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5.7.2010 | Von:
Hans-Ulrich Dillmann

Als die Möbel "zu tanzen begannen" - Szenen aus Haiti

Staubige Schneise der Zerstörung

Durch Port-au-Prince, wo rund drei Millionen Menschen teilweise in riesigen Armenvierteln leben, zog sich nach dem Beben eine staubige Schneise der Zerstörung - vom Meer hinauf bis nach Pétion Ville in den östlichen Anhöhen der Stadt, von Cité Soleil am nordwestlichen Stadtrand bis nach Carrefour im Süden. Selbst massive Betongebäude waren wie Kartenhäuser nach einem Windstoß in sich zusammengestürzt. Noch tagelang gruben verzweifelte Menschen mit den bloßen Händen nach Verschütteten, qualmten Brandherde. Noch Wochen später wurden immer wieder Leichen aus den Trümmern gezogen und am Straßenrand zum Abtransport abgelegt. Über der Stadt lag noch einen Monat später der süßliche Leichengeruch. Und auch jetzt noch finden sich in den zerstörten Gebäuden, die abgetragen werden, die Knochenreste Verstorbener.

Vor allem die Innenstadt der haitianischen Hauptstadt ist fast vollständig zerstört, das Regierungsviertel im Zentrum rund um den Champs de Mars ist eine einzige Steinwüste. Die Finanz-, Erziehungs- und Justizministerien sowie das Parlamentsgebäude, das Finanz- und Katasteramt, die Post und die Stadtverwaltung sind nur noch eine Schutthalde. Auch die anderen Ministerien wurden so schwer in Mitleidenschaft gezogen, dass sie ein Fall für die Abrissbirne sind. In den Trümmern starben unter anderem der Justizminister Paul Denis und weitere hohe Funktionäre. Von der berühmten Maria Himmelfahrt-Kathedrale der Stadt stehen nur noch die Grundmauern. Beim Einsturz wurde der Erzbischof von Port-au-Prince, Joseph Serge Miot, getötet. Der pittoreske Marché en Fer mit seiner von Gustave Eiffel entworfenen Eisenhalle in der Rue Travesière ist in sich zusammengekracht. Aus dem schwer beschädigten Zentralgefängnis konnten fast alle Gefangene entfliehen.

Auch das Hôtel Christopher, Verwaltungszentrale und politisches Hauptquartier der UN-Mission für die Stabilisierung in Haiti (Mission des Nations Unies pour la Stabilisation en Haïti - MINUSTAH) stürzte ein. Fast 200 Personen starben, darunter auch mindestens drei deutsche Staatsangehörige im Dienste der UN, die seit dem Jahr 2004 mit rund 7.000 Soldaten aus 18 Ländern und 2.000 Polizisten aus 42 Ländern für Sicherheit in Haiti sorgen soll. In den Trümmern des fünfstöckigen MINUSTAH-Headquarters fanden der Missionschef, Hédi Annabi, sein Stellvertreter und auch der Chef der United Nations Police (UNPOL) den Tod. Außerdem starben führende Oppositionspolitiker wie der Sozialdemokrat Michel Gaillard oder der Schriftsteller Georges Anglade.

Die Bilanz der Naturkatastrophe ist verheerend: Nach Angaben des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes sind bis zu drei Millionen Menschen direkt oder indirekt von dem Erdbeben betroffen, dies entspricht einem Drittel der Bevölkerung Haitis. Etwa 1,3 Millionen Menschen wurden obdachlos, weil ihre Häuser - nach Angaben der haitianischen Regierung 97.294 - völlig zerstört sind oder so schwer in Mitleidenschaft gezogen wurden, dass sie abgerissen werden müssen. 800.000 Menschen leben seit Mitte Januar in einem der über 800 provisorischen Lager, die in Port-au-Prince und Umgebung auf fast jeder Freifläche entstanden sind. Innerhalb Haitis gibt es über eine halbe Million sogenannte Internally Displaced People (IDP), Erdbebenopfer, die ihre ehemaligen Unterkünfte aufgegeben haben und in ihre Heimatgemeinden in den nördlichen, östlichen und westlichen Provinzen vornehmlich bei Verwandten untergekommen sind.

Etwa 4.000 Schulgebäude sind nicht mehr nutzbar, 1.300 tote Lehrerinnen und Lehrer zählte das Erziehungsministerium. Über die Zahl der toten Schüler und Studenten gibt es keine offiziellen Angaben, sie dürfte nach Tausenden zu zählen sein. Der Schulunterricht musste bis Anfang April unterbrochen werden und noch immer reichen die notdürftig errichteten Klassenräume nicht für die rund 350.000 Schülerinnen und Schüler. Auch viele private und öffentliche Universitäten haben wegen Mangel an Unterrichtsräumen ihren Betrieb noch nicht wieder vollständig aufgenommen.

Zwischen 250.000 und 300.000 Menschen starben, offiziell spricht die UN von 225.000 Toten. Allerdings wurden in den ersten Tagen Leichen in Massengräber beigesetzt, ohne dass deren Daten registriert worden wären: Wer einen Leichnam fand, legte ihn an den Straßenrand, wo er vornehmlich nachts abgeholt und weggebracht wurde. Vor dem Hospital Chirurgical de la Trinité im Stadtteil Bel-Air stapelten sich tagelang immer wieder neue aufgedunsene leblose Körper auf dem Bürgersteig, während ein paar Meter weiter auf der Straße Schwerverletzte behandelt wurden. Wegen der Einsturzgefahr hatten Mitarbeiter der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen eine Notaufnahme unter freiem Himmel für die schlimmsten Fälle eingerichtet.


Hintergrund aktuell (01.04.2010)

Knapp zehn Milliarden Dollar für Haiti

Eine neue Zukunft für Haiti: Auf Einladung der UN haben sich unter diesem Motto am Mittwoch (31.03.2010) Vertreter von mehr als 150 Staaten auf einer internationalen Geberkonferenz in New York getroffen. Für den langfristigen Wiederaufbau Haitis wollen Staaten und Organisationen rund 10 Milliarden Dollar zur Verfügung stellen. Das ist deutlich mehr als erwartet.

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