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Gentrifizierung im 21. Jahrhundert

20.4.2010

Gentrifizierung im geschichtlichen Rückblick



Die geschichtliche Dimension der Thematik ist für den heutigen Diskurs über das Thema wichtig, da in der gesellschaftlichen Öffentlichkeit häufig der falsche Eindruck vermittelt wird, es handle sich um ein neues stadtpolitisches Thema.

Die Entstehung und Persistenz des Gentrifizierungsdiskurses in England ist mit der in Großbritannien noch sehr ausgeprägten Trennung zwischen Klassen verknüpft.[5] Das Eindringen zahlungskräftiger Schichten in Gebiete der Arbeiterklasse war und ist dort deshalb ein viel sensibleres Politikum als in Ländern mit sozial gemischteren Stadtquartieren und einem feinmaschigeren Wohlfahrtsstaat. London ist zudem aufgrund seiner vielfältigen, auch international nachgefragten Arbeitsangebote schon lange ein bevorzugter Wohnstandort. Seit vielen Jahren steht dort eine hohe Wohnungsnachfrage einem geringen und qualitativ mangelhaften Angebot gegenüber. Hohe Mietpreise sind eine Folge dieser Entwicklung und führen dazu, dass sich Haushalte mit geringen Einkommen das Wohnen in zentralen Lagen der Stadt kaum mehr leisten können. Von ihnen verlassene Wohnungen werden renoviert oder abgerissen und neu gebaut, um anschließend an zahlungsfähige Kunden teurer vermietet oder verkauft zu werden.

Auf dem europäischen Festland entwickelte sich der Gentrifizierungsdiskurs ab Mitte der 1970er Jahre im Zuge der populären Hausbesetzungen in den Niederlanden.[6] Die Ölkrise verteuerte erstmals das Wohnen und leitete den Wandel industriegesellschaftlicher Stadtstrukturen ein. In Deutschland bestimmten - vor allem in Frankfurt, Berlin und Hamburg - Hausbesetzungen und Modernisierungen der Stadtstruktur den wohnpolitischen Alltag der 1980er Jahre.[7] Jüngere Bevölkerungsgruppen mit mittlerem und geringem Einkommen verweigerten die drohende Verdrängung durch Kahlschlagsanierung und teure Modernisierung an kostengünstigere Stadtränder oder gar in die suburbane Peripherie. Sie organisierten sich - angelehnt an historische Vorbilder - in Bürgerinitiativen auf Stadtteil-, Straßen- oder Hausebene, bildeten Wohnkollektive und verbündeten sich mit sozialen Bewegungen, die ihre Interessen unterstützen. In dieser Zeit entstanden in Deutschland auch die ersten stadtsoziologischen Fallstudien zur Gentrifizierung infolge der Erneuerung von Wohnungsbeständen oder von Großprojekten.[8] Letztere förderten - wie z.B. die Ansiedlung des Europäischen Patentamtes in München - den Zuzug gut bezahlter Bevölkerungsgruppen, mit denen einkommensschwächere ansässige Bevölkerungsgruppen auf dem Wohnungsmarkt kaum konkurrieren konnten.[9]

Wissenschaftliche Erklärungen von Gentrifizierung basieren auf unterschiedlichen theoretischen Annahmen. Die sozial-ökologische Deutung verfolgte längere Zeit die Perspektive eines "doppelten Invasions-Sukzessions-Zyklus" mit der Annahme eines sukzessiven Zuzugs besserverdienender Haushalte,[10] die bislang empirisch jedoch nicht belegt werden konnte. Als plausibel, wenn auch um kulturelle Aspekte ergänzungsbedürftig, hat sich in kapitalistischen Gesellschaftssystemen die ökonomische Erklärung von Gentrifizierung durchgesetzt. Sie geht von Rendite-Differenzen von Gebäude- und Grundstückswerten aus. Ein durch Erneuerungsmaßnahmen steigender Gebäudewert ("value-gap") zieht hiernach später eine Erhöhung des Grundstückswertes nach sich ("rent-gap").[11] Solche Prozesse können durch eine Veränderung der Nachfrage nach Wohnraum sowie durch Interventionen im Wohnraumangebot sowie im Umfeld von Wohngebieten ausgelöst werden, die ihrerseits eine zahlungskräftige Nachfrage generieren. Unklar bleibt dabei, welche gesellschaftlichen Strukturen und Akteure die Wertentwicklung von Boden und Wohnraum beeinflussen[12] und wie sie Wertsteigerungen bewirken, die den Beginn von Gentrifizierung markieren. Diese Aspekte bleiben im Einzelfall genau zu untersuchen. Dafür eignen sich national und international vergleichende Längsschnittstudien unter Berücksichtigung von stadtpolitischen, wirtschaftlichen und sozialkulturellen Einflussfaktoren.[13] Sie stellen jedoch bis heute eine empirische Forschungslücke dar. Risiken von Gentrifizierung - u.a. nach abgeschlossenen Sanierungsverfahren[14] - werden in mehreren deutschen Städten mit dem Instrument der Erhaltungs- oder Milieuschutzsatzung zu regulieren versucht.[15] Erfahrungen zeigen jedoch, dass die Wirksamkeit solcher öffentlichen Interventionen vergleichsweise begrenzt ist.


Fußnoten

5.
Vgl. Katja Gielnik, Creaming the Poor? - Die Underclass-Debatten in Großbritannien und Deutschland, in: Jens S. Dangschat (Hrsg.), Modernisierte Stadt - Gespaltene Gesellschaft. Ursachen von Armut und sozialer Ausgrenzung, Opladen 1999, S. 153ff.
6.
Vgl. Jan van Weesep/Sako Musterd (eds.), Urban Housing for the Better-Off: Gentrification in Europe, Utrecht 1991.
7.
Vgl. Ingrid Breckner, Wohnungsnot und Gewalt, München 1985.
8.
Vgl. Jörg Blasius/Jens S. Dangschat, Gentrification. Die Aufwertung innenstadtnaher Wohnviertel, Frankfurt-New York 1990; Jürgen Friedrichs/Robert Kecskes (Hrsg.), Gentrification. Theorie und Forschungsansätze, Opladen 1996.
9.
Vgl. Ludwig Ecker/Klaus M. Schmals, Stadterneuerungspolitik - Analysiert an einem Fallbeispiel, in: Soziale Welt, 32 (1981) 2, S. 196-218.
10.
Jürgen Friedrichs, Gentrification, in: Hartmut Häußermann (Hrsg.), Großstadt - Soziologische Stichworte, Opladen 1998, S. 63; vgl. Jens S. Dangschat, Gentrification: Der Wandel innenstadtnaher Wohnviertel, in: Jürgen Friedrichs (Hrsg.), Soziologische Stadtforschung (Sonderheft 29 der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie), Opladen 1988, S. 272 f.
11.
Vgl. J. Friedrich (Anm. 10), S. 64 ff.
12.
Vgl. Helmut Brede/Barbara Dietrich/Bernhard Kohaupt, Politische Ökonomie des Bodens und der Wohnungsfrage, Frankfurt/M. 1976.
13.
Vgl. Hartmut Häußermann/Andreas Kapphan, Berlin: von der geteilten zur gespaltenen Stadt? Sozialräumlicher Wandel seit 1990, Opladen 2000, S. 191-201.
14.
Vgl. Heidede Becker, Sanierungsfolgen: eine Wirkungsanalyse von Sanierungsmassnahmen in Berlin, Stuttgart 1982.
15.
Vgl. Iris Behr, Erhaltungssatzung, Milieuschutzsatzung nach §172 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 BauGB: (Rechtsgutachten), Darmstadt 1989.

 

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Städte sind die Kristallisationspunkte des gesellschaftlichen Wandels. Das Dossier schildert aktuelle Tendenzen sowie Ursachen und Folgen der Stadtentwicklung in Deutschland. Es stellt stadtpolitische Steuerungsversuche vor, mit denen auf die Probleme der Städte reagiert wird. Weiter...