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10.6.2010 | Von:
Harald Welzer

Erinnerungskultur und Zukunftsgedächtnis

Die Funktion des menschlichen Gedächtnisses ist nicht von der Vergangenheit, sondern von der Zukunft her zu verstehen, was für die Erinnerungskultur zentral ist.

Einleitung

Die deutsche Erinnerungskultur zielt über die Vermittlungen des Geschichtsunterrichts, der politischen Bildung, der Gedenkstättenpädagogik, der Medien und des weiten pädagogischen Feldes der Holocaust Education auf eine historisch-moralische Bildung ab, die zum einen Nationalsozialismus und Holocaust historisch verständlich machen, zum anderen Persönlichkeiten bilden soll, die sich gegenüber massen- oder völkermörderischer Gewalt widerständig verhalten können. Erklärte Erziehungsziele sind das Einüben von Demokratiefähigkeit und die Entwicklung von Zivilcourage.

Diese erinnerungspolitische Zielformulierung teilt die Bundesrepublik mit einer Reihe europäischer wie nichteuropäischer Staaten. Ihren gleichsam offiziellen Gründungsakt erfuhr diese erinnerungskulturelle Perspektivierung mit der internationalen Holocaust-Konferenz, die im Januar 2000 in Stockholm stattfand. Gemeinsam mit den USA, Großbritannien, Israel und Deutschland hatte Schweden 1997 die Task Force on International Cooperation ins Leben gerufen, die unter anderem jene Konferenz initiierte, bei der sich Vertreterinnen und Vertreter aus 45 Ländern in Stockholm trafen. Die Teilnehmenden kamen aus der Politik, der Wissenschaft, aus Institutionen der pädagogischen Geschichtsvermittlung sowie aus Organisationen von Überlebenden des Holocaust. Am letzten Konferenztag wurde eine Erklärung verabschiedet, in der sich die Beteiligten unter anderem dazu verpflichten, "Erziehung, Gedenken und Forschung über den Holocaust zu fördern", "der Opfer des Holocaust zu gedenken und die zu ehren, die sich dagegen verhalten haben".

Dieser Gründungsakt einer transnationalen Erinnerungskultur fiel in den meisten europäischen Ländern mit einer neuen Geschichtsbezogenheit zusammen, in deren Zentrum der Holocaust, der Zweite Weltkrieg, die Vertreibungen und schließlich auch die Kollaboration standen und noch stehen. Der Generationenroman erlebt eine europäische Renaissance, Geschichtsfeatures haben ebenso Hochkonjunktur wie die Figur des Zeitzeugen, und eine ganze Generation wurde neu erfunden, die der "Kinder des Weltkriegs", die heute im Rentenalter sind und sich auf die Suche nach den Ursachen ihrer "frühen Traumatisierungen" machen. Es hat sich ein Kult des Leidens und der Opferschaft zu etablieren begonnen, der Ansprüche an eine eigene, dann wieder nationale Erinnerung am besten zu begründen scheint. In diesem Spannungsfeld universalistischer und nationaler Erinnerungen ist Erinnerungspolitik zu einem immer wichtigeren politischen Handlungsfeld geworden. Bezugnahmen auf gefühlte und reale Vergangenheiten haben weit reichende Folgen für die Begründung kultureller und sozialer Zugehörigkeiten und wirken sich auf die Verhandlung politischer Positionen aus. Zudem ergibt sich die Frage, ob ein "europäisches Gedächtnis" zwingend für einen gelingenden Integrationsprozess ist oder ob das künftige Europa ohne eine solche mentale Gemeinschaftsstiftung auskommt bzw. auskommen muss, weil seine Erinnerungslandschaft zu heterogen und pluralistisch ist. Nach wie vor kommt dem Zweiten Weltkrieg bzw. der deutschen Besatzung in den meisten europäischen Ländern eine herausragende Bedeutung zu, wenn es darum geht, die eigene Identität und den daran gebundenen Wertekonsens zu bestimmen.[1] Die tragischen Ereignisse um den diesjährigen Jahrestag des Massakers von Katyn legen davon beredtes Zeugnis ab.

Fußnoten

1.
Vgl. Harald Welzer (Hrsg.), Der Krieg der Erinnerung. Zweiter Weltkrieg, Kollaboration und Holocaust im Europäischen Gedächtnis, Frankfurt/M. 2007; Helmut König/Julia Schmidt/Manfred Sicking (Hrsg.), Europas Gedächtnis, Bielefeld 2008; Richard Ned Lebow/Wulf Kansteiner/Claudio Fogu (eds.), The Politics of Memory in Postwar Europe, Durham-London 2006.