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11.5.2010 | Von:
Michael Meyen

Die ARD in der DDR

Glaubwürdigkeit der Westmedien

An dieser Stelle soll gar nicht bestritten werden, dass die offene Rundfunkgrenze das Denken der Ostdeutschen geprägt hat, dass die Westprogramme in der DDR zum Alltag gehörten und im Spätsommer und Frühherbst 1989 auch mediale Öffentlichkeit hergestellt haben - mit Berichten über Demonstrationen und Fluchtmöglichkeiten und indem sie diejenigen zu Wort kommen ließen, die sich zur Opposition formierten. Vorher aber, in den "normalen Zeiten", waren die Sendungen von ARD und ZDF für die allermeisten DDR-Bürger kein vollwertiger Ersatz. Die Ratgebersendungen ließen sich für das Leben im Osten nicht anwenden, und Nachrichten und Politik-Magazine konnten nur sehr bedingt bei der Orientierung im Alltag helfen.

Eine Arbeiterin aus Leipzig, Jahrgang 1938, die die DDR-Medien als "grausam" beschrieb und heute den MDR meidet, weil sie sich dort in alte Zeiten zurückversetzt fühle, meinte, der Westen habe über den Osten nichts gewusst, und in den Nachrichten sei es manchmal so gewesen, "als wenn wir für die gar nicht da sind". Sie habe die "Aktuelle Kamera", die Hauptnachrichtensendung im DDR-Fernsehen, gesehen, weil sie in einer ganz anderen Welt zurechtkommen musste. Natürlich ist diese Frau eine Ausnahme. Im Regelfall diente die "Tagesschau" dazu, die Berichterstattung der eigenen Medien zu überprüfen oder Lücken festzustellen, und manche Zuschauer haben sich ausschließlich in den Westmedien orientiert. Ein Leipziger Schriftsteller, Jahrgang 1953, hat die 20-Uhr-Nachrichten im Ersten als "absolutes Muss" beschrieben, als einen Fixpunkt im Tagesablauf, als erstrangige Informationsquelle und "als Ersatz auch für Tageszeitungen". Er habe nicht erwartet, dass dort die Realität in der DDR widergespiegelt werde. "Wir wussten ja, wie sie ist, oder meinten es zu wissen." Erwartet habe er vielmehr "eine andere Sicht", "einen anderen Blickwinkel".

In vielen Interviews ist bezweifelt worden, dass man überhaupt objektive Informationen bekommen könne. Eine Angestellte aus Weimar, Jahrgang 1951, sagte, die Medien seien überall auf der Welt "gefärbt". Es gebe in "jedem Land" eine Zensur, "aus welchen Gründen auch immer" und wenn es der Sex sei. Auch wenn heute "manchmal der Ton ausfällt" bei der ARD, habe das sicher "seine Hintergründe". Die allermeisten Befragten gaben an, "die Wahrheit in der Mitte" gesucht zu haben: beide Seiten hören, mit Bekannten sprechen und sich dann selbst eine Meinung bilden.

Für die Zweifel an der ARD-Berichterstattung gibt es mehrere Gründe. Wenn die Medien im eigenen Land einseitig und von Interessen geleitet sind, kann man dann annehmen, dass dies anderswo nicht so ist, erst recht in Zeiten des Kalten Kriegs? Was die ARD-Korrespondenten in ihre Heimat funken konnten, war außerdem selbst bei bestem Willen nur ein kleiner Ausschnitt und oft ein ganz bestimmter. Eine Dolmetscherin, Jahrgang 1952, hat von "Propaganda über den Osten" gesprochen. "DDR-Befindlichkeiten haben sie nicht recherchiert" - hätten sie auch gar nicht können, "weil sie ja gar nicht wussten, wie das war". Eine Buchhalterin, Jahrgang 1954, sagte, je kleiner der Osten über bestimmte Schwierigkeiten berichtet habe, desto größer sei dies im Westfernsehen gebracht worden. "Die haben es aufgebauscht, und unsere haben es weggelassen."

Nicht wenige DDR-Bürger fühlten sich von den Berichten aus dem Westen in ihrem Stolz getroffen. "Der Westen hat uns primitiver hingestellt, als wir wirklich waren", sagte eine Dresdnerin, Jahrgang 1930, die in einer Großküche gearbeitet hat. "Die drüben" hätten es mit allem leichter gehabt. "Du brauchst Dir bloß mal vorzustellen, die kriegen alles abgepackt, vorgekocht und alles. Und wir mussten uns selber kümmern." Eine Leipziger Kindergärtnerin, Jahrgang 1944, hat hier differenziert zwischen Bayerischem Rundfunk und Deutschlandfunk auf der einen Seite ("zu hetzig") und dem NDR auf der anderen, wegen der "seriösen Berichterstattung" und der "Art der Norddeutschen". Auch "Panorama" und "Report" hätten ihr gefallen, weil man dort gesehen habe, dass auch im Westen "nicht alles Sonnenschein" sei.

Dieses letzte Beispiel zeigt, welche Bedeutung die Westprogramme allen Zweifeln zum Trotz hatten: Es gab einen Gegenpol, und allein das hat die Menschen zum Nachdenken gebracht. Kann man einer Sache bedingungslos glauben, wenn einem der Zweifel ständig vor Augen geführt wird? Wo der Empfang schlecht war, hat dies extreme Reaktionen auf die DDR-Medienpolitik begünstigt. In Dresden wurden mehr Ausreiseanträge gestellt als in den anderen Bezirken der Republik. Dass die Menschen hier unzufriedener waren, lag allein schon deshalb auch am Westfernsehen, weil ein Stück Lebensqualität fehlte. Ein Pfarrer aus dem Raum Görlitz, Jahrgang 1938, sagte, es sei schwer gewesen, freie Stellen mit Bewerbern aus Berlin-Brandenburg zu besetzen, und als er einmal im Vogtland Urlaub gemacht und erzählt habe, woher er komme, hätten ihn die Menschen ganz entsetzt gefragt, wie er denn ohne Westfernsehen leben könne. Und ein Leipziger Briefträger, Jahrgang 1962, meinte, er habe die Einseitigkeit der einheimischen Kanäle gar nicht so wahrgenommen und sich auch nicht schlecht informiert gefühlt, weil die Gegenseite ja ständig zur Verfügung gestanden habe.


Öffentlich-rechtlicher Rundfunk
Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 9-10/2009)

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