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10.6.2010 | Von:
Thomas Großbölting

Die DDR im vereinten Deutschland

Wie lässt sich die biografische Erinnerung an die DDR ins Gespräch bringen mit dem Geschichtsbild der Politik und der historisch-politischen Bildung?

Einleitung

"Eine schräge Geschichte" biete die deutsche Hauptstadt, ließ die britische DDR-Historikerin Mary Fulbrook im Juli 2007 im "Tagesspiegel" vermelden. Beim Blick auf den Stadtplan sei ihr ein großes Missverhältnis aufgefallen. Natürlich gebe es eine ganze Reihe von Erinnerungsorten, Gedenkstätten und Museen, aber: "Die Touristen-Geschichten, die (dort) erzählt werden, führen in die Irre", so Fulbrook. 80 Prozent der DDR-Bevölkerung kämen in den Darstellungen und Arrangements von Gedenkstätten und Museen nicht vor. Fast immer gehe es stattdessen um hohe Funktionäre auf der einen, profilierte Intellektuelle auf der anderen Seite, während die mittlere Ebene der Gesellschaft kaum berücksichtigt werde. Zudem mache die Fixierung auf die Unterdrückungsinstrumente Mauer und Staatssicherheit aus allen DDR-Bürgern Opfer. Komplizentum und Einverständnis blieben außen vor. "Konnte man in der Diktatur glücklich sein, zu welchem Preis und mit welchen Kosten?" Fragen wie diese mit potenziell offenen Antworten würden an den Orten des Erinnerns nicht angeregt. Ebenso sei die Opposition an der Basis in ihrer wichtigen Rolle nicht angemessen repräsentiert. Selbst die Zionskirche in Mitte, Standort der oppositionellen Umweltbibliothek, sei für Berlin-Besucher als historischer Ort nicht ausgewiesen.[1]

Schon Mitte der 1960er Jahre formulierten drei Redakteure der "Zeit" ihre Eindrücke von einem Besuch in der DDR unter dem Titel "Reise in ein fernes Land".[2] Mittlerweile sind die beiden Teilstaaten seit fast zwanzig Jahren wiedervereint, die deutschen Gesellschaften Ost und West gemeinsam auf dem Weg, um ein Verhältnis zur DDR-Vergangenheit zu finden. Nicht nur die touristischen Empfehlungen Fulbrooks zeigen, dass die Reise dorthin schwieriger, verworrener ist, als zunächst angenommen. Die verflossene Zeit hat das Land mehr und mehr in die Ferne gerückt, aber ohne dass die Gegenwart dadurch Abstand zu ihr gewonnen hätte. Die DDR als Vergangenheit bleibt präsent, nicht flächendeckend und nicht immer, aber doch unübersehbar für jeden, der das wiedervereinte Deutschland, seine Selbstverständigungsdebatten und seine kulturellen wie geschichtskulturellen Inszenierungen in den Blick nimmt.

Die Erinnerung an die DDR ist vielfältig und vielschichtig, oftmals sogar so diversifiziert und unverbunden, dass sich das Bild von ihr in verschiedenste Facetten auflöst. War die DDR ein Schurkenstaat, in der "die Stasi (...) doch wohl charakteristischer (...) gewesen (ist) als die Kinderkrippen"?[3] Müssen wir, sollten wir oder wollen wir die Institutionen und Akteure von Macht und Repression besonders zeigen? Stasi, Mauer und SED als die Zwangsinstrumente des Realsozialismus? Oder betonen wir stattdessen eine andere Facette der DDR, die schon bundesdeutsche Zeitgenossen der 1960er Jahre als "eine Art Freilichtmuseum deutscher Vergangenheit" beschrieben haben? "Das Deutschland von Anno dazumal ist dort konserviert, das Zeitalter der Fußgänger und Bierkutscher noch nicht zu Ende", schrieb Marion Gräfin Dönhoff 1964.[4] Zeitgenössisch wurde die Schrift vor allem als Vorbotin der Entspannungspolitik charakterisiert. Zugleich aber stand sie am Anfang eines DDR-Bildes, das durch das Staunen über den so anderen deutschen Staat geprägt war. Das Bild von der DDR als "fernes Land" und dem dort vorzufindenden Kabinett des Skurrilen haben die "Ostalgie"-Filme wieder aufgenommen. Insbesondere Leander Hausmann hat mit "Sonnenallee" ein Bild der DDR auf Zelluloid gebannt, welches die Diktatur zwar nicht völlig ausblendet, aber doch das Bunte, Skurrile, ja auch das Amüsante in den Vordergrund rückt. Der Filmemacher lässt seinen Hauptprotagonisten, Michael Ehrenreich, am Ende des Streifens erklären: "Es war einmal ein kleines Land namens DDR. Es war die schönste Zeit meines Lebens, denn ich war jung und verliebt." Insbesondere dieses private Erinnern in der Familie, im Freundes- und Bekanntenkreis, welches die lebensweltliche Seite betont, scheint inkommensurabel mit dem DDR-Bild, welches die Politik im engeren Sinne wie auch die von ihr installierten und finanzierten Aufarbeitungsinstitutionen mit ihrer Konzentration auf Macht und Repression zu etablieren suchen. Warum eigentlich soll der Alltag in der DDR grau gewesen sein? Und wenn ja, ist er denn heute bunter? In vielen Diskussionen um die Frage "Was war die DDR?" tauchen diese Fragen auf und zeigen, in welcher Spannung beide Vergegenwärtigungsstränge miteinander stehen.

Fußnoten

1.
Markus Hesselmann, Eine schräge Geschichte. Berlin, geprägt von Stasi und Mauer? Die britische Historikerin Mary Fulbrook kritisiert das Geschichtsbild der Hauptstadt, in: Tagesspiegel vom 18.7.2007.
2.
Vgl. Marion Gräfin Dönhoff/Rudolf Walter Leonhardt/Theo Sommer, Reise in ein fernes Land, Hamburg 1964.
3.
Horst Möller, Trabi, Stasi, Kinderkrippen, in: Rheinischer Merkur vom 22.6.2006, S. 24.
4.
M. Dönhoff et al. (Anm. 2), S. 98.