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Nachhaltige Entwicklung durch Tourismus? Was kann Haiti von der Dominikanischen Republik lernen?


5.7.2010
Touristisches Entwicklungspotenzial Haitis liegt in der bis heute lebendigen Vermischung afrikanischer mit lokalen und europäischen Kulturen. Inwiefern kann es von der Dominikanischen Republik, dem wichtigsten Reiseziel in der Karibik, lernen?

Einleitung



Haiti ist weniger gesegnet mit herausragenden natürlichen Attraktionen wie den Amazonasregenwald, die Iguaçu-Wasserfälle in Argentinien/Brasilien, wilden Tieren wie Afrika oder Gletschergebirge wie die Anden oder den Himalaya. Ebenso fehlen kulturelle Monumente von internationaler Bedeutung wie die Maya-Kulturstätten oder Sehenswürdigkeiten aus Kolonialzeiten von der Klasse eines Tikal und Antigua in Guatemala, Copán in Honduras oder Chichén Itzá in Mexiko. Wenn es so etwas wie ein Alleinstellungsmerkmal, ein "USP" (unique selling proposition) für Haiti gibt, so liegt es in der einmaligen Geschichte dieses ersten selbst befreiten ehemaligen Sklavenstaates und der bis heute lebendigen Vermischung afrikanischer mit lokalen und europäischen Kulturen, welche Nährboden beispielsweise für den berühmten Voodoo-Kult ist. Die benachbarte Dominikanische Republik, mit der sich Haiti die Insel Hispaniola teilt, hat ebenfalls kein mit den weltweiten touristischen Sehenswürdigkeiten vergleichbares Alleinstellungsmerkmal. Einzig die Tatsache, dass die Spanier dort die erste Stadt in Amerika, Santo Domingo, gründeten und deshalb dort heute die ältesten spanischen Kolonialgebäude beziehungsweise deren Ruinen zu besichtigen sind, könnte als USP gesehen werden.

Bei den "normalen" touristischen Attraktionen haben Haiti und die Dominikanische Republik allerdings einiges gemeinsam: Palmenstrände, Buchten, Korallenriffe und das damit verbundene "Karibikgefühl" können beide Länder bieten. Allerdings hat die Dominikanische Republik ein weitaus größeres Potenzial an Naturattraktionen abseits der Küsten wie den über 3000 Meter hohen Pico Duarte, den höchsten Gipfel der Karibik, und den 265 Quadratkilometer großen Lago Enriquillo, den größten See der Karibik - ein Salzsee, der 40 Meter unter dem Meeresspiegel liegt. Außerdem sind die massive Abholzung und die dadurch verursachte Bodenerosion in der Dominikanischen Republik noch nicht so stark vorangeschritten wie in Haiti, so dass wichtige Teile der Natur noch einigermaßen intakt sind.

Im Gegensatz zur Dominikanischen Republik stand und steht bis heute einer gezielten Nutzung des touristischen Potenzials von Haiti das andere, das "negative Alleinstellungsmerkmal" des Landes entgegen: Haiti ist das mit Abstand ärmste Land der westlichen Hemisphäre und hat in den vergangenen 50 Jahren fast alle politischen Krisen und Gewaltsituationen erlebt, die man sich vorzustellen vermag: übelste Diktatoren, Priester, die als Retter kamen, um dann doch in einem Sumpf von Korruption und Gewalt zu versinken, sowie die regelmäßigen Naturkatastrophen und zuletzt Erdbeben, deren Wirkungen durch die flächendeckende Abholzung und katastrophalen Bauweisen multipliziert werden - kurz gesagt: Haiti scheint eher ein Land touristischer Alpträume denn ein Traumziel in der Karibik zu sein.

Vor diesem Hintergrund erstaunen die Besucherzahlen, welche der World Travel and Tourism Council (WTTC) Haiti zurechnet, doch sehr. So sollen im Jahr 2006 etwa 400.000 Reisende das Land besucht haben, und diese Zahl ist laut WTTC bis 2008 auf 800.000 Besucher gestiegen. Bei weiterer Recherche stößt man auf andere und wohl realistischere Angaben: So nennt die Caribbean Tourism Organization als letzte verlässlich erhobene Zahl für das Jahr 2002 180.000 Besucher, von denen mehr als 70 Prozent aus den USA und Kanada kamen. Da dort Hunderttausende ausgewanderter Haitianer leben, die inzwischen amerikanische oder kanadische Pässe haben, schrumpft damit die Zahl wirklicher bzw. touristischer Besucher auf ein realistisches Maß von weniger als 50.000 pro Jahr. Wenn von dieser Zahl noch die in der Statistik vertretenen Mitarbeiter internationaler Entwicklungsagenturen und Hilfsorganisationen abgezogen werden, so endet man mit wenigen Tausend "echten" Touristen, die das Land trotz seiner erdrückenden Problemlast und des dadurch erzeugten abschreckenden Außenbildes besuchen.

Der einzige touristische "Lichtblick" war und ist der trotz aller Krisen und Erdbeben florierende Kreuzfahrttourismus auf der vom US-Unternehmen Royal Caribbean im Norden nahe Cape Haitien gepachteten Halbinsel Labadie. Er erbringt seit 1986 den überwiegenden Teil der Tourismuseinnahmen Haitis. Die Anzahl der dort eintreffenden Kreuzfahrttouristen übertrifft die Zahl der sonstigen Besucher des Landes bei weitem - die höchste zu findende Zahl beträgt mehr als 350.000 Personen, welche in Labadie in einem Jahr an Land gegangen sind. Dies entspricht 7.000 Kreuzfahrtbesuchern pro Woche und damit im Durchschnitt wöchentlich 2 Stopps von Schiffen der größten Kategorie von Royal Caribbean wie der Oasis of the Seas, mit einer Kapazität von 5.400 Passagieren - das derzeit größte Kreuzfahrtschiff der Welt.

Angesichts der unmittelbaren Nachbarschaft und der Ähnlichkeit des Attraktionspotenzials stellt sich die Frage, ob und was eine mögliche touristische Entwicklung in Haiti von den Erfahrungen der Dominikanischen Republik lernen kann, die binnen 30 Jahren mit heute fast vier Millionen Besuchern pro Jahr zum wichtigsten Reiseziel in der Karibik geworden ist.

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