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17.3.2010 | Von:
Wolf Grabendorff

Brasiliens Aufstieg: Möglichkeiten und Grenzen regionaler und globaler Politik

Brasilien tritt verstärkt als regionale Führungsmacht auf. Doch ist seine Führungsrolle in Lateinamerika umstritten. Und auch die USA haben die neue internationale Position Brasiliens noch nicht eindeutig anerkannt.

Einleitung

Es gibt wenige Länder, die ein so ausgeprägtes Verständnis von ihrer Rolle als Großmacht haben wie Brasilien. Verbunden war damit bis vor wenigen Jahren das Gefühl - vor allem bei den Eliten des Landes - dass Brasilien diese Rolle durch ein ungerechtes internationales System und die Unfähigkeit verschiedener eigener Regierungen allzu lange vorenthalten worden ist. Als Pimentel Gomez 1969 seinen Bestseller über Brasilien unter den fünf Großmächten des ausgehenden 20. Jahrhunderts (USA, UdSSR, China, Indien) veröffentlichte,[1] war dies auch für die Brasilianer nur Zukunftsmusik. Erst seit Ende der 1970er Jahre wurde auch außerhalb Brasiliens über die zukünftige Rolle des Landes im internationalen System spekuliert.[2]

Interne Reformen und externe Entwicklungen - einige politisch gewollt oder zumindest beeinflusst, andere ungewollt bzw. durch die Veränderungen der internationalen Situation nach dem Ende des Kalten Krieges hervorgerufen - haben Brasiliens Weg zur Führungsmacht erheblich erleichtert. Dazu gehörten vor allem eine ganze Reihe wichtiger wirtschafts- und sozialpolitischer Reformen unter den Präsidenten Fernando Henrique Cardoso (1995-2002) und Luiz Inácio Lula da Silva (2003-2010)[3] und der Erfolg eines demokratisch verankerten Entwicklungsmodells. Aber auch die gewachsenen Energiereserven, eine drastisch veränderte geopolitische Lage in Lateinamerika und politisch wie wirtschaftlich ständig intensivere Süd-Süd-Beziehungen aufgrund einer ungewöhnlich erfolgreichen Diplomatie trugen zu dieser Entwicklung bei. Seit die Investmentbank Goldman Sachs 2003 das BRIC-Konzept der vier aufstrebenden Wirtschaftsmächte (Brasilien, Russland, Indien, China) vorstellte, ist Brasiliens Aufsteigerrolle aus der internationalen Diskussion nicht mehr wegzudenken.

Brasiliens Außenpolitik beruht vor allem auf vier Grundvorstellungen, welche die unterschiedlichen Regierungen den jeweiligen internationalen Rahmenbedingungen anzupassen wussten:[4]
  • die Vorstellung von einem großräumigen Land, dessen Ressourcenausstattung nicht nur eine Grundlage für die eigene Entwicklung, sondern auch für seinen internationalen Einfluss bietet;
  • die Vorstellung von einer multiethnischen tropischen Kultur, die in der Lage ist, die Gegensätze zwischen schwarz und weiß, arm und reich, entwickelt und unterentwickelt zu überwinden;
  • die Vorstellung vom langfristigen Erfolg eines marktwirtschaftlichen Entwicklungsmodells mit einer bedeutenden staatlichen Komponente, die vor allem für die sozialen und infrastrukturellen Fortschritte verantwortlich zeichnet;
  • die Vorstellung von einem pragmatischen Nationalismus, der nur an den jeweiligen nationalen Interessen orientiert ist.
Diese Selbsteinschätzung lässt sich auch an den vier derzeitigen Zielvorstellungen der brasilianischen Außenpolitik ablesen:
  • die Teilnahme an den Entscheidungen aller wichtigen internationalen Organisationen;
  • die Anerkennung durch die Führungsmächte USA, EU, Russland, China und Indien als gleichberechtigter Partner in einer multipolaren Weltordnung;
  • die Akzeptanz als regionale Führungsmacht in Südamerika;
  • die Aufnahme des Landes als ständiges Mitglied in den UN-Sicherheitsrat.
Der aktuelle Präsident und sein Vorgänger waren besonders aktiv in ihren Anstrengungen, diesen Zielvorstellungen näher zu kommen.[5] Sie haben dabei gegenüber den Nachbarstaaten und sonstigen außenpolitischen Partnern vor allem auf Konsens gesetzt und sich bei verschiedenen internationalen Konflikten auch als Vermittler bewährt. Vor allem während der Präsidentschaft von Lula da Silva nahm das Verständnis für und die Rücksichtnahme auf unterschiedliche Entwicklungsmodelle innerhalb und außerhalb Lateinamerikas deutlich zu. Ob Brasilien daher ein historisch, politisch und kulturell westliches Land bleiben wird,[6] ist bereits zu einem innenpolitischen Streitpunkt geworden. Insofern hat der internationale Aufstieg des Landes nicht nur zum nationalen Wohlgefühl beigetragen, sondern auch Kosten verursacht, die in Zukunft noch zunehmen dürften, weil die zentrale Entscheidung Brasiliens, gegebenenfalls in die "Erste Welt" aufgenommen zu werden - etwa durch den Beitritt zur Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) - oder aber sich als eine Führungsmacht des Südens zu etablieren, immer noch aussteht.

Fußnoten

1.
Vgl. Pimentel Gomes, O Brasil entre as 5 Maiores Pôtencias, Rio de Janeiro 1969.
2.
Vgl. Wolf Grabendorff/Manfred Nitsch (Hrsg.), Brasilien: Entwicklungsmodell und Aussenpolitik, München 1977; William H. Overholt (Hrsg.), The Future of Brazil, Boulder 1978; Wayne A. Selcher (Hrsg.), Brazil in the International System: The Rise of a Middle Power, Boulder 1981; Jordan M. Young, Brazil: Emerging World Power, Malabar 1982.
3.
Vgl. Riordan Roett, How Reform Has Powered Brazil's Rise, in: Current History, (2010) February, S. 47-52.
4.
Vgl. Wolf Grabendorff, Brasiliens Außenpolitik zwischen Erster und Dritter Welt, in: Hanns-Albert Steger/Jürgen Schneider (Hrsg.), Aktuelle Perspektiven Brasiliens, München 1979, S. 193.
5.
Vgl. Rafael Duarte Villa/Manuela Trindade Viana, Política exterior brasileña: nuevos y viejos caminos en los aspectos institucionales, en la práctica del multilateralismo y en la política para el Sur, in: Revista de Ciencia Política, 28 (2008) 2, S. 77-106.
6.
Vgl. Juan de Onis, Brazil's Big Moment, A South American Giant Wakes Up, in: Foreign Affairs, (2008) November-December, S. 110f.

Dossier

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