S. 91ff.; H. Bründel (Anm. 13); Günther Gugel, Handbuch Gewaltprävention II, Tübingen 2010.
27.
Vgl. Klaus Hurrelmann/Heidrun Bründel, Gewalt an Schulen. Pädagogische Antworten auf eine soziale Krise, Weinheim-Basel 2007; Achim Schröder/Helmolt Rademacher/Angela Merkle (Hrsg.), Handbuch Konflikt- und Gewaltpädagogik, Schwalbach 2008; Wolfgang Edelstein/Susanne Frank/Anne Sliwka (Hrsg.), Praxisbuch Demokratiepädagogik, Weinheim-Basel 2009; G. Gugel (Anm. 26); W. Schubarth (Anm. 8).
28.
Vgl. Ursula Enders, Prävention von sexuellem Missbrauch in Institutionen, 16.4.2010, online: www.zartbitter.de/content/e158/e66/e6417/
PrventionvonMissbrauchinInstitutionen1.pdf (26.8.2010); Adolf Barth, Wenn Macht in der Schule missbraucht wird, in: Pädagogik, 62 (2010) 6, S. 36ff.
29.
Vgl. D. Baier 2010 (Anm. 7), S. 11f.
30.
Vgl. W. Schubarth (Anm. 8), S. 182ff.

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