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30.8.2010 | Von:
Matthias Jäger

Bröckelt die "geistige Reserve des Okzidents"?

Spanien war jahrhundertelang eine Bastion des Katholizismus. Heute ist nicht zu verkennen, dass die Bindungskraft der (katholischen) Kirche in den vergangenen Jahrzehnten deutlich abgenommen hat.

Einleitung

Für den Vatikan ist Spanien die Feuerprobe für das zukünftige Verhältnis von Staat und Kirche in Europa." Derart kategorisch urteilte die "New York Times" zu Beginn vergangenen Jahres, und auch andere Stimmen sehen Spanien schon als "Anführer einer laizistischen Kulturrevolution in Europa".[1] Angesichts einer unübersichtlichen religionspolitischen Großwetterlage auf dem Kontinent, die zwischen Schweizer Minarett-Verbot und Straßburger Kruzifix-Urteil viel Raum für Spekulationen lässt, fragen sich einige Beobachter: Zeigt die Entwicklung in Spanien, welche Rolle die Religion in Zukunft im säkularisierten Europa noch spielen soll?

Tatsächlich ist wohl derzeit nirgendwo in Europa das Verhältnis zwischen Staat und Kirche so umstritten wie in Spanien. In dem Land, das jahrhundertelang eine Bastion des Katholizismus war, der unter Franco gar offiziell zur Staatsreligion erhoben wurde, ist nicht zu verkennen, dass die Bindungskraft der (katholischen) Kirche in den vergangenen Jahrzehnten deutlich abgenommen hat und ihre Rolle innerhalb der Gesellschaft zunehmend für politischen Zündstoff sorgt. Eine besondere Zuspitzung erfuhr die Situation, als im Frühjahr 2008 innerhalb weniger Wochen der erzkonservative Kardinal Antonio María Rouco Varela - der in regelmäßigen Abständen zu Großdemonstrationen zur Verteidigung des katholischen Familienbildes aufruft - zum Vorsitzenden der spanischen Bischofskonferenz ernannt wurde und die sozialistische Regierung unter José Luis Rodríguez Zapatero - die in ihrer ersten Amtszeit einen linken Reformprozess sondergleichen durchgepeitscht hatte - im Amt bestätigt wurde. Vorausgegangen war den Parlamentswahlen damals ein Wahlkampf, in dem die katholische Kirche eine unverhohlene Wahlempfehlung ("moralische Orientierung") zugunsten der konservativen Volkspartei PP ausgesprochen hatte, während der Sprecher der Muslime im südspanischen Cordoba die Wahl der "fortschrittlichen Parteien" empfohlen hatte. Auch in jüngerer Zeit haben beide Seiten kaum eine Gelegenheit zur Provokation ausgelassen: Während die spanische Bischofskonferenz eine landesweite Plakatkampagne mit dem Tenor startete, dass der iberische Luchs in Spanien besser geschützt sei als das ungeborene menschliche Leben, entschied die sozialistische Regierung genau einen Tag nach den umstrittenen Äußerungen von Papst Benedikt XVI. zum Nutzen von Kondomen während dessen Afrikareise, spontan eine Million Präservative als Sofortmaßnahme gegen Aids nach Afrika zu schicken.

Dieser ideologisch aufgeheizte Konflikt reiht sich ein in eine Entwicklung des Auseinanderdriftens gesellschaftlicher Kräfte, deren Beziehungen durch die beginnende Aufarbeitung des Bürgerkrieges und der Franco-Diktatur nicht eben erleichtert werden, um die es aber in den vergangenen Jahren ohnehin schon nicht zum Besten stand. Während Spanien Nord- und Mitteleuropa gesellschaftspolitisch lange hinterherhinkte, hat die sozialistische Partei PSOE, die seit 2004 die Regierung stellt, das Land quasi auf die Überholspur gesetzt und innerhalb weniger Jahre eine "heilige Kuh" nach der anderen geschlachtet: Erst führte Spanien als zweites Land nach den Niederlanden die gleichberechtigte Ehe für homosexuelle Paare ein, anschließend eines der im EU-Vergleich schnellsten Scheidungsverfahren. Das Fach Bürgerkunde wurde komplementär zum Religionsunterricht eingeführt, die Sterbehilfe soll liberalisiert werden, und ein neues Abtreibungsrecht hat unlängst die letzten parlamentarischen Hürden genommen. Dass seit 2008 zum ersten Mal in der Geschichte Spaniens einem Kabinett mehr Frauen als Männer angehören, spiegelt zwar noch nicht die tatsächlichen gesellschaftlichen Verhältnisse wider, sondern trägt eher pädagogische Züge. Das Bild von der hochschwangeren neuen Verteidigungsministerin Carme Chacon, die entschlossen die Reihen ihrer neuen Untergebenen abschritt, ging dennoch durch die internationale Presse und machte klar, wie tiefgreifend sich die spanische Gesellschaft seit einigen Jahren verändert. Diese Veränderungen versetzen die katholische Kirche, die trotz aller Öffnung neben dem Militär noch immer als ein Grundpfeiler des konservativen Spanien gilt, in eine schwierige Lage. Schon seit einigen Jahren lässt sich beobachten, dass der transicion política, dem Übergang zur Demokratie in den 1970er und 1980er Jahren, nach einer transicion social nun auch eine transicion religiosa zu folgen scheint - spanische Eltern nennen ihre Kinder längst nicht mehr selbstverständlich Piedad, Concepcion oder José María. Aber wie weit ist der Säkularisierungsprozess der spanischen Gesellschaft tatsächlich fortgeschritten? Genaue Mitgliederzahlen von Religionsgemeinschaften und verlässliche Aussagen zur Religiosität der Gesamtbevölkerung sind in Spanien nicht leicht zu bekommen, da im Land der Inquisition heute "niemand gezwungen werden (darf), sich zu seiner Weltanschauung, seiner Religion oder seinem Glauben zu äußern",[2] ein Ausfluss der negativen Religionsfreiheit, der sich zum Beispiel auch auf offizielle Formulare und Anträge erstreckt.[3] Eine aktuelle und umfassende Bestandsaufnahme der religiösen Lage in Spanien bietet der "Religionsmonitor" der Bertelsmann Stiftung, eine repräsentative Erhebung in 21 Ländern, die alle Kontinente und Weltreligionen berücksichtigt und dabei neben sechs weiteren EU-Ländern auch Spanien untersucht. Ein Vorteil dieses Instrumentes liegt darin, dass es die individuelle Religiosität der Spanierinnen und Spanier unabhängig von einer Kirchenmitgliedschaft erfasst.

Fußnoten

1.
Rachel Donadio, For Vatican, Spain is a Key Front in Church-State Battle, in: The New York Times vom 6.1.2009, S. 6; Ute Müller, Spaniens Wahlverlierer Rajoy will wieder gegen Zapatero antreten, derweil muss sich der sozialistische Wahlgewinner auf die harte Opposition der Kirche gefasst machen, in: Die Welt vom 13.3.2008, S. 4.
2.
Artikel 16 Absatz 2 der spanischen Verfassung von 1978, deutsch u.a. bei Adolf Kimmel/Christiane Kimmel, Verfassungen der EU-Mitgliedstaaten, München 2005, S. 789-830.
3.
Vgl. dazu Andrés Ollero Tassara, Anmerkung 1 zu Art. 10: Religionsfreiheit aus spanischer Perspektive, in: Klaus Stern/Peter J. Tettinger, Europäische Verfassung im Werden, Berlin 2006, S. 334-344.