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3.5.2010 | Von:
Kathrin Voss

Grassrootscampaigning und Chancen durch neue Medien

Neue Chancen

Grassrootscampaigning - online oder offline - bietet die Chance, Lobbying eine höhere Legitimation zu verleihen. Voraussetzung dafür ist allerdings die absolute Transparenz. Verfügen Organisationen über eine feste Mitgliederbasis, bieten Grassrootskampagnen die Chance, die eigenen Mitglieder einzubinden und gleichzeitig interessierte Nicht-Mitglieder anzusprechen. Gerade in Zeiten abnehmender Mitgliederzahlen in vielen traditionellen Organisationen ist dies ein wichtiger Aspekt. Durch das Internet ist Grassrootscampaigning für neue wie für etablierte Akteure attraktiver geworden. Vor allem die neuen Social-Web-Anwendungen bieten die Chance, in solchen Kampagnen in einen wirklichen Dialog mit Mitgliedern und Nicht-Mitgliedern zu treten und sie dadurch zu mobilisieren. Doch diese Chancen werden bisher nur selten wahrgenommen. In Deutschland werden beispielsweise interaktive Internetanwendungen von den klassischen Verbänden kaum genutzt.[19] Nur die aus sozialen Bewegungen entstandenen Organisationen, die schon immer auf die Unterstützung der breiteren Öffentlichkeit angewiesen waren, nutzen vermehrt die Möglichkeiten des Social Webs und bauen Grassrootselemente auf ihren Internetseiten ein. Studien aus anderen Ländern kommen zu ähnlichen Ergebnissen.[20]

Dies wird sich in der Zukunft sicherlich ändern, denn mit dem Internet treten neue Akteure auf die politische Bühne. Die internetbasierten Hybrid-Organisationen, aber auch die offenen Plattformen im Netz haben das Potenzial, eine nicht unbeträchtliche Konkurrenz für traditionelle Verbände und NGOs zu werden, da sie die Möglichkeiten des Internets besser zu nutzen verstehen. Gerade das Beispiel MoveOn.org zeigt, wie aus einem punktuellen Engagement ein dauerhaftes werden kann und welche Bedeutung das Internet für erfolgreiche Grassrootskampagnen spielen kann. Auf der anderen Seite bietet das Internet aber auch denjenigen eine Plattform, die im Sinne des Astroturfing eine Graswurzelbewegung nur vortäuschen und Menschen unter Verschleierung der wahren Interessen für ein bestimmtes Thema mobilisieren wollen.

Insgesamt sind durch das Internet die Möglichkeiten, Menschen einzubinden und zu mobilisieren, vereinfacht worden. Das Internet bietet neue Plattformen sich auszutauschen und zu organisieren, auch fernab von regionalen und nationalen Begrenzungen und vorhandenen Organisationen. Trotzdem werden Mobilisierungskampagnen, die nur über das Netz organisiert werden, sicherlich vorerst die Ausnahme bleiben. Betrachtet man erfolgreiche Internetkampagnen der Vergangenheit, so stellt man fest, dass zu irgendeinem Zeitpunkt die Massenmedien auf das Thema aufmerksam wurden und erheblich zum letztendlichen Erfolg beigetragen haben. Massenmedien bleiben der wichtigste Multiplikator, um Themen einer breiteren Öffentlichkeit bekannt zu machen.[21] Daher gilt auch im digitalen Zeitalter: Zu einer erfolgreichen Grassrootskampagne gehört mehr als nur eine Website.

Fußnoten

19.
Vgl. Kathrin Voss, Online-Kommunikation von Verbänden, in: O. Hoffjann/R. Stahl (Anm. 1).
20.
Vgl. Jennifer Earl, Pursuing Social Change Online: The Use of Four Protest Tactics on the Internet, in: Social Science Computer Review, 24 (2006) 3, S. 362-377; Lori A. Brainard/Patricia D. Siplon, Cyberspace Challenges to Mainstream Nonprofit Health Organizations, in: Administration & Society, 34 (2002) 2, S. 141-175; Stephen Ward/Wainer Lusoli, Dinosaurs in Cyberspace? British Trade Unions and the Internet, in: European Journal of Communication, 18 (2003) 2, S. 147-179.
21.
Vgl. Kathrin Voss, Nichtregierungsorganisation und das Social Web: Mittel der Zukunft oder Bedrohung?, in: Ansgar Zerfaß/Martin Welker/Jan Schmidt (Hrsg.), Kommunikation, Partizipation und Wirkungen im Social Web. Band 2: Strategien und Anwendungen: Perspektiven für Wirtschaft, Politik, Publizistik. Köln 2008.