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11.5.2010 | Von:
Konrad Dussel

Entstehung und Entwicklung einer Gemeinschaft

Programmentwicklung unter Druck der Privaten

Schon lange sind die Zeiten vorbei, in denen die deutschen Fernsehzuschauer nur zwischen den Programmen von ARD und ZDF wählen konnten (sofern ihnen in den Grenzregionen nicht auch die Angebote aus der DDR, Österreich oder der Schweiz zur Verfügung standen). Allerdings folgten die Erweiterungen zunächst nur zögernd und eng begrenzt. Das ZDF hatte kaum seine Tätigkeit begonnen, da warteten die ARD-Anstalten mit weiteren Alternativen auf, den versprochenen Dritten Programmen. Als erstes eröffnete der Bayerische Rundfunk am 22. September 1964 sein damaliges "Studienprogramm", der Hessische Rundfunk schloss sich am 5. Oktober an. Der NDR folgte gemeinsam mit Radio Bremen und dem Sender Freies Berlin Anfang 1965, der WDR Ende jenes Jahres. Im Südwesten dauerte es aufgrund medienpolitischer Differenzen bis zum 5. April 1969, bis Saarländischer Rundfunk, Süddeutscher Rundfunk und Südwestfunk ihr gemeinsames Südwest 3 aus der Taufe heben konnten. Aufgrund der terrestrischen Ausstrahlung waren alle diese Angebote aber nur regional begrenzt empfangbar, so dass sie tatsächlich nur in ihrer Gesamtheit ein drittes Programm ergaben.

Erhebliche quantitative und qualitative Veränderungen konnten erst eintreten, als mit der Kabel- und Satellitentechnologie zwei völlig neue Übertragungswege für Rundfunkprogramme zur Verfügung standen. Nachdem sich die sozialliberale Koalition unter Bundeskanzler Helmut Schmidt (1974-1982) noch sehr abwartend verhalten hatte, stellte die Bundesregierung unter Helmut Kohl (1982-1998) die Weichen neu. Endlich war Adenauers Traum einer Alternative zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu verwirklichen. Obwohl der förmliche Staatsvertrag zur Neuordnung des Rundfunkwesens erst Anfang April 1987 von den Ländern unterzeichnet wurde, fiel das eigentliche Startsignal bereits am 1. Januar 1984 mit der Eröffnung des Kabelprojekts Ludwigshafen. Nun hatten auch private Anbieter die Chance, eigene Rundfunkprogramme zu veranstalten.[13]

Die neue Konkurrenz sorgte nicht sofort für ein engeres Zusammenrücken bei den öffentlich-rechtlichen Anstalten. Die Herausforderung erschien nicht so groß, als dass man ihr nur gemeinsam begegnen könnte. Nun erst wurde das ARD-Fernsehgemeinschaftsprogramm in "Erstes Deutsches Fernsehen" umbenannt - obwohl es das Zweite ja schon seit mehr als zwanzig Jahren gab. Der erste Schritt in die neue Satellitenwelt wurde getrennt gemacht: Am 1. Dezember begann 3sat, getragen aber nur von ZDF, Österreichischem Rundfunk und Schweizerischer Radio- und Fernsehgesellschaft. Die ARD kreierte ihr eigenes Satellitenprogramm Eins Plus (Sendestart 29. März 1986).

Es braucht hier nicht diskutiert zu werden, ob die Programme des Privatfernsehens das boten, was sich die Kanzler Adenauer und Kohl erhofft hatten. Auf jeden Fall vermochten sie schnell kommerziell erfolgreich mit denen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens zu konkurrieren. Schon 1990 lagen die Nettoumsätze des Werbefernsehens der beiden Säulen des sogenannten Dualen Systems nahezu gleichauf, und die Gewichte verschoben sich mit hohem Tempo weiter hin zu den Privaten. Seit 1995 vereinnahmen sie stets mehr als 90 Prozent. Schon im Jahr 2000 war der ehemalige 60-Prozent-Anteil der Nettoumsätze des Werbefernsehens am Gebührenaufkommen der ARD auf acht Prozent gefallen, beim ZDF erfolgte ein Absturz von 70 auf 15 Prozent.[14]

Vor diesem Hintergrund musste ein gewisses Umdenken einsetzen, musste an die Stelle von gebührenfinanzierter Konkurrenz mehr Zusammenarbeit der Öffentlich-Rechtlichen treten. Das ZDF wurde nun sogar an einem ARD-Hörfunkprogramm beteiligt: Seit dem 1. Januar 1992 führten ARD und ZDF gemeinsam DS Kultur (Deutschlandsender Kultur) fort, das 1990 aus der Zusammenlegung der beiden früheren DDR-Programme Deutschlandsender und Radio DDR II entstanden war. 1993 wurden auch noch der Deutschlandfunk und RIAS Berlin einbezogen. Und noch im selben Jahr verzichtete die ARD auf ihr Eins Plus und schloss sich dem 3sat-Verbund an. Schon 1992 hatte ein weiteres internationales Gemeinschaftsprogramm auf Sendung gehen können: der deutsch-französische Kulturkanal Arte, mit je 25-Prozent-Anteilen von ARD und ZDF und einem 50-Prozent-Anteil des französischen Kulturkanals La Sept.

Die Öffentlich-Rechtlichen begannen, stärker ihren Kernauftrag zu fokussieren, der allein ihre Gebührenfinanzierung rechtfertigt. Zwei neue Gemeinschaftsangebote von ARD und ZDF trugen dem vor allem Rechnung. Am 1. Januar 1997 startete der Kinderkanal, der seinen jungen Zuschauern ein "werbefreies, zielgruppenorientiertes, vielfältiges Qualitätsprogramm für alle von drei bis 13 Jahren und darüber" bieten will, wie die aktuelle Homepage verspricht. Und kurze Zeit später, am 7. April, folgte der Ereignis- und Dokumentationskanal Phoenix, in dem unter anderem wieder ausführliche Übertragungen aus Parlamenten untergebracht werden konnten.

Fußnoten

13.
Vgl. als grundlegenden Überblick: Dietrich Schwarzkopf (Hrsg.), Rundfunkpolitik in Deutschland. Wettbewerb und Öffentlichkeit, München 1999.
14.
Vgl. K. Dussel (Anm. 12), S. 5 und S. 7.

Öffentlich-rechtlicher Rundfunk
Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 9-10/2009)

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