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30.8.2010 | Von:
Piepenbrink, Johannes

Editorial

Im Januar 2010 übernahm Spanien als erstes Land seit Inkrafttreten des Lissabonner Reformvertrags die rotierende EU-Ratspräsidentschaft. Keine leichte Aufgabe, denn wirtschaftlich befindet sich Spanien in einer tiefen Krise.

Seit eh und je gehört Spanien zu den beliebtesten Urlaubszielen der Deutschen - wie auch vieler anderer Europäer. Die vielen Sonnentage und die spanische Lebensart haben große Anziehungskraft, nicht zuletzt deshalb ist die Tourismusindustrie das zuverlässigste wirtschaftliche Standbein des Landes; weit über fünfzig Millionen Besucher kommen jährlich nach Spanien. So sind während des überhitzten Baubooms, der Mitte der 1990er Jahre einsetzte und etwa ein Jahrzehnt anhielt, vor allem in den Küstenorten zahlreiche zusätzliche Ferienunterkünfte entstanden.

Doch das schöne Wetter und die positiven Zahlen während des Booms haben so manches strukturelle Problem verdeckt, das sich nun nach dem Platzen der "Immobilienblase" und seit Beginn der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise schonungslos offenbart. So galt das Euro-Land Spanien nach der "Griechenlandkrise" im Frühjahr 2010 vielen Beobachtern als der nächste Insolvenzkandidat. Derartige Kassandrarufe haben sich bislang zwar nicht bewahrheitet, aber die Lage ist ernst: Die Arbeitslosigkeit beträgt rund zwanzig Prozent, die Wirtschaft schrumpft, und die Neuverschuldung ist so dramatisch angestiegen, dass die Regierung unter dem Sozialisten José Luis Rodriguez Zapatero zu einem harten Sparkurs gezwungen ist. Auch Spaniens Ratspräsidentschaft der Europäischen Union im ersten Halbjahr 2010 wurde weitgehend von der Krise überlagert.

Es gibt aber auch positive Entwicklungen: Nach Jahren des Schweigekonsenses ist die Aufarbeitung der Franco-Diktatur deutlich vorangekommen. Zudem scheint sich die Lage im lange vom Terrorismus geplagten Baskenland allmählich zu konsolidieren, auch wenn sich die Gegensätze zwischen dem Zentralstaat und den Regionen (Comunidades Autonomas, "Autonome Gemeinschaften") in den vergangenen Jahren eher noch verschärft haben.