APUZ Dossier Bild
1 | 2 | 3 | 4 Pfeil rechts

"Besser als gestern, schlechter als morgen" - Essay


30.8.2010
Durch den beispiellosen Bauboom bis 2008 ist in Spanien eine riesige Immobilienblase entstanden, die inzwischen geplatzt ist. Doch der Optimismus vieler Menschen ist ungebrochen.

Einleitung



Im Kern des Madrider Stadtviertels Chamartín, links und rechts von der prächtigen Castellana-Allee zwischen dem Stadion von Real Madrid und dem großen Platz von Kastilien, scheint sich die derzeitige Wirtschaftskrise bisher kaum ausgewirkt zu haben. Die teuren Restaurants mit den großen Gärten sind in den heißen Sommernächten bis in die Morgenfrühe voll besetzt. Die Frauen aus der Madrider Oberschicht führen ihre luftigen und eleganten Sommerkleider aus; doch es sind nicht nur die Wohlhabenden, welche an dem Brauch, ihre Freunde zumindest einmal alle zwei Wochen zum Abendessen einzuladen, festhalten. Auch wer weniger Geld hat, lässt sich die traditionelle spanische Großzügigkeit nicht nehmen; nur, dass er halt in ein preiswertes Restaurant einlädt, wo er dann allerdings nicht auf die Madrider trifft, die ständig in der Zeitung stehen und im Fernsehen erscheinen.

In einem Land mit einer Arbeitslosenquote von über 20 Prozent und einem zweistelligen Staatsdefizit mag die Konsumfreude der Bevölkerung überraschen; doch sie entspricht einem grundsätzlich positiven Lebensgefühl und einem durchweg optimistischen Blick in die nahe Zukunft. Man fragt sich im Ausland, warum es bei einer so hohen Arbeitslosigkeit nicht zu mehr Protesten in der Bevölkerung kommt und weshalb es die großen Gewerkschaften in dieser Situation so schwer haben, einen Generalstreik zu Wege zu bringen. Darauf gibt es eine einfache Antwort: Viele der Arbeitslosen arbeiten - in der Schattenwirtschaft. Sie erhalten damit außer ihrem Arbeitslosengeld noch einen Arbeitslohn. Schlecht geht es derzeit vor allem den ausländischen Bauarbeitern, die zum großen Teil aus Iberoamerika und Nordafrika eingewandert sind. Noch schlimmer dran sind die Bauarbeiter aus Osteuropa. Nach dem großen Bauboom der Jahre bis 2008 wird nun zu wenig gebaut. Die Bauarbeiter aus den spanischsprachigen Ländern Lateinamerikas werden zum großen Teil jetzt, nach kurzer Umschulung, bei der Altenpflege und im Gaststättengewerbe eingesetzt; weil sie die gleiche Muttersprache wie die Spanier haben, gelingt es vielen, sich rasch auf den Wechsel einzustellen.