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30.8.2010 | Von:
Matthias Jäger

Bröckelt die "geistige Reserve des Okzidents"?

Pluralisierung und Säkularisierung

Damit deuten alle Hinweise auf die zu erwartenden Entwicklungen der Religiosität in Spanien auf eine Anpassung an den religionssoziologisch feststellbaren Allgemeintrend Westeuropas hin, der seit Jahren durch religiöse Pluralisierung und Entkirchlichung geprägt ist. Eine geringe religiöse Vitalität der Gesamtgesellschaft bleibt jedoch auch nicht ohne Folgen für den geistlichen Nachwuchs. Ausgerechnet in dem Land, das zu allen Zeiten einflussreiche Ordensgemeinschaften innerhalb der römisch-katholischen Kirche hervorgebracht hat - von Dominikanern und Jesuiten bis hin zum Opus Dei und dem Neokatechumenalen Weg -, und das auch deshalb im Franquismus offiziell als reserva espiritual de occidente bezeichnet wurde, bricht der geistliche Nachwuchs weg: In Spaniens 70 Diözesen melden sich immer weniger Priesteramts-Kandidaten, nicht selten kann der Bedarf, der durch aus dem Amt scheidende Geistliche entsteht, nur durch Nachwuchs aus Afrika oder Lateinamerika gedeckt werden.[7]

Daneben könnten auch der demografische Wandel und die starken Einwanderungswellen der vergangenen Jahre schon bald an der Monopolstellung des Katholizismus kratzen und merklich Bewegung in den "religiösen Markt" in Spanien bringen: Zwar kamen mit den zahlreichen Südamerikanern durchaus auch gläubige Katholiken ins Land und konnten die eher laue Religiosität der jungen Generation in gewissem Maße ausgleichen. Gleichzeitig verschiebt sich die regionale Verteilung der Einwanderer aber zugunsten von Menschen aus dem ehemaligen Ostblock - besonders aus Rumänien, Bulgarien und der Ukraine - und aus Nordafrika, die in der Regel christlich-orthodox bzw. muslimisch sind. Auch wenn die nicht-katholischen Gemeinschaften statistisch bisher kaum ins Gewicht fallen, prognostiziert der Soziologe Casanova deshalb, dass Spanien "im Begriff ist, zum ersten Mal seit der Vertreibung von Juden und Muslimen vor einem halben Jahrtausend wieder ein Land mit religiösem Pluralismus zu werden".[8]

Fußnoten

7.
Vgl. KNA-Informationsdienst, (2009) 47, S. 7.
8.
José Casanova, Religiosität in Spanien: Eine erste Kommentierung der Resultate des Religionsmonitors für Spanien, in: Bertelsmann Stiftung, Spanien (Anm. 4), S. 22-29, hier: S. 23.