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5.7.2010 | Von:
Oliver Gliech

Haiti - Die "erste schwarze Republik" und ihr koloniales Erbe

Von der "Perle der Antillen" zur "schwarzen Republik"

Der Staat Haiti, der im Jahr 1804 als erstes Land Lateinamerikas seine Unabhängigkeit erlangte, verdankt seine Existenz der einzigen erfolgreichen Sklavenrevolution der Weltgeschichte.[1] Vor diesem Ereignis, einem karibischen Ausläufer der französischen Revolution von 1789, war das Land, das zum französischen Kolonialreich gehörte und damals noch Saint-Domingue hieß, die profitabelste Plantagenwirtschaft der Welt. Sie bildete das Rückgrat des französischen Außenhandels und belieferte Zentraleuropa mit begehrten Luxusgütern wie Zucker und Kaffee - die vor allem im deutschsprachigen Raum konsumiert wurden. So wurde die Kaffeehauskultur des 18. Jahrhunderts, der die Aufklärung und die bürgerliche Öffentlichkeit so viel verdanken, im Wesentlichen von dominginischem Kaffee gespeist. Die sozialen Kosten dieses ökonomischen Erfolgs waren beträchtlich. Um die rasch expandierende karibische Plantagenwirtschaft am Laufen zu halten, wurden Hunderttausende afrikanischer Sklaven gewaltsam nach Saint-Domingue gebracht. Im Jahr 1789 standen 40.000 weißen Franzosen und ebenso vielen freien Farbigen etwa eine halbe Million schwarzer Zwangsarbeiter gegenüber. Die Zahl der dominginischen Sklaven erreichte damit eine ähnliche Größenordnung wie jene in den Vereinigten Staaten von Amerika.

Als die staatliche Ordnung der Kolonie in den ersten Jahren der Französischen Revolution zerfiel, gerieten die afrikanischen Sklaven außer Kontrolle. 1791 kam es im Norden Saint-Domingues zu einem großen Aufstand der Schwarzen, 1793 schafften französische Revolutionskommissare die Sklaverei in der Kolonie ab. Toussaint Louverture stieg zum Revolutionsführer auf und strebte eine autonome schwarze Modellrepublik auf der Basis einer Plantagenwirtschaft mit freier Lohnarbeit an. Napoleon Bonaparte durchkreuzte mit seiner Invasion in Saint-Domingue diese Pläne, doch endete diese 1803 mit einer verheerenden Niederlage der Franzosen. Die weißen Plantageneigentümer wurden vertrieben und enteignet. Louverture starb in französischer Gefangenschaft. Seine Nachfolger, die Gründer Haitis, gaben seine Vision einer reichen, von Schwarzen geführten Plantagenwirtschaft auf.[2] Die Macht fiel 1804 in die Hände zweier Gruppen: Es handelte sich zum einen um schwarze Offiziere der Aufstandsarmee, zum anderen um farbige landlords, die als Nachkommen weißer Pflanzer und schwarzer Sklavinnen bereits zur Kolonialzeit zur Schicht wohlhabender Kaffee-, Indigo- und Baumwollpflanzer gehört hatten und die häufig über französische Bildung verfügten. Dank ihres kulturellen und ökonomischen Vorsprungs gewannen sie bald nach der Unabhängigkeit Haitis eine Sonderstellung innerhalb des neuen Staates, die ihre Nachfahren bis in die Gegenwart hinein bewahren konnten.

Revoltierende Afrikaner, die die Macht an sich rissen, waren für die sklavenhaltenden Staaten der Nachbarschaft eine Provokation, mussten sie doch damit rechnen, dass diese Revolte auf die Anrainerstaaten der Karibik übergriff.[3] Zwar fand Haiti trotz dieser Vorbehalte mühelos Abnehmer für seinen Kaffee und Tabak, politisch blieb es gleichwohl weitgehend isoliert. Die grassierenden Rassenideologien gaben der Geringschätzung der schwarzen Republik bald ein neues Fundament. Eine afrokaribische Nation konnte aus der Sicht hellhäutiger Kreolen beider Amerikas kein ernstzunehmendes Subjekt des Völkerrechts sein. Frankreich gab seinen Besitzanspruch auf Haiti erst gut 20 Jahre nach der Unabhängigkeit auf. Bis zu diesem Zeitpunkt musste das Land mit einer Rückeroberung rechnen und den größten Teil seiner Staatseinnahmen für militärische Zwecke verwenden. Zudem lag es in seinem Interesse, den wertvollen Teil seiner Wirtschaft verfallen zu lassen, um nicht länger als lohnendes Objekt einer Invasion zu gelten. 1825 erkaufte sich Präsident Jean-Pierre Boyer die Anerkennung Haitis durch Frankreich durch eine hohe Entschädigungszahlung an die ehemaligen Plantagenbesitzer. Diese Verpflichtung begründete die haitianische Auslandsverschuldung, welche die weitere Entwicklung des Landes in erheblichem Maße behinderte.[4]

Aus der Sicht der Großmächte konnte man Haiti - einer schwarzen Republik - nur eine verminderte Souveränität zugestehen. Wie sonst ließe sich erklären, dass die USA keine Notwendigkeit sahen, sich zu rechtfertigen, als sie das Land 1915 besetzten, um eine Serie von Bürgerkriegen zu beenden und das Vorfeld des Panamakanals abzusichern? Die 19 Jahre währende Besatzungsherrschaft wurde paternalistisch begründet: In kolonialer Manier wurden die Haitianer wie Unmündige behandelt, die weißer Führung bedurften, um ein modernes Staatswesen zu begründen.

Fußnoten

1.
Vgl. Robin Blackburn, The Overthrow of Colonial Slavery 1776-1848, London 1996, S. 161-264; David Patrick Geggus, Haitian Revolutionary Studies, Bloomington 2002; Oliver Gliech, Der Sklavenaufstand von Saint-Domingue und die Französische Revolution (1789-1795), Köln 2010 (i.E.).
2.
Vgl. Walther Bernecker, Kleine Geschichte Haitis, Frankfurt/M. 1996, S. 37-46.
3.
Vgl. John E. Baur, International Repercussions of the Haitian Revolution, in: The Americas, 26 (1970), S. 394-418.
4.
Vgl. Benoît Joachim, Les racines du sous-développement en Haïti, Port-au-Prince 1979, S. 180-191.

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