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11.5.2010 | Von:
Michael Meyen

Die ARD in der DDR

Mediennutzertypologie

Eine Typologie soll Ordnung in eine unüberschaubare Vielfalt bringen und schlaglichtartig Unterschiede zwischen den einzelnen Elementen erhellen. Ein Typus steht dabei für eine Gruppe von Menschen, die bestimmte Merkmale gemeinsam haben - hier erstens die generelle Erwartung an Medien (informations- und bildungsorientiert versus unterhaltungsorientiert) sowie zweitens die Westorientierung. Mit diesen beiden Kriterien lassen sich in der späten DDR sechs Formen des Umgangs mit den Angeboten der Massenmedien unterscheiden (Vgl. Abbildung in der PDF-Version). Die Einschränkung "späte DDR" ist notwendig, da sich die biografischen Interviews auf die zweite Hälfte der 1980er Jahre konzentriert haben.

Die Zufriedenen. Diesem Typ wurde jeder dritte Befragte zugeordnet - vor allem Frauen ohne Parteibuch, geboren zwischen 1930 und 1960; Frauen, die neben ihrer Arbeit in der Produktion oder im Büro Kinder und Haushalt versorgen mussten und deshalb wenig Zeit für Mediennutzung hatten. Der Fernsehapparat bot ihnen die Möglichkeit, in eine andere Welt abzutauchen. Nachrichtensendungen aus Ost und West ließen sich zwar oft nicht vermeiden, waren für sie aber nicht wirklich wichtig. Über Medienpolitik haben die Zufriedenen nicht weiter nachgedacht, vielleicht weil die Meldungen mit den täglichen Notwendigkeiten nur wenig zu tun hatten, vielleicht weil die Zeit, die Kraft und manchmal auch die Fähigkeiten fehlten, alles verstehen zu können, was auf der großen Bühne läuft. Heute sagen die Zufriedenen, dass die DDR ihre Heimat gewesen sei und dass sie damals auch den Nachrichten aus der Bundesrepublik nicht geglaubt hätten.

Auch die Überzeugten waren durch den Alltag voll ausgelastet, haben Medien wenig genutzt und Unterhaltung bevorzugt. Sie haben sich aber eher in den DDR-Programmen orientiert, hier auch die Wahrheit vermutet und das Westfernsehen entweder ganz abgelehnt oder wenigstens ihre Kinder daran gehindert, umzuschalten. Dieser Typ ist vor allem in gehobenen Positionen zu finden - in Bereichen, die von der Partei- und Staatsführung als "wichtig" propagiert wurden (Armee, Volksbildung, Journalismus, Parteiapparat).

Die Engagierten haben in der DDR Karriere gemacht (in der Wirtschaft und in Bildungseinrichtungen, aber auch in Staat und Partei). Position und intellektuelle Fähigkeiten erklären die beiden Unterschiede zu den Überzeugten. Die Engagierten hatten eine kritische Einstellung zur DDR, an die sie dennoch durch ihren sozialen Aufstieg gebunden waren, und ein weit größeres Informationsbedürfnis, das auch von der ARD bedient wurde. Obwohl dieser Typ etwas mehr Ostfernsehen einschaltete und außerdem annahm, dass politische Sendungen auf beiden Seiten gefärbt sind, ärgerten sich die Engagierten über die Medien im eigenen Land, über "politische Engstirnigkeit", über fehlende Informationen und über "Jubeln bis zum Abwinken" (Kindergärtnerin, Jahrgang 1944).

Die Frustrierten haben in der DDR nicht gelitten, lehnten aber die "Phrasendrescherei" in den Medien ab und fanden im Extremfall selbst die Fußballreporter "peinlich" (Briefträger, Jahrgang 1962). Wie die Engagierten haben sie sich für Politik interessiert, dieses Bedürfnis aber vor allem in westlichen Funkmedien befriedigt. Diesem Typ wurden nur Männer zugeordnet (aus der technischen Intelligenz und aus Angestelltenberufen) - Männer, die nicht in der SED waren, keine Aufstiegserfahrung hatten und damit auch keine Bindung an die DDR. Einige kamen aus einem kirchlichen oder antikommunistischen Umfeld, andere durften nicht studieren und fühlten sich bei der Bezahlung benachteiligt oder durch den allgemeinen Mangel.

Die Distanzierten haben das System zwar ebenfalls abgelehnt, diesem Typ ist es aber besser gelungen, eine Nische zu finden und so ein einigermaßen erfülltes Leben zu führen. Fast alle Distanzierten hatten Kontakt zur Kirche, oft sogar beruflich. Nischen konnten auch Künstlermilieus bieten, die Familie oder kleine Firmen, in denen man ohne politische Bekenntnisse über die Runden kam. Die Distanzierten nutzten ein ähnliches (unterhaltungsbetontes) Medienmenü wie die Zufriedenen. Der Unterschied: eine dezidierte (ablehnende) Einstellung zur DDR-Medienpolitik. Wer von den Distanzierten die Möglichkeit hatte, sah die "Tagesschau" und glaubte den Westmedien.

Die Souveränen haben den DDR-Medien zwar genauso wenig getraut, das hat sie aber nicht daran gehindert, dort intensiv nach Informationen "aus erster Hand" zu suchen, nach der "Sicht der Macht" (Pfarrer, Jahrgang 1938). Dieser Typ hat die DDR abgelehnt und konnte deshalb nicht aufsteigen. Er wurde entweder von der Kirche bezahlt, war Künstler oder sonst relativ frei (wie ein Museumsarbeiter, Jahrgang 1950). Da es für die Souveränen ein Wert an sich war, informiert zu sein, haben sie sich über Unterhaltungssendungen eher abwertend geäußert, auch über die Angebote aus der Bundesrepublik.

Die Typologie zeigt, dass die ARD in der DDR auf ganz unterschiedliche Erwartungen getroffen ist. Wer abhängig beschäftigt war, in der Berufshierarchie eine der unteren Positionen einnahm und durch die vielen Anforderungen des Alltags ausgelastet war, hat die Medien vor allem als Mittel zur Ablenkung und Entspannung genutzt und sich in der Regel wenig Gedanken über die politischen Inhalte gemacht. Viele Frauen hatten nicht einmal für die Nachrichtensendungen Zeit und folglich erst recht nicht für Magazine wie "Report" oder "Panorama". Generell wurde nicht unbedingt umgeschaltet, um Informationen zu suchen. Entsprechende Sendungen wurden mitgenommen, in erster Linie aber ging es um Unterhaltung und Entspannung.

Anders als oft angenommen, ist die ARD außerdem keineswegs mit einem Glaubwürdigkeitsbonus in die deutsche Einheit gestartet. In der DDR hat, darauf deuten zumindest die Rekonstruktionen aus der Erinnerung hin, nur eine Minderheit ohne Einschränkungen den Nachrichtensendungen aus der Bundesrepublik vertraut, vor allem die Frustrierten, die Souveränen und die Distanzierten. Selbst diese drei Mediennutzertypen, die die SED-Medienpolitik ablehnten und sich vor allem am Westen orientierten, haben auch hinter den Informationen von der anderen Seite bestimmte Interessen vermutet und folglich mit Vorsicht und Skepsis reagiert. Für die Stärke der Westorientierung waren neben dem Meinungsklima im privaten Umfeld, neben der Bindung an den anderen Teil Deutschlands und den persönlichen (auch intellektuellen) Voraussetzungen die Erfahrungen entscheidend, die man mit dem System gemacht hat.


Öffentlich-rechtlicher Rundfunk
Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 9-10/2009)

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