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Wie die Menschheit die Klimakrise meistern kann - ein optimistisches Essay


30.7.2010
Um einen gefährlichen Klimawandel zu vermeiden, muss das fossile Zeitalter alsbald beendet werden. Ein umfassender Low-carbon-Gründerboom ist denkbar. Doch es bedarf auch einer globalen "Kooperationsrevolution".

Einleitung



Der anthropogene Klimawandel stellt die Menschheit vor historisch einzigartige Herausforderungen. Ein gefährlicher Klimawandel, der zu einer globalen Erwärmung von deutlich über zwei Grad Celsius führte, könnte irreversible Kipp-Punkte im Erdsystem auslösen und zu einer Transformation der globalen Ökosysteme mit ungewissem Ergebnis führen. Welche Auswirkungen ein solcher Erdsystemwandel auf die zukünftig neun Milliarden Menschen, die Weltwirtschaft und die internationale Sicherheit hätten, wird von der Wissenschaft bisher kaum untersucht.[1] Das vorhandene Wissen lässt vermuten, dass in einem solchen Prozess nichtlinearen Wandels der Ökosysteme die vier Grundlagen jedweder Zivilisation unter hohen Anpassungsdruck kämen: die Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln und landwirtschaftlich nutzbarer Fläche, das Trinkwasser, die Klimastabilität sowie die Energiebasis, die bisher vor allem auf der Verbrennung fossiler Energieträger basiert. Damit schafft sich die Weltgemeinschaft ein globales Risikopotenzial, das über die bereits bestehenden globalen Probleme wie die Instabilität der internationalen Finanzmärkte, fragile Staaten oder grenzüberschreitende Pandemien und Kriminalität weit hinausreicht. Es geht um die langfristigen Grundlagen menschlicher Zivilisation. Nur die Bedrohung der atomaren Vernichtung der Erde stellt eine Analogie zur Klimakrise dar. Mit gewichtigen Unterschieden: Die atomare Selbstvernichtung war für die Menschen aufgrund der Bilder von Hiroshima und Nagasaki "fass- und begreifbar" und vor dem Hintergrund der Kubakrise von 1962 eine unmittelbare, sehr reale Bedrohung.

Demgegenüber gibt es viele robuste Mechanismen, die eine wirksame Reaktion auf den Klimawandel erschweren. Ein "Wandel des Erdsystems" überschreitet unsere Vorstellungskraft und unsere historischen Erfahrungen bei Weitem. Die Menschheit hat zwar in ihrem Gedächtnis gespeichert, was Hyperinflation bedeutet und dass ein Zusammenbruch der Weltwirtschaft Weltkriege auslösen kann. Doch die "moderne menschliche Zivilisation" hat sich seit der Neolithischen Revolution vor etwa 10000 Jahren in einem stabilen Klimaraum entwickelt und keine Erdsystemveränderungen erlebt. Im Pliozän, also vor etwa drei Millionen Jahren, war es zum letzten Mal deutlich wärmer als in vorindustrieller Zeit (im globalen Mittel um etwa 2-3°C). Die nördliche Hemisphäre, inklusive des Nordpols, an dem es damals zwischen 10 und 20 Grad wärmer war als derzeit, war in dieser Phase der Erdgeschichte eisfrei und der Meeresspiegel um etwa 15 bis 25 Meter höher. Diese erdgeschichtliche Zeit kennen wir nur aus Büchern und durch Rekonstruktionen der Wissenschaft. Kurzum: Eine drei oder gar sechs Grad wärmere Welt ist für uns kaum vorstellbar.

Zudem ist der Ausgangspunkt der globalen Erwärmung im Gegensatz zur atomaren Bedrohung kein Angriff, kein datierbares Ereignis, gegen das man sich wappnen könnte. Der Klimawandel gleicht vielmehr dem langsamen Abschmelzen eines Gletschers, ausgelöst durch unsere globalen Produktions- und Konsummuster, das ab einem gewissen Punkt nicht mehr zu stoppen ist. Menschen, aber auch politische Systeme und Unternehmen reagieren eher auf Ereignisse als auf schleichende Gefährdungen. Zudem würden die massiven Auswirkungen des gletscherartigen Erdsystemwandels nicht die heute lebenden, sondern vor allem künftige Generationen betreffen. Die Menschheit müsste also präventiv und weitsichtig handeln, ohne bereits von den signifikanten Wirkungen der globalen Erwärmung betroffen zu sein. Ein weiteres Paradoxon besteht darin, dass der weltweit erwirtschaftete Wohlstand noch nie so groß war wie heute und nie so viele Menschen erreichte. Die "Klimakrise" wird ja geradezu dadurch beschleunigt, dass es in vielen Weltregionen, vor allem aber in Asien, endlich gelingt, von der ökonomischen Globalisierung zu profitieren. Zwar lassen sich in einigen Weltregionen Vorboten der destruktiven Wirkungen der globalen Erwärmung beobachten. Für die meisten Menschen ist der Klimawandel jedoch etwas sehr Theoretisches. Viele Menschen in den Entwicklungsländern empfinden den Klimadiskurs gar als einen Versuch, ihnen ihre Entwicklungschancen zu nehmen. Ein weiterer Punkt kommt hinzu: Die Klimawissenschaftler (den Autor eingeschlossen), sind oft nicht weniger erschreckt von den Daten der naturwissenschaftlichen Klimaforschung zu den Folgen der Erwärmung in den kommenden Jahrzehnten und Jahrhunderten als die irritierte Allgemeinheit. Abgesehen von denjenigen, denen Kassandragesänge besondere Genugtuung verschaffen, gibt es einen massiven Trend zur Verdrängung dessen, was Angst macht und verunsichert. Auch die Politik beschäftigt sich (verständlicher Weise) eher mit Problemen die leicht lösbar erscheinen, als mit Herausforderungen, die nach Antworten jenseits der etablierten Pfade verlangen.


Fußnoten

1.
Vgl. Dirk Messner/Stefan Rahmstorf , Kipp-Punkte im Erdsystem und ihre Auswirkungen auf Weltpolitik und Wirtschaft, in: Tobias Debiel u.a. (Hrsg.): Globale Trends 2010, Frankfurt/M. 2009, S. 261-280.