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5.6.2010 | Von:
Marie-Christine Heinze

Waffenproliferation, Kleinwaffenkontrolle und "Waffenkultur" im Jemen

Debatten über Kleinwaffenkontrolle und "Waffenkultur" sind Debatten über die politische Verfasstheit einer Gesellschaft. Auch im Jemen sind sie mit Konzepten von kollektiver Identität und damit einhergehenden Machtansprüchen verbunden.

Einleitung

Der Begriff "Waffenkultur" ist wissenschaftlich umstritten und sein analytischer Nutzen in der Tat fraglich.[1] Von Befürwortern der Kleinwaffenkontrolle wird er oftmals in pejorativem Sinne benutzt, um Waffenbesitzern ein archaisches, rückwärts gewandtes Weltbild und eine unzivilisierte Lebensweise zu unterstellen. Da Waffen zur unmittelbaren Gewalt befähigen, unterlaufen selbst die Besitzer legaler Schusswaffen nach dieser Lesart das Gewaltmonopol, das in einem "zivilisierten, modernen" Staat in dessen Händen liegen sollte. In den USA beispielsweise speist sich das umstrittene Recht auf legalen Waffenbesitz aus dem zweiten Zusatzartikel zur Verfassung, dem Second Amendment aus dem Jahr 1791, wonach eine "wohl organisierte Miliz für die Sicherheit eines freien Staates notwendig ist" - und es zum Zeitpunkt seiner Kodifikation wohl auch war. Das mit der erfolgreichen Eroberung und "Zivilisierung" des "wilden Westens" einhergehende Bild des aufrechten, unabhängigen männlichen (und weißen) Bürgers, der notfalls die Verteidigung von Recht und Ordnung auch in die eigene Hand nimmt, prägt bis heute das Selbstbild vieler Gegner strengerer Kleinwaffenkontrollen in den USA. Sie argumentieren, dass die meisten Waffenbesitzer verantwortungsvoll agierende, rechtschaffene Bürger sind und Waffen notwendig seien, um sich gegen bewaffnete Kriminelle, notfalls aber auch die amerikanische Nation gegen innere und äußere Feinde zu verteidigen.

Die Art und Weise, wie in den USA Waffenbesitz reguliert wird, ist demnach historisch und gesellschaftlich bedingt. Die seit Jahrzehnten andauernde, zum Teil voller Hass und Verachtung geführte Debatte zwischen Befürwortern und Gegnern von Kleinwaffenkontrolle verweist auf tiefe Gräben in der amerikanischen Gesellschaft, in welcher "hochmütige Intellektuelle", die "amerikanische Werte verraten", einer "hinterwäldlerischen, unzivilisierten Waffenkultur" gegenüberstehen. Was die moderne amerikanische Nation ausmacht, was die fundamentalen Werte der amerikanischen Gesellschaft sein sollten, steht hier im Herzen der Debatte. Debatten über Kleinwaffenkontrolle und "Waffenkultur" sind daher Debatten über die politische Verfasstheit einer Gesellschaft. Die Fragen, auf welche Art und Weise in einer Gesellschaft die Anwendung von Gewalt reguliert wird, wer jenseits des Staates das Recht auf legalen Waffenbesitz haben sollte und warum, sind fest mit divergierenden Konzepten von kollektiver Identität, Zivilisation und Moderne und damit einhergehenden Machtansprüchen verbunden.

Dies ist im Jemen nicht anders. Gemäß einer im Jahr 2007 vom Schweizer Forschungsinstitut Small Arms Survey herausgegebenen Rangliste zu zivilem Kleinwaffenbesitz liegt der Jemen mit geschätzten 54,8 Waffen pro 100 Einwohner auf Platz zwei, nur übertroffen von den USA mit etwa 88,8 Waffen pro 100 Einwohner und gefolgt von der Schweiz auf Platz drei (45,7/100) und Finnland auf Platz vier (45,3/100). Deutschland liegt mit geschätzten 30,3 Waffen pro 100 Einwohner auf Platz 15.[2] Auch im Jemen kreist die Debatte zum Thema Waffenbesitz um fundamentale Fragen wie gesellschaftliche Ordnung, Staatlichkeit, Zivilisation und Moderne. Und auch hier wird der Begriff "Waffenkultur" (thaqafat as-silah) in kulturell essentialisierender Weise mit dem Ziel eingesetzt, bestimmte soziale Gruppen in Besitz von Waffen als homogen darzustellen, ihre Lebensweise und soziopolitische Rolle im Gegensatz zu der eigenen als unzivilisiert, rückständig und fortschrittshinderlich zu diskreditieren. Die inhaltliche Ausgestaltung der Diskussion differiert in dem Maße von der Debatte in den USA, wie dies die historischen, politischen und gesellschaftlichen Umstände tun.

Fußnoten

1.
Ich danke Bekim Agai, Gabriele vom Bruck, Jean-Raphaël Giuliani und Jeanette Prochnow für ihre Kommentare zu früheren Versionen dieses Beitrags.
2.
Vgl. Annexe 5 (civilian firearms, by ownership rate), in: Small Arms Survey 2007, online: www.smallarmssurvey.org/files/sas/publications/yearb2007.html (21.4.2010).