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11.5.2010 | Von:
Konrad Dussel

Entstehung und Entwicklung einer Gemeinschaft

Innere Organisation

Wie locker die Arbeitsgemeinschaft anfänglich gefügt war und wie peinlich genau man auf die Souveränität aller Beteiligten achtete, ist daran abzulesen, dass der Vorsitz im damals nur sechsköpfigen Intendanten-Gremium alle halbe Jahr zu wechseln hatte und die Reihenfolge strikt durch das Alphabet der beteiligten Anstalten vorgegeben war. Mit Rudolf von Scholtz vom Bayerischen Rundfunk begann die erste Reihe und mit Friedrich Bischoff vom SWF endete sie. Sogar der Intendant der kleinsten Anstalt, Walter Gerdes von Radio Bremen, konnte vom 4. Februar bis zum 30. September 1952 der ARD präsidieren.

Der nächste Zyklus brachte gleich mehrere Veränderungen. Die Zahl der ARD-Mitglieder wuchs auf acht: 1954 kam der Sender Freies Berlin hinzu und 1956 wurde die Teilung des NWDR in NDR und WDR vollzogen. Ein halbes Jahr Amtszeit für den Vorsitzenden hatte sich als unzureichend erwiesen, zumal mit dem neu entstehenden Fernsehen der Aufgabenkreis noch einmal wesentlich wuchs. Sie wurde deshalb auf ein Jahr verlängert. Außerdem wurden die kleinen, völlig vom Finanzausgleich zwischen den Anstalten abhängenden Anstalten vom Vorsitz ausgeschlossen. Und schließlich verzichtete man auch auf eine starr festgelegte Reihenfolge beim Wechsel.

Aber selbst ein Jahr Amtszeit erwies sich als zu kurz, so dass schon nach vier Jahren eine Verlängerung um ein weiteres Jahr eingeführt wurde. Seit 1958 amtieren nun alle ARD-Vorsitzenden in der Regel zwei Jahre; nur einmal kam Christian Wallenreiter, Bayerischer Rundfunk, auf drei Jahre (1967-1969) und Reinhold Vöth, ebenfalls Bayerischer Rundfunk, sogar auf vier (1980-1983). Zur Zeit amtiert Peter Boudgoust vom Südwestrundfunk. Über seine Nachfolge ist bereits entschieden. 2011/12 wird Monika Piel vom WDR als erste Frau die ARD führen.

Nachdem die ARD 1959 den Saarländischen Rundfunk und 1962 die beiden Bundesrundfunkanstalten Deutsche Welle und Deutschlandfunk als neue Mitglieder aufgenommen hatte, gab es bis in die 1990er Jahre keine Veränderungen mehr. 1991 kamen dann der Ostdeutsche Rundfunk Brandenburg und der Mitteldeutsche Rundfunk hinzu. Danach führten Fusionen nur noch zu drei Verminderungen: Der Deutschlandfunk ging 1993 in einer von ARD und ZDF getragenen neuen Anstalt auf, 1998 verschmolzen Süddeutscher Rundfunk und Südwestfunk zum Südwestrundfunk und 2003 löste der Rundfunk Berlin-Brandenburg den bisherigen Sender Freies Berlin und den Ostdeutschen Rundfunk Brandenburg ab. Heute besteht die ARD aus neun Landesanstalten (vgl. Abbildung in der PDF-Version) und der Deutschen Welle, dem deutschen Auslandsrundfunk.

Darzustellen, wie die ARD ihr Fernseh-gemeinschaftsprogramm zu organisieren begann, ergäbe einen Artikel für sich.[9] Es dauerte Jahre, bis sich feste Strukturen entwickelten. Die Ständige Fernsehprogrammkonferenz erhielt erst im Herbst 1960 einen hauptamtlichen Vorsitzenden, als ein tägliches Fünf-Stunden-Programm bereits Millionen von Zuschauern erreichte. Als ersten Koordinator wählten die Intendanten Karl Mohr, einen ehemaligen nordrhein-westfälischen Staatssekretär. Immerhin stellte man ihm auch gleich zwei weitere hauptamtliche Führungskräfte zur Seite, den Koordinator Sport (Robert E. Lembke) und den Koordinator Politik (Gerd Ruge). Lothar Hartmann, der am 1. Juli 1965 Karl Mohr ablöste, trug dann als erster den Titel "Programmdirektor Deutsches Fernsehen".

Doch nicht nur das Fernsehen musste in der ARD koordiniert werden. Es gab eine Menge von Themen, die enger Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Anstalten bedurften. Manche Felder waren kontinuierlich zu beackern - Fragen des Rechts und der Technik beispielsweise -, wofür ständige Fachkommissionen begründet wurden. Für Dinge, die ad hoc zu erledigen waren, genügten immer wieder neue Sonderkommissionen. Im Rahmen dieses Überblicks soll auf diese Einzelheiten nicht näher eingegangen werden; festzuhalten bleibt aber: Die Ausdifferenzierung der Themenfelder verlangte einen Koordinationseinsatz, der die ARD-Vorsitzenden zunehmend forderte, wenn nicht sogar überforderte. 2006 wurde deshalb ein Generalsekretariat eingerichtet, das für fünf Jahre mit Verena Wiedemann besetzt wurde, einer promovierten Juristin, die zuvor seit 1993 das Verbindungsbüro der ARD zur Europäischen Union in Brüssel geleitet hatte.

Fußnoten

9.
Knappe Hinweise geben Knut Hickethier, Geschichte des deutschen Fernsehens, Stuttgart-Weimar 1998, S. 125-130, und Joan Kristin Bleicher, Institutionsgeschichte des bundesrepublikanischen Fernsehens, in: Knut Hickethier (Hrsg.), Institution, Technik und Programm. Rahmenaspekte der Programmgeschichte des Fernsehens, München 1993, S. 84-94. Aus der Sicht eines Beteiligten vgl. Clemens Münster, Die Organisation des Gemeinschaftsprogramms "Deutsches Fernsehen" in den fünfziger Jahren, hrsg. von Hans Dieter Erlinger und Knut Hickethier, Siegen 1991.

Öffentlich-rechtlicher Rundfunk
Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 9-10/2009)

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