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Niedergang oder Comeback der Gewerkschaften - Essay


23.3.2010
Wollen die Gewerkschaften in der Kapitalismuskrise als konstruktive Vetospie­ler zur Krisenbewältigung beitragen, sind die Stabilisierung ihrer Organisations­macht und die Demokratisierung des Wirtschaftlichen unverzichtbar.

Einleitung



Es klingt paradox: Ausgerechnet in der schwersten Krise des Nachkriegskapitalismus scheint den deutschen Gewerkschaften ein Comeback zu gelingen. Umgarnt von den politischen Parteien erlebten sie eine "ungeahnte Renaissance".[1] Schlicht und wuchtig heißt es: "Die Gewerkschaften sind zurück."[2] Diese aus gewerkschaftlicher Sicht schmeichelhafte Diagnose kollidiert mit dem Mainstream der wissenschaftlichen und medialen Debatten der vergangenen Jahre. Dort galt der gewerkschaftliche Niedergang geradezu als ausgemachte Sache.

Als einer der ersten gab Ralf Dahrendorf anlässlich der gewerkschaftlichen Politik zur Verkürzung der Wochenarbeitszeit im Jahr 1984 den Tenor vor: Die Gewerkschaften repräsentierten zunftähnlich nur noch die Sonderinteressen der Arbeitsplatzbesitzer und befänden sich auf dem Weg von "vorwärtsweisenden Organisationen selbstbewusster Zukunftsgruppen" zu "Verteidigungsorganisationen absteigender sozialer Gruppen".[3] Seither hatte sich die These vom Niedergang der Gewerkschaften zu einem Krisenparadigma verdichtet, das die Diskurse bis hin zum Szenario eines "Kapitalismus ohne Gewerkschaften" fand (W. Müller-Jentsch) prägte.


Fußnoten

1.
Wirtschaftswoche vom 30.3.2009.
2.
Die Zeit vom 30.4.2009.
3.
Ralf Dahrendorf, Verhindern oder vorantreiben?, in: Die Zeit vom 18.5.1984.