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Futur Zwei. Klimawandel als Gesellschaftswandel


30.7.2010
Der Klimawandel zwingt uns, unseren von Hypermobilität geprägten Lebensstil zu überdenken. Dies stellt auch eine Chance dar und führt uns zu der Frage: Wie wollen wir eigentlich leben?

Einleitung



Der Klimawandel bietet eine Heuristik künftiger Lebensverhältnisse: Eine drohende Naturgefahr zwingt der Menschheit die Frage auf, in welcher Gesellschaft sie künftig leben will. Die Messwerte und Prognosen der Klimaforschung zeichnen ein relativ genaues, regional differenziertes Bild der bereits irreversiblen und noch möglichen Folgen des Klimawandels, von dem viele behaupten, man könne ihn sinnlich nicht erfahren und er werde, wenn überhaupt, erst in ferner Zukunft stattfinden. Wer aber zum Beispiel das rasante (und alle Prognosen übertreffende) Abschmelzen der arktischen Gletscher miterlebt oder über einen längeren Zeitraum hinweg dem Lauf der großen chinesischen Flüsse vom tibetischen Hochplateau ins Meer gefolgt ist, erfährt die Auswirkungen des Klimawandels sehr konkret - und kann sich noch Schlimmeres vorstellen.

Schwieriger vorstellbar ist, wie von solchen Klimaveränderungen die Eckpfeiler moderner Gesellschaften betroffen sein könnten[1] - die Weltmärkte und der materielle Wohlstand, Formen und Normen sozialen Zusammenlebens, Freiheits- und Beteiligungsrechte, Staats- und Volkssouveränität, und anderes mehr. Wird die Weltwirtschaft das "größte Marktversagen"[2] überstehen, als das der Klimawandel gekennzeichnet worden ist, wird sie in avancierte Formen der Natural- und Tauschwirtschaft vordringen, zu mehr Planung tendieren oder sich wieder in moralische Ökonomien einbetten?[3] Werden infolge von Naturkatastrophen und der damit verbundenen Erosion sozialer Gewissheiten individuelle Handlungsspielräume verloren gehen oder mehr Optionen der Selbstverwirklichung entstehen, werden sich Gesellschaften weiter individualisieren oder zu engeren Gemeinschaftsbindungen neigen? Wird die liberale Demokratie den gefährlichen Klimawandel überstehen und sich weiterentwickeln, oder werden sich, postdemokratisch, soziale Kontrolle von unten und autokratische Willkür von oben verstärken? Welche Werte, Einstellungen und Mentalitäten werden eine Welt bei zwei plus X Grad höheren Durchschnittstemperaturen als vor dem industriellen Zeitalter charakterisieren? Wird die wirtschaftliche und finanzielle Globalisierung weiter vorangeschritten sein oder die globale Interdependenz abgenommen haben? Werden Staaten, private Organisationen und Individuen über Kultur- und Religionsgrenzen hinweg enger kooperieren oder sich stärker abschotten und gegeneinander in Stellung bringen? Wird es um 2050 überhaupt noch Nationalstaaten geben oder eine (wie auch immer legitimierte) Weltregierung? Ist die zivilisatorische Maxime friedlicher Konfliktaustragung zu halten, oder werden Naturkatastrophen Verarmung, Massenflucht und "Klimakriege" auslösen?

Die "großen Fragen" lassen sich auf konkrete Alltagssituationen herunterbrechen: Wie werden sich neun oder zehn Milliarden Menschen, der größte Teil davon in Städten, fortbewegen, womit werden sie Fahrzeuge betreiben und Lasten transportieren, Behausungen heizen und kühlen, wovon werden sie sich ernähren, wie werden sie den Boden nutzen? Neben den harten Daten der Klimaforschung und der Energieprognostik gibt es bisher kaum "weiche" Szenarien zur sozialen, politischen, ökonomischen und normativen Entwicklung in den verschiedenen Weltregionen. Und wo sie berechnet werden, werden meist nur Tendenzen der jüngeren Vergangenheit fortgeschrieben; nur gelegentlich finden sich in den Transitionsstudien Abweichungen von den Pfaden des eingefahrenen Modernisierungsmodells - mal par force des choses, weil die Autoren schwere Verwerfungen kommen sehen, mal voluntaristisch als Skizze wünschenswerter Zukünfte einer nachhaltigen und gerechten Entwicklung der Weltgesellschaft.


Fußnoten

1.
Das ist Gegenstand des Forschungsbereichs KlimaKultur am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen (KWI), vgl. Claus Leggewie/Harald Welzer, Das Ende der Welt, wie wir sie kannten. Klima, Zukunft und die Chancen der Demokratie, Frankfurt/M. 2009; Harald Welzer/Hans-Georg Soeffner/Dana Giesecke, KlimaKulturen. Soziale Wirklichkeiten im Klimawandel, Frankfurt/M. 2010.
2.
Nicholas Stern (ed.), Stern Review on the Economics of Climate Change, London 2006.
3.
In diese Richtungen zielen Vorschläge von Michael Braungart/William McDonough, Einfach intelligent produzieren. Cradle to cradle: Die Natur zeigt wie wir Dinge besser machen können, Berlin 2003; Anthony Giddens, The Politics of Climate Change, London 2009; Nico Stehr, Die Moralisierung der Märkte. Eine Gesellschaftstheorie, Frankfurt/M. 2007.