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5.7.2010 | Von:
Oliver Gliech

Haiti - Die "erste schwarze Republik" und ihr koloniales Erbe

Koloniale Altlasten

Saint-Domingue war als prosperierende Zucker- und Kaffeekolonie eine Quelle großen Reichtums, Haiti hingegen ist einer der ärmsten Staaten der westlichen Welt. Wie lässt sich dieses Paradox erklären? Gab es eine realistische Chance, die "weiße" Erfolgsgeschichte der kolonialen Plantagenwirtschaft als "schwarze", haitianische fortzuschreiben, und wenn nicht, worauf war dies zurückzuführen? Was mehr als 100 Jahre Sklaverei und koloniale Herrschaft und zehn Jahre revolutionärer Kriege in Haiti hinterließen, war eine hochgradig fragmentierte Gemeinschaft. Gelang es der schwarzen Aufstandsbewegung, die Sklaverei zu zerschlagen und ihre einstigen weißen Herren zu vertreiben, so erwiesen sich doch viele in der Kolonialzeit entstandenen sozialen Strukturen als übermächtig. Die großen Zuckerpflanzungen gaben der Kolonie das Gepräge einer "Plantagengesellschaft".[5] Als frühe agrarindustrielle Unternehmen produzierten sie allein für den Export nach Europa. Sie operierten als weitgehend autarke Produktionseinheiten, die in der Karibik weder Zulieferer noch Absatzmärkte besaßen. Infolgedessen beschränkten sie ihre ökonomischen Beziehungen und sozialen Vernetzungen in der Region auf ein Minimum. Das Gleiche galt für die Bewegungsfreiheit der meisten Sklaven, deren Leben sich innerhalb der engen Grenzen ihrer Plantagen abspielte. Die Infrastruktur Saint-Domingues verband die Plantagen einer Region mit dem nächsten Exporthafen, eine weiterreichende Erschließung des Landes hingegen blieb aus. Viele ehemalige Plantagengesellschaften weisen ähnliche Merkmale auf und zeichneten sich in postkolonialer Zeit durch schwache überregionale Verstrebungen, eine Atomisierung der politischen Landschaft und eine Überbetonung lokaler Gemeinschaft aus - Haiti ist ein Paradebeispiel für diese strukturellen Defizite.

War die Arbeitskraft im Zuckerkomplex afrikanisch, so monopolisierten die Weißen alle technischen und administrativen Schlüsselpositionen, die zum Betrieb von Staat und Wirtschaft der Kolonie unentbehrlich waren. Das Kapital kam aus Frankreich; Handel, Medizinalwesen, Rechtssystem sowie Know-how über den Bau der Zuckermühlen bis zu Bewässerungstechniken und akademisch verfeinerten Methoden in Anbau und Raffinade waren "weiße" Domänen. Mit der Flucht und Vertreibung der weißen Plantagenbesitzer wanderte dieses sorgsam gehütete Wissen zusammen mit dem ausländischen Kapital ab. Die Plantagen Saint-Domingues waren "totale Institutionen", in denen die Sklaven allen Schutzbestimmungen zum Trotz der Willkür des Eigentümers ausgeliefert waren.[6] Entstand in Europa langsam das Fundament moderner Rechtsstaaten, so blieben die Sklaven von seinen Segnungen ausgeschlossen. Europäisches Recht und europäische Staatlichkeit dienten in der Karibik allein den Interessen der Plantagenbesitzer und zementierten ihre Macht über die Schwarzen. Alle ernstgemeinten Versuche, in Haiti nach der Unabhängigkeit einen Rechtsstaat zu etablieren, wurden infolgedessen nicht nur vom kleptokratischen Teil der Eliten, sondern auch von der breiten Masse der Haitianer sabotiert. Namentlich auf dem Lande setzten Offiziere, Händler und kleine Staatsfunktionäre die Willkürherrschaft der weißen Pflanzer fort und legten geltendes Recht nach eigenem Gutdünken aus.[7] Die schwarzen Gemeinschaften entwickelten eigene Regeln und versuchten sich dem Zugriff von Staat und landlords so weit wie möglich zu entziehen.

Diese Anomie ist bis heute ein unübersehbares Merkmal der haitianischen Gesellschaft. Wirkte sie der Entstehung moderner politischer Strukturen entgegen, so minderte sie auch die Durchsetzungskraft autoritärer Regime. Lange Zeit war sie infolgedessen der Garant individueller Freiheit. Zugleich bildete sie die Grundlage informeller Bodenrechte, die für Lateinamerika durchaus bemerkenswert waren. Zwar versuchten die Eliten nach dem Vorbild iberoamerikanischer Großgrundbesitzer immer wieder, sich möglichst viel Land anzueignen. Da die Festschreibung von Bodenrechten aber allgemein sabotiert wurde, gelang es kleinbäuerlichen Gemeinschaften immer wieder, ihnen geraubtes Land nach kurzer Zeit von neuem zu besetzen.[8] In Haiti wechselten sich Landnahme der Eliten und informelle Landreform ab wie Ebbe und Flut. Die kleinbäuerlichen Gemeinschaften (lakous), die auf den Trümmern der zerfallenen Zuckerplantagen entstanden, sicherten ihren Mitgliedern ein bescheidenes Auskommen. Ließ sich die arme Landbevölkerung immer wieder für begrenzte Zeit von lokalen Machthabern mobilisieren, so nahm sie doch Staat und Eliten als Fremdkörper, wenn nicht gar als Feinde wahr. Diese weit verbreitete Mentalität setzt demokratischen Institutionen und jeglicher staatlichen Reform- und Entwicklungspolitik der Gegenwart klare Grenzen.

Die Zuckerplantagen waren factories in the field, frühe Agrarfabriken.[9] Greift man auf die gängigen Definitionen eines industriellen Unternehmens zurück und vergleicht sie mit diesen kolonialen Pflanzungen, wird dies schnell deutlich. Man versteht unter Fabriken kapitalistische Betriebe, die Güter - in diesem Fall Zuckerhüte, teils auch Rum - in einem geschlossenen Kreislauf herstellen. Die Produktion ist räumlich konzentriert, arbeitsteilig organisiert und gewinnorientiert. Industriebetriebe arbeiten unter Einsatz von Maschinen und treiben diese mit einer zentralen Energiequelle an. Die einzelnen Arbeitsschritte industrieller Prozesse sind eng aufeinander abgestimmt und erfordern eine strikte Regulierung der verfügbaren Zeit. All diese definitorischen Voraussetzungen waren in der dominginischen Zuckerwirtschaft erfüllt. Da der Saft des Zuckerrohrs unverzüglich nach der Ernte verarbeitet werden muss, wurde die herrschende Logik - Gewinnung von Rohstoffen in der Kolonie, industrielle Verarbeitung in Europa - in der Karibik durchbrochen. Dadurch entstand eine paradox anmutende Situation: Um 1789 konnte man etwa die Hälfte der kolonialen Wirtschaft zum frühindustriellen Sektor rechnen. Fraglos hing dieser am Tropf der Metropole, dennoch war die Industrialisierung in Saint-Domingue weiter fortgeschritten als in Frankreich.

Ein Großteil der schwarzen Arbeiter war also bereits an einen industriellen Arbeitsrhythmus gewöhnt. Doch wieso ließ sich dieser Vorsprung nicht nutzen, um andere, weniger kapitalintensive Industrien anzusiedeln, um den Zuckerkomplex, der mit der Sklaverei assoziiert wurde, zu ersetzen? Eine solche Entwicklung wurde durch die Aufstandsbewegung blockiert, die sich aus den Plantagensklaven rekrutierte. Der Übergang von bäuerlicher zu industrieller Arbeit vollzog sich in Europa über drei bis vier Generationen hinweg und wurde durch demografischen Druck und Lohnanreize gefördert. Die Sklaven hingegen wurden ihrer agrarischen Lebenswelt gewaltsam entrissen und erlebten, wie der Zuckerkomplex ihre Arbeitskraft rücksichtslos verschliss: Die Mortalität lag in Saint-Domingue mit gut fünf Prozent jährlich in Größenordnungen, die in Europa nur in Zeiten schwerer Seuchen und Kriege erreicht wurden. Lohn und Leistungsanreize kannte der Plantagenkomplex nur für eine privilegierte Minderheit von Afrikanern. Für die Masse der Zuckerarbeiter bedeutete der frühindustrielle Arbeitsrhythmus keine Chance auf ein bescheidenes Einkommen, sondern eine existenzielle Bedrohung, der sie sich nach dem Erfolg ihres Aufstands von 1791 unverzüglich entzogen. Versuchten die neuen schwarzen Herren, sie mit Lohnversprechen oder unter Zwang zurück in den Zuckerkomplex zu bringen, so sabotierten die einstigen Plantagensklaven dies und begannen ihrerseits mit der Parzellierung der Plantagen. Einzig die Kaffeewirtschaft, die sich auch auf kleinbäuerlicher Basis organisieren ließ, hatte unter diesen Bedingungen eine Überlebenschance. Der Übergang von agrarischer zu industrieller Lebenswelt war in Saint-Domingue viel zu abrupt geschehen; ihr Arbeitsrhythmus wurde seither mit der Sklaverei in Verbindung gebracht und konnte deshalb in den folgenden Generationen in Haiti nicht mehr Fuß fassen. Dies ist eine mentale Spätfolge der Kolonialzeit.

Fußnoten

5.
Vgl. George Beckford, Persistent Poverty: Underdevelopment in Plantation Economies of the Third World, London 1972.
6.
Vgl. ebd., S. 9.
7.
Vgl. Claude Moïse, Constitutions et luttes de pouvoir en Haïti, 1804-1987, Bd. 1, Montréal 1988, S. 260.
8.
Vgl. Gérard Barthélémy, Le pays en dehors: essai sur l'univers rural haïtien, Port-au-Prince 1989.
9.
Vgl. Sidney Mintz, Die süße Macht. Kulturgeschichte des Zuckers, Frankfurt/M. 1992, S. 75-82.

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