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5.7.2010 | Von:
Oliver Gliech

Haiti - Die "erste schwarze Republik" und ihr koloniales Erbe

Weitere Zersplitterung der Gesellschaft

Nicht nur die Eigenheiten der Plantagengesellschaft und die "rassische" Teilung in schwarze Unter- und hellhäutige Oberschichten begünstigten die Zersplitterung der haitianischen Gesellschaft. Die sozialen Fliehkräfte wurden durch geografische und ethnische Faktoren begünstigt. Haiti besteht aus zwei langen Halbinseln und einer Landbrücke, die beide miteinander verbindet. Die Annexion von Teilen des ehemals spanischen Santo Domingo erweiterte das Staatsgebiet nach Osten um das zentrale Hochland. Drei in Ost-West-Richtung verlaufende Gebirgszüge der karibischen Kordilleren, die Höhen von über 2000 Meter erreichen, bilden schwer zu überwindende Barrieren, die Haiti in mehrere isolierte küstennahe Ebenen mit angegliederten Bergtälern unterteilen. Diese abgetrennten Räume führten ein Eigenleben jenseits von Kolonie und Nation und ließen sich nach 1804 nur schwer in einen gemeinsamen Staat integrieren. Das Erbe der zerfallenen Plantagengesellschaft - Atomisierung und Regionalismus - verstärkte diesen Effekt nachhaltig.[10]

Der Sklavenhandel führte Vertreter von über 100 afrikanischen Ethnien nach Saint-Domingue, wobei sich ihre Zusammensetzung in den einzelnen Provinzen maßgeblich unterschied.[11] Die erdrückende Masse der dominginischen Sklaven stammte aus sozial nur schwach integrierten bäuerlichen Gemeinschaften am Rande einer slaving frontier, die im Laufe des 18. Jahrhunderts in den meisten betroffenen Regionen immer weiter landeinwärts wanderte. Bei Ausbruch der haitianischen Revolution dominierten unter den neu eingeführten Sklaven die Bantuvölker, die aus dem Kongobecken und Angola stammten, an zweiter Stelle standen Aja und Yoruba (aus den nördlichen und westlichen Nachbarregionen von Dahomey und dem Oyo-Reich). An dritter Stelle rangierten Ibo aus den staatenlosen Gemeinschaften im Nordosten des Nigerdeltas. Geringere Zahlen von Schwarzen kamen aus Senegambia, der Goldküste und Sierra Leone. In einigen Regionen Saint-Domingues dominierten die Aja/Yoruba (Saint-Marc/Gonaives); im Raum von Port-au-Prince lagen diese mit den Bantu nahezu gleichauf. In der Region von Cayes stellten hingegen die Ibo die zweitstärkste ethnische Gruppe nach den Bantu.

Um bei einem Kräfteverhältnis zwischen Schwarzen und Weißen von zehn zu eins zu überleben, schürten weiße und farbige Plantagenbesitzer die ethnischen Rivalitäten zwischen den Sklaven, durchmischten ihre "Ateliers" mit verfeindeten Stämmen, begünstigten einzelne Stammesgruppen bei der Ernennung von Haussklaven und Aufsehern oder bei den selten vorkommenden Freilassungen und setzten andere Ethnien ebenso ostentativ herab.[12] Die schwarze Aufstandsbewegung von 1791 bis 1794 operierte häufig in ethnischen Verbänden; auch die siegreichen schwarzen Führer setzten die ethnische Segregation fort. Revolutionsführer Toussaint Louverture stammte aus einer Fürstenfamilie aus dem Aja-Reich Arada; er bevorzugte Vertreter dieser Volksgruppe, weigerte sich aber, höhere Offiziere und Berater aus den Reihen der Bantu zu berufen, welche die Bevölkerungsmehrheit stellten. Henri Christophe, von 1811 bis 1820 König von Haiti, hielt sich eine Leibgarde aus Dahomeyern (ebenfalls eine Aja-Kultur), eine Maßnahme, mit der er sich seinerseits von der Bantu-Mehrheit distanzierte.

Zwar verwischten die ethnischen Unterschiede im Laufe der Zeit, die Kreolisierung verlief aber viel langsamer als gemeinhin angenommen. Mit dem Créole entstand eine Mischsprache und mit dem Voodoo eine religiöse Synthese der afrikanischen Glaubenssysteme. Bis in die schwierige Transitionsphase nach dem Sturz der Duvalier-Diktatur war es in Haiti übliche Praxis, die Macht nicht durch Dialog und Kooperation, sondern durch Strategien des divide et impera zu gewinnen und zu sichern. Dies ist ohne Zweifel ein Relikt kolonialer Herrschaftspraktiken aus der Welt der Plantagen.

Fußnoten

10.
Vgl. Wolf Donner, Haiti, Tübingen 1980; Oliver Gliech, Haiti, in: Klaus Stüwe/Stefan Rinke (Hrsg.), Die politischen Systeme in Nord- und Lateinamerika, Wiesbaden 2008, S. 269-275.
11.
Vgl. O. Gliech (Anm. 1), S. 101f.; David Eltis et al., The Trans-Atlantic Slave Trade: a Database, New York 1999.
12.
Vgl. G. Barthélémy (Anm. 8), S. 90f.

Hintergrund aktuell (01.04.2010)

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