APUZ Dossier Bild

11.5.2010 | Von:
Michael Meyen

Die ARD in der DDR

Westempfang in der DDR

Die ARD konnte nicht alle DDR-Bürger erreichen. Der Deutsche Fernsehfunk stellte bei seinen ersten repräsentativen Umfragen Mitte der 1960er Jahre fest, dass 85 Prozent der Zuschauer Westsendungen sehen konnten, und bestätigte damit Empfangsmessungen der Deutschen Post.[6] 1977 lag der entsprechende Wert bei 90 Prozent. Allerdings hatten viele Haushalte nur ein Westprogramm, und die Bildqualität war nicht überall so gut wie im Grenzgebiet oder rund um Berlin und hing teilweise vom Wetter ab. In Leipzig oder Halle an der Saale beispielsweise hatten viele Haushalte keinen Zugang zum ZDF. Eine Chemnitzer Lehrerin, Jahrgang 1938, konnte sich in einem der biografischen Interviews nicht erinnern, je "im Westen einen ganzen Film angesehen zu haben". Bei dem schlechten Bild habe das viel zu sehr angestrengt. Fast gar nicht zu empfangen waren die Westprogramme in weiten Teilen der Bezirke Dresden und Neubrandenburg sowie im Ostteil des Bezirks Rostock.

In der zweiten Hälfte der 1980er Jahre verbesserte sich der Zugang zu Westprogrammen allerdings deutlich. Die Ausstrahlung über Satellit öffnete das Tor zu Antennen- und Kabelgemeinschaften, und selbst in einigen Dresdner Neubauvierteln gab es 1988/89 Westfernsehen. Ein Betriebsleiter aus dem Erzgebirge, Jahrgang 1949, der vorher auf seine Eigenbau-Antenne stolz war, auch wenn sie mehr "Gries" lieferte als Fernsehen, hat von einer "Massenaktion" gesprochen, bei der "blitzschnell" Empfangsanlagen gebaut worden seien. "Da wurden Gräben geschachtet und da wurden Leitungen gezogen, da wurden Hausanschlüsse gelegt und Masten gesetzt und Geld investiert, um schnell internationales Fernsehen zu bekommen."

30 Jahre vorher wäre an eine solche "Massenaktion" nicht zu denken gewesen. 1959 forderte eine Leserin im SED-Zentralorgan "Neues Deutschland", man solle sich nicht weiter um die Westseher kümmern. "Diese Menschen werden den Regen im Westen immer nasser, die Sonne immer wärmer und den Schnee immer weißer finden als bei uns." Dass man sich dann nach dem Mauerbau 1961 doch einige Monate sehr intensiv um die Westseher kümmerte, hat das DDR-Bild in der Bundesrepublik geprägt. Mitte der 1960er Jahre glaubten fast zwei Drittel der Westdeutschen, dass der Empfang westlicher Programme in der DDR verboten sei und bestraft werde. Die "Aktion Ochsenkopf", bei der FDJ-Trupps TV-Antennen von den Dächern holten, blieb aber eine Episode, weil das Westfernsehen rund um Berlin und an der Grenze per Zimmerantenne zu empfangen war, weil die Demontierer das Basteltalent der DDR-Bürger unterschätzten und weil die Übergriffe die Stimmung im Land verschlechterten. 1966 stellte die Abteilung Agitation des SED-Zentralkomitees fest, dass viele Leute die Westantennen abends auf dem Balkon anbringen und nach Sendeschluss wieder abmontieren würden. Am Arbeitsplatz, am Biertisch und besonders in der Eisenbahn spreche man ohne Scheu über das Programm, das zum Teil auch schriftlich verbreitet werde.[7] Obwohl Erich Honecker die Bürger dann auf einer ZK-Tagung im Mai 1973 ausdrücklich zum genaueren Hinschauen ermunterte, gab es auch in den 1980er Jahren Genossen, die Westmedien strikt ablehnten, Lehrer, die einen solchen Standpunkt vor der Klasse vertraten, und Offiziere, die in den NVA-Kasernen Radiogeräte einzogen, wenn sie Soldaten beim Hören eines ARD-Programms ertappten.

Fußnoten

6.
Vgl. ders., Hauptsache Unterhaltung, Münster 2001, S. 218.
7.
Vgl. ebd., S. 217 ff.

Öffentlich-rechtlicher Rundfunk
Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 9-10/2009)

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