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Warum zwei Grad?


30.7.2010
Bereits vor 25 Jahren wurde vorgeschlagen, zwei Grad Celsius als kritische Grenze für die Klimapolitik zu verwenden. Aber warum ausgerechnet zwei Grad Celsius?

Einleitung



Der Klimagipfel von Kopenhagen im Dezember 2009 markiert einen Wendepunkt in der globalen Klimapolitik. Die Hoffnung, zügig zu einem Abkommen zu kommen, das die weltweiten Emissionen von Treibhausgasen in absehbarer Zeit wirksam reduzieren könnte, hat sich zerschlagen. Doch das Elend von Kopenhagen hat auch sein Gutes: Die Erwartungen an die internationale Klimadiplomatie können gesenkt werden, sodass die Vielzahl an kompetenten und engagierten Regierungsvertretern, die es sehr wohl gibt, lösbare Aufgaben anpacken können; gleichzeitig können andere Zugänge zu einer globalen Emissionsreduktion gesucht werden, die weitere Akteure ins Spiel bringen.[1]

Eine bedenkenswerte Einschätzung des enttäuschenden Klimagipfels von Kopenhagen stammt aus der Blogosphäre: "Man kann es auch positiv sehen: Das 2-Grad-Ziel setzt sich in den Köpfen fest, die Öffentlichkeit verfolgt die Klimaentwicklung aufmerksam und es gibt einige Länder, die schon konkrete Schritte zum Klimaschutz eingeleitet haben (unter ihnen Deutschland)."[2]

Das Zwei-Grad-Ziel besagt, dass die globale Erwärmung langfristig auf höchstens zwei Grad Celsius (2°C) über der globalen Mitteltemperatur vor der Industrialisierung beschränkt werden soll. Warum aber 2°C? Die Antwort lautet ganz ähnlich wie bei der Frage, warum die Geschwindigkeit von Autos im Stadtverkehr normalerweise auf 50 Kilometer pro Stunde begrenzt wird. Würden die Autos viel schneller fahren, wäre das viel zu gefährlich, würden sie viel langsamer fahren, käme der Verkehr zum Erliegen, und vernünftigerweise setzt man eine runde Zahl als Grenzwert. Mit anderen Worten: Auf Dauer profitieren alle davon, wenn sie sich so koordinieren.

Deshalb ist zu begrüßen, dass sich die Klimakonferenz in Kopenhagen wenigstens dazu durchringen konnte, die folgende, ebenso schwerfällige wie wichtige Formulierung festzuhalten: "Um das letztliche Ziel der Konvention, die Konzentration von Treibhausgasen in der Atmosphäre auf einem Niveau, das eine gefährliche Störung des Klimasystems vermeidet, zu stabilisieren, zu erreichen, werden wir, in Anerkennung der wissenschaftlichen Sicht, wonach der Temperaturanstieg unter 2° Celsius bleiben sollte, auf der Grundlage von Fairness und im Rahmen nachhaltiger Entwicklung, unser langfristiges Handeln zur Bekämpfung des Klimawandels verstärken."[3]

Die Kopenhagener Erklärung, aus der diese Formulierung stammt, ist ebenso wenig ein völkerrechtlich bindendes Dokument wie die Erklärung, in der die G8-Regierungen 2009 feststellten: "Wir erkennen die weit verbreitete wissenschaftliche Sicht an, dass der Anstieg der globalen Mitteltemperatur über vorindustrielle Werte 2°C nicht übersteigen sollte."[4] Analog verhält es sich mit der Betonung des Zwei-Grad-Ziels durch das Major Economies Forum, zu dem 16 Länder und die Europäische Union gehören.[5] Doch diese Dokumente tragen dazu bei, dass sich das Zwei-Grad-Ziel in den Köpfen festsetzt, und darüber hinaus stärken sie einen wichtigen Interpretationsvorschlag für einen Text, der sehr wohl völkerrechtlich bindend ist: Paragraph 2 der UN-Rahmenkonvention zum Klimawandel. In diesem wird "das letztliche Ziel" festgehalten, "eine gefährliche Störung des Klimasystems zu vermeiden".[6]

Die Rahmenkonvention ist von fast allen Ländern der Welt - auch von den USA - ratifiziert worden, also nicht nur von den Ländern, die das Kyoto-Protokoll ratifiziert haben. Sie ist geltendes Völkerrecht. Und auch wenn die Verbindlichkeit des Völkerrechts sehr viel weniger festgefügt ist als die nationaler Gesetze, bleibt das alte römische Prinzip pacta sunt servanda (Verträge sind einzuhalten) eine Regel, an welche sich die Weltgemeinschaft im gemeinsamen langfristigen Interesse halten sollte. Deshalb hat die Frage, wie der Ausdruck "gefährliche Störung des Klimasystems" zu interpretieren sei, eine erhebliche Tragweite. Schon deshalb ist es wichtig, einen Überblick über die Debatte zum Zwei-Grad-Ziel zu gewinnen. Darüber hinaus ist diese Debatte von grundsätzlicher Bedeutung für die weltweite klimapolitische Herausforderung, die eines der großen Themen des 21. Jahrhunderts sein wird.


Fußnoten

1.
Der vorliegende Aufsatz beruht auf unserem Aufsatz Three Views on Two Degrees, European Climate Forum Working Paper 2/2010, Potsdam 2010.
2.
Monaluisa, Ergebnis des Klimagipfels 2009 in Kopenhagen, 30.12.2009, online: www.biobay.de/news/ergebnis-des-klimagipfels-2009-in-kopenhagen (14.7.2010).
3.
United Nations Framework Convention of Climate Change (UNFCCC), Report of the Conference of the Parties on its fifteenth session, held in Copenhagen from 7 to 19 December 2009. Addendum, part two: Action taken by the Conference of the Parties at its fifteenth session, 30.3.2010, online: http://unfccc.int/documentation/documents/
advanced_search/items/3594.php?rec=j&priref=600005735#beg, S. 5 (14.7.2010).
4.
G8, G8 Leaders Declaration: Responsible Leadership for a Sustainable Future, 8.-10.7.2009, online: www.g8italia2009.it/G8/Home/Summit/G8-G8_Layout_locale-1199882116809_Atti.htm, S. 19 (14.7.2010).
5.
Vgl. Major Economies Forum, Declaration of the Leaders. The Major Economies Forum on Energy and Climate, 9.7.2009, online: www.whitehouse.gov/the_press_office/Declaration-of-the-Leaders-the-Major-Economies-Forum-on-Energy-and-Climate, (4.7.2010).
6.
UN, The United Nations Framework Convention on Climate Change, 1992, S. 4, online: http://unfccc.int/resource/docs/convkp/conveng.pdf (14.7.2010).