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11.5.2010 | Von:
Michael Meyen

Die ARD in der DDR

Zuschauer in der ersten Reihe

Die SED-Führung hat die Kritikfähigkeit der DDR-Bürger unter- und die Wirkung der ARD damit überschätzt. Diese These zielt nicht nur auf die "Aktion Ochsenkopf", auf den moralischen Druck in Sachen Westfernsehen oder auf den (inzwischen gut dokumentierten) Umgang mit den ARD-Korrespondenten, die auch von der Staatssicherheit beobachtet wurden,[8] sondern auf die Informationspolitik insgesamt. Die Medienlenkung in der DDR ist am besten als politische PR zu verstehen. Der Kommunikationswissenschaftler Klaus Merten hat Public Relations als "Differenzmanagement zwischen Fakt und Fiktion" definiert und PR-Fachleute als "professionelle Konstrukteure fiktionaler Wirklichkeiten" beschrieben, die danach streben, "Sachverhalte stets in positiver Tönung" darzustellen - letztlich mit dem Ziel, "die Wahrnehmung der Öffentlichkeit in ihrem Sinne zu manipulieren".[9] Was in die DDR-Medien kam, sollte die Interessen der Herrschenden unterstützen - in der Auseinandersetzung mit dem Westen und im Kampf um die Köpfe der eigenen Bürger.

Die konkreten Anweisungen der Medienlenker sind deshalb nur zu verstehen, wenn man die jeweilige politische Situation berücksichtigt und weiß, dass sich die Parteispitze manchmal im Wortsinn vor dem Bildschirm versammelte und anschließend Meldungen und Kommentare schrieb. Hans Modrow, von 1971 bis 1973 Leiter der Abteilung Agitation des ZK der SED, sagte in einem Interview, das Fernsehen sei für Erich Honecker "am allerwichtigsten" gewesen. Agitationssekretär Werner Lamberz habe jeden Abend vor einem Gerät gesessen, auf dem alle vier Programme aus Ost und West simultan liefen.[10] Auf einer Konferenz zur "politischen Massenarbeit der Partei" im Mai 1977, bei der das Fernsehen als "wichtigster gegnerischer Ideologieträger" bezeichnet wurde, klagte eine Arbeitsgruppe über das "uneffektive Nebeneinanderarbeiten" der Stellen, die die "feindlichen elektronischen Medien" analysieren (unter anderem die Nachrichtenagentur ADN, das Außenministerium und das Institut für Internationale Politik und Wirtschaft). Bei der Hauptabteilung Monitor des Staatlichen Komitees für Rundfunk erlaube die "Kadersituation" weder, die "Feindtätigkeit" zu differenzieren, noch die Unterhaltungssendungen einzubeziehen.[11]

Die Mitschriften dieser Abteilung Monitor stapeln sich heute im Archiv - oft versehen mit Anmerkungen von Joachim Herrmann, der 1978 Nachfolger von Lamberz wurde. Herrmann bearbeitete die Papiere mit Rotstift und Kommentaren, lief damit oft genug zu Honecker und schlug vor, wie man reagieren könne. Nicht wenige Texte wurden dabei vom Parteichef selbst in Auftrag gegeben und redigiert. Die SED-Spitze hielt die ARD für so wichtig, dass sie in der innenpolitischen Berichterstattung alles zu unterdrücken versuchte, was der Gegner für seine Interessen nutzen könnte, und Redaktionen vor allem dann kritisierte, wenn ein Beitrag trotzdem im Westen aufgegriffen wurde. Die DDR-Bürger konnten manche Meldungen nur verstehen, wenn sie sich auch im Westen informiert hatten.

In einem Leserbrief, den Herrmann im Juli 1988 aus Jena bekam, wurden gleich zwei Beispiele genannt: die Pressekampagne gegen den sowjetischen Film "Die Reue" (von Tengis Abuladse, 1984), der mit dem Stalinismus abrechnete (Erstaufführung im ZDF), und das Verschweigen des Skinheadüberfalls auf die Berliner Zionskirche am 17. Oktober 1987. Der Schreiber beklagte, "dass eine Reihe von Nachrichten wie selbstverständlich den Empfang entsprechender Sendungen westlicher Medien" voraussetze und dass "die Bevölkerung unseres Landes" in manchen Fällen verspätet oder gar nicht informiert werde.[12] Ralf Bachmann, der von 1981 bis 1986 für ADN in Bonn war, bekam auf die gleiche Kritik von seinen Vorgesetzten "zwei Antworten". Man wolle "Unruhe und Unsicherheit" vermeiden, und außerdem genüge es ja, "wenn das vom Westfernsehen gebracht wird, damit erfahren es doch alle". Sein Bericht über eine der großen Friedensdemonstration im Bonner Hofgarten (1983) sei in Ost-Berlin auf Skepsis gestoßen. Honecker habe die Direktübertragung im Westfernsehen verfolgt, nachgezählt und gezweifelt, dass man eine halbe Million Teilnehmer melden könne. "Bei dieser Vorsicht blieb es. Von unserer Berichterstattung wurde nichts übernommen, was man nicht selbst am Bildschirm gesehen hatte."[13]

Auf diese Weise kam der Klassenfeind am Ende selbst zu den DDR-Bürgern, die ARD-Sendungen aus Überzeugung mieden oder im Westfernsehen eher auf Unterhaltung aus waren. Da man die Ziele und Mechanismen der Medienlenkung kannte, konnte jeder politisch Interessierte auch aus der SED-Presse oder der "Aktuellen Kamera" auf die Haltung der Gegenseite schließen, auf außen- und innenpolitische Konfliktherde sowie auf wirtschaftliche Probleme - erst recht, wenn er intensiv die Berichterstattung aus der Bundesrepublik verfolgte. Für den Leipziger Schriftsteller war nicht nur die "Tagesschau" ein "absolutes Muss", sondern auch das "Neue Deutschland" ("Ich habe bestimmt jeden Tag eine Stunde gelesen"). Da die Zeitung etwa zur gleichen Zeit Redaktionsschluss hatte, habe er "schon am nächsten Vormittag sehen" können, wie die SED mit den Meldungen aus dem Westen "umgegangen" ist. Die DDR-Bürger fanden so selbst in der politisch inszenierten Öffentlichkeit genügend Indizien für die Agonie des Systems - auch dank der ARD.

Fußnoten

8.
Vgl. Jochen Staadt/Tobias Voigt/Stefan Wolle, Operation Fernsehen. Die Stasi und die Medien in Ost und West, Göttingen 2008; Rolf Geserick/Arnulf Kutsch, Möglichkeiten und Behinderungen des Informationszugangs für westdeutsche Korrespondenten in der DDR seit 1972, in: Publizistik, 29 (1984) 4, S. 455-491.
9.
Klaus Merten, Zur Definition von Public Relations, in: Medien & Kommunikationswissenschaft,56 (2008) 1, S. 42-59.
10.
Gespräch mit dem Autor und Anke Fiedler am 8. Dezember 2009 in Berlin.
11.
Konferenz "Die weiteren Aufgaben der politischen Massenarbeit", 25. bis 26.5.1977 (Abteilung Agitation), in: SAPMO-BArch, DY 30/vorl. SED 33906, nicht paginiert.
12.
Brief an Herrmann vom 3.7.1988 (Büro Joachim Herrmann), in: SAPMO-BArch, DY 30/IV 2/2.037/36, Bl. 106 ff., hier 107.
13.
Ralf Bachmann, Ich bin der Herr. Und wer bist du?, Berlin 1995, S. 249f.

Öffentlich-rechtlicher Rundfunk
Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 9-10/2009)

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