30 Jahre Mauerfall Mehr erfahren
APUZ Dossier Bild

5.7.2010 | Von:
Oliver Gliech

Haiti - Die "erste schwarze Republik" und ihr koloniales Erbe

Politische Folgen der Fragmentierung

Viele Phänomene, die informierte Beobachter mit Haiti verbinden, sind ein Ergebnis der sozialen und räumlichen Fragmentierung. Wie sich diese auf die Gestalt der politischen Landschaft und die politischen Praktiken auswirken, lässt sich auf anschauliche Weise anhand des Lebenszyklus haitianischer Regierungen und Parteien dokumentieren.

Die traditionelle Herrschaft im kontinentalen Iberoamerika lag in den Händen einer Schicht von Großgrundbesitzern, die über Heirats- und Handelsbeziehungen über viele Generationen hinweg breite soziale Netzwerke geknüpft hatten und sich beim Kampf um die politische Macht auf zahlreiche Standesgenossen stützen konnten. Haiti hingegen bot nach dem Zerfall der Plantagengesellschaft den Anblick eines sozialen Flickenteppichs. Latifundien hat es dort in der Kolonialzeit nicht gegeben. Eliten, die einen landesweiten Führungsanspruch geltend machen konnten, existierten nicht. Die Hausmacht der landlords und örtlichen Militärkommandanten, die den Staat in den Gemeinden vertraten, war denkbar schwach, und so entstanden in Haiti frühzeitig zahlreiche kleinere Machtpole, die untereinander nur flüchtige Koalitionen eingingen. Um ihre Macht zu sichern, hatten die kolonialen Plantagenbesitzer alles getan, um die Sklaven auseinander zu dividieren und soziale Bindungen in ihren Reihen zu zerstören. Um jede Opposition seitens der Pflanzer zu schwächen, säte der koloniale Staat permanent Zwietracht unter den Kolonisten. Eine geringe Kompromiss- und hohe Konfliktbereitschaft gehörten als Spätfolge zu den Charakterzügen der haitianischen Gesellschaft. Diese mentale Grundhaltung verstärkte die negative Wirkung der sozialen und geografischen Fliehkräfte. Haitianischen Politikern gelang es bis in die Gegenwart nur selten, sich eine dauerhafte überregionale Machtbasis in Form eines Klientelverbands oder einer Partei aufzubauen, ein Umstand, der sich noch jüngst in der Zusammensetzung der haitianischen Deputiertenkammer von 2006 widerspiegelte.[13]

Schwache Bindekräfte, geringe Kompromissbereitschaft, schwache Hausmacht der Führungsschicht - diese Faktoren prägten die Logik des politischen Handelns in Haiti vom 19. bis ins 21. Jahrhundert. Es gehört zu den Ländern, in denen die Opposition zusammengenommen fast immer stärker war als die Regierung. Dies führte zur Entstehung eines spezifischen Herrschaftszyklus, der bis zum Beginn der Duvalier-Diktatur das politische Leben Haitis beherrschte. Idealtypisch verlief dieser Zyklus wie folgt: Um seine strukturelle Schwäche zu überspielen, setzte ein haitianischer Präsident nach seiner Machtübernahme alles daran, die Opposition zu teilen und zu lähmen. Oft wurden zu diesem Zweck Teile der Verfassung außer Kraft gesetzt. Um seine Macht zu festigen, vergab der Präsident Land und Posten an eigene Parteigänger. Die Schläge gegen die Gegner der Regierung schufen ein Klima permanenter Feindseligkeit. Versuchte der Präsident, gegen Ende seines Mandats die Verfassung zugunsten einer weiteren Amtszeit zu ändern, oder ging er bei der Unterdrückung der Opposition zu weit, gelang es dieser in der Regel, ihre Kräfte zu bündeln, den Präsidenten zu stürzen und einen eigenen Kandidaten an die Macht zu bringen, dessen Hausmacht ebenso schwach war wie die seines Vorgängers. An diesem Punkt begann der präsidiale Herrschaftszyklus von neuem.

Parteien waren häufig nicht viel mehr als Wahlkampfmaschinen einzelner ambitionierter Politiker und verschwanden nach kurzer Zeit wieder von der Bildfläche. War dieser Herrschaftszyklus zunächst eine Sache der haitianischen Eliten, so führte die Redemokratisierung Haitis nach dem Sturz der Duvalier-Diktatur zunächst zu einer Revitalisierung dieses Mechanismus unter breiterer Massenbeteiligung, doch scheint er nach dem Sturz von Präsident Jean-Bertrand Aristide im Jahr 2004 an Schwung verloren zu haben.

Die Atomisierung der politischen Landschaft, die Überbetonung partikularer Interessen in den Reihen der Eliten, mangelnde Koalitionsbereitschaft und fehlendes Vertrauen in den Staat sind ohne Zweifel späte Relikte der kolonialen Vergangenheit Haitis. Die Zukunft dieser karibischen Republik hängt unter anderem davon ab, ob es ihr gelingt, diese Hindernisse zu überwinden, die einer erfolgreichen Entwicklungspolitik im Wege stehen.

Fußnoten

13.
Darin sind 19 Parteien vertreten; vgl. www.haiti-reference.com/politique/
legislatif/deputes.php (7.6. 2010).

Hintergrund aktuell (01.04.2010)

Knapp zehn Milliarden Dollar für Haiti

Eine neue Zukunft für Haiti: Auf Einladung der UN haben sich unter diesem Motto am Mittwoch (31.03.2010) Vertreter von mehr als 150 Staaten auf einer internationalen Geberkonferenz in New York getroffen. Für den langfristigen Wiederaufbau Haitis wollen Staaten und Organisationen rund 10 Milliarden Dollar zur Verfügung stellen. Das ist deutlich mehr als erwartet.

Mehr lesen