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Gentrifizierung im 21. Jahrhundert

20.4.2010

Perspektiven einer Stadtpolitik jenseits von Gentrifizierung



Wie bereits angemerkt, erfordert eine für die Vermeidung von Gentrifizierung sensible Stadtpolitik umfangreiches Detailwissen über die unterschiedlichen Entwicklungen in verschiedenen städtischen Gebietstypen. Reine Prozessbeschreibungen und moralische Skandalisierungen reichen hierfür keineswegs aus. Erforderlich ist vielmehr eine gründliche interdisziplinäre, strukturelle wie prozessuale Stadtforschung, die auf verallgemeinerbare Ergebnisse oder zumindest auf Erklärungen der Ursachen von spezifischen räumlichen Entwicklungen ausgerichtet ist.

Gentrifier lassen sich aus wirtschaftlich prosperierenden Städten kaum ausschließen, weil sie dort auch gebraucht werden. Auch eine Zwangsverlagerung dieser Bevölkerungsgruppen in Regionen mit Bevölkerungs- und Innovationsbedarf erscheint kaum realistisch. Viel wichtiger wäre es, mit Mitteln von Forschung und Praxis herauszufinden, wie die unterschiedlichen Potenziale von Gentrifiern und der von ihnen "bedrohten" Bevölkerungsgruppen sinnvoll verknüpft und für eine demokratische Entwicklung von Städten und Regionen genutzt werden können. In Leipzig und anderswo haben solche Prozesse längst eingesetzt. Sie leben u.a. von der Erfahrung, dass einkommenshomogene Siedlungsstrukturen, seien sie durch Armut, mittlere Einkommen oder Reichtum geprägt, längerfristig langweilig werden.[30] Dabei erlahmen kreative Energien und individualisierte Konflikte mit Partnern, Nachbarn oder Freunden nehmen zu.

Aktivitäten gegen Gentrifizierung können sich nicht allein auf politische, wirtschaftliche, soziale oder kulturelle Eingriffe im Bereich des Wohnens beschränken. Dort tritt Gentrifizierung zwar in Erscheinung, ihre Ursachen liegen jedoch in einem komplexen Feld von Wechselwirkungen, das es jeweils vor Ort zu entschlüsseln gilt, bevor zu kurz greifende populistische Maßnahmen ergriffen werden. Angemessene Interventionen können in den Bereichen Bildung, Arbeit, Kultur oder in der Gestaltung von Mobilitätsmöglichkeiten liegen und müssen in der Regel angemessen aufeinander bezogen werden.

Für die Lösung "hartnäckiger" sozialräumlicher Probleme ist eine Implantierung von Gentrifizierung durch Großprojekte wie (Bau-)Ausstellungen oder Olympiaden erfahrungsgemäß wenig geeignet. Hierfür bedarf es experimenteller Spielräume zur Entwicklung geeigneter Handlungskonzepte unter Beteiligung derjenigen, deren Probleme zu lösen sind. Dabei kann sich die ökonomisch abgesicherte ,kulturelle Klasse' durch Patenschaften, Stiftungen, Projektförderung nützlich machen und selbst Kreativität sowie Zufriedenheit ernten. Zu bekämpfen sind nicht die Gentrifier, sondern die Strukturen und Prozesse die zur sozialen Spaltung urbaner Lebenswelten und zur Zerstörung der Ressourcen aller Bewohner einer Stadt beitragen.


Fußnoten

30.
Vgl. Marcus Menzl, Leben in Suburbia - Raumstrukturen und Alltagspraktiken am Rand von Hamburg, Frankfurt/M.-New York 2007.

 

Dossier

Stadt und Gesellschaft

Städte sind die Kristallisationspunkte des gesellschaftlichen Wandels. Das Dossier schildert aktuelle Tendenzen sowie Ursachen und Folgen der Stadtentwicklung in Deutschland. Es stellt stadtpolitische Steuerungsversuche vor, mit denen auf die Probleme der Städte reagiert wird. Weiter...