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30.8.2010 | Von:
Holm-Detlev Köhler

Spanien in Zeiten der globalen Wirtschaftskrise

Die spanische Wirtschaft befindet sich am Ende eines Wachstumszyklus. Durch die Boomjahre um die Jahrtausendwende sind lange Zeit gravierende strukturelle Schwächen verdeckt worden.

Einleitung

Die von der US-Finanzkrise ausgelöste, was nicht heißt: allein verursachte, Weltwirtschaftskrise hat Spanien in vielerlei Hinsicht härter als andere Länder der Europäischen Union (EU) getroffen. Der Grund dafür ist vor allem die Strukturschwäche der spanischen Wirtschaft, die durch einen langen Boom (1994 bis 2007) verdeckt worden war. Der vorliegende Beitrag beleuchtet zunächst den Zustand und die aktuellen Trends der spanischen Wirtschaft unter dem Einfluss von Globalisierung, EU-Osterweiterung und Masseneinwanderung. Anschließend wird das Augenmerk auf die gravierenden Arbeitsmarktprobleme gelegt. Im dritten Teil werden die wirtschaftspolitischen Maßnahmen zur Bewältigung der Krise analysiert, ehe abschließend die zentralen Herausforderungen bei der Suche nach einem neuen Wachstumsmodell vorgestellt werden sollen.

Die spanische Volkswirtschaft, mit einem Bruttoinlandsprodukt (BIP) von 1,05 Billionen Euro (2009)[1] die achtgrößte der Welt und fünfgrößte Europas, erlebte in der zweiten Jahreshälfte 2008 einen drastischen Einbruch, der sich seitdem zur tiefsten Wirtschaftskrise der jüngeren Vergangenheit ausgeweitet hat. Das BIP sank 2009 um 3,6 Prozent (vgl. Grafik in der PDF-Version), die Binnennachfrage gar um 6,4 Prozent. Der Abschwung hat erhebliche Auswirkungen auf die Beschäftigung: Die Arbeitslosigkeit, die 2006 auf 8,3 Prozent zurückgegangen war (zum Vergleich 1994: 24,2 Prozent) hat sich im ersten Quartal 2010 wieder auf 20 Prozent erhöht (4,6 Millionen Arbeitslose). Die Krise trifft nicht nur Banken, Bau und Industrie, sondern alle Sektoren und Bereiche. Der private Konsum brach ein und die Spanier begannen - ganz gegen ihre Gewohnheit - zu sparen. Zum Teil blieb ihnen gar nichts anderes übrig, da die zuvor allzu großzügigen Banken den Kredithahn zudrehten und so den Konsum auf Pump abrupt abwürgten.

Wie konnte es kommen, dass die am stärksten gewachsene europäische Wirtschaft der späten 1990er und frühen 2000er Jahre so plötzlich und rasant einbrach? Um dies beantworten zu können, ist es notwendig, die vom Boom überdeckten Strukturschwächen der spanischen Wirtschaft genauer herauszuarbeiten. Spanien erlebt seit dem Jahr 2008 eine doppelte Krise: Erstens ist es Teil der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise, und zweitens durchläuft es eine grundlegende Strukturkrise. Letztere steht im Zentrum der folgenden Analyse.

Fußnoten

1.
Sofern nicht ausdrücklich anders angegeben, ist die Quelle aller in diesem Artikel genannten Wirtschafts- und Sozialdaten das Spanische Amt für Statistik INE (Instituto Nacional de Estadística, online: www.ine.es).