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Auf Angst gebaut


20.4.2010
Die Stadtbewohner finden sich in ihrem Alltag zunehmend in einem Kontinuum wechselnder Kontrollmilieus wieder, die sich mehr oder weniger hermetisch voneinander abschließen können. Jedoch zeigt sich tagtäglich die Durchlässigkeit der Grenzen durch eine Vielzahl von Grenzüberschreitungen.

Einleitung



Sowohl die Errichtung der Urhütte als auch die Gründung der allerersten Städte stehen in ursächlichem Zusammenhang mit den Sicherheitsbedürfnissen ihrer Bewohner. Sie sind gewissermaßen Gründungen der Angst: Angst vor Unwettern, Umweltkatastrophen, vor wilden Tieren oder vor gefährlichen oder als gefährlich imaginierten menschlichen Subjekten. Denn die mit der Einführung des Ackerbaus dem kargen Boden mühevoll abgerungenen Früchte sollten natürlich nicht anderen zufallen, die sich illegitimen Zugang zu den Lagern verschafften. Und auch die mit dem Aufkommen des Handels entstehenden Städte schützten sich und ihre Güter mithilfe von Mauern vor Eindringlingen aus dem Außen.

Mauern schließen aber nicht nur aus sondern auch ein. Schutz bedeutet immer auch die Kontrolle der Schutzbedürftigen. Und tatsächlich lauern die Gefahren nicht nur im Außen - die Gefahren lauern auch in der eigenen Wohnung, in der eigenen Festung, in der eigenen Stadt. Sie sind im vermeintlich Sicheren mit eingeschlossen und werden daher zu ihrer Bewältigung auf das Außen - auf das Andere, das Fremde - projiziert. Diese Bedrohungen aus dem Außen sind zum Anderen aber auch essentiell für die Konstitution und Selbstversicherung von Gemeinschaften: denn die eigene "Normalität" stellt sich vorrangig durch die Abgrenzung von den Anderen - und dabei sehr häufig durch deren Denunzierung oder Diabolisierung - her.

Gegen die Feinde von Außen wurden einst bekanntlich Wälle und Gräben errichtet, die in einem ständigen Hochrüstungsprozess gegen die immer weiter reichenden Angriffswaffen ausgebaut werden mussten. Es entstanden komplexe Bastionen mit Grüngürteln, die bebauungsfrei gehalten wurden, um sich nähernde Angreifer sofort erkennen und unter Beschuss nehmen zu können. Nach 1800 erreichten die Waffen der Artillerie schließlich eine so hohe Reichweite und Schlagkraft, dass Angreifer aus ihren Verdecken in und hinter den Vororten schießen konnten und die Stadtbefestigungen daher aus wehrtechnischen Gründen obsolet wurden. Danach wuchsen die Städte rasant an, inkorporierten ihre Vorstädte und schlossen mit ein, was vormals ausgegrenzt oder ausgelagert wurde. Dadurch wechselte der potentielle Feind vom Außen ins Innere der Städte. Denn die Machthaber begannen nun die eigene Bevölkerung zu fürchten: zuerst die Aristokratie die bürgerlichen Revolutionäre und dann die Bürger die proletarischen Massen der Vorstadt. Gegen diese "neuen" Feinde von Innen wird nun vorrangig präventiv vorgegangen: durch die Präsenz von Polizei, den Ausbau der städtischen Beleuchtung (die im 20. Jahrhundert durch die Videoüberwachung ergänzt werden wird) und durch städtebauliche Baumaßnahmen, die der Übersichtlichkeit des Stadtgefüges dienen und den raschen Einsatz der Sicherheitseinheiten ermöglichen.



 

Dossier

Stadt und Gesellschaft

Städte sind die Kristallisationspunkte des gesellschaftlichen Wandels. Das Dossier schildert aktuelle Tendenzen sowie Ursachen und Folgen der Stadtentwicklung in Deutschland. Es stellt stadtpolitische Steuerungsversuche vor, mit denen auf die Probleme der Städte reagiert wird. Weiter...