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17.3.2010 | Von:
Kristina Hille

Reaktivierte Unternehmen: Die empresas recuperadas in Argentinien

2001 geriet Argentinien in eine verheerende Wirtschaftskrise. Um ihre Arbeitsplätze zu retten, besetzten über 10 000 Arbeitnehmer ihre Betriebe und bewahrten so viele Werke vor der Schließung.

Einleitung

Weltweit zittern viele Menschen täglich um ihre Arbeitsplätze, fürchten um ihre Existenz. Die bevorstehende Schließung des Opel-Werks in Antwerpen durch den US-Konzern General Motors wird Tausende ihre Jobs kosten. Im irischen Limerick hat der Computerhersteller Dell Ende des vergangenen Jahres sein Werk geschlossen und 1900 Menschen entlassen, mit fatalen Folgen für die gesamte Region.[1] Vor dem Bankrott der spanischen Fluggesellschaft Air Comet, die im Eigentum des Präsidenten der spanischen Arbeitgeberorganisation CEOE stand, wurde die Belegschaft monatelang nicht bezahlt und schließlich einfach entlassen.[2]

Dies sind nur einige Beispiele aus dem Herzen Europas. Die Folgen der schlimmsten Wirtschaftskrise seit fast einem Jahrhundert sind hier und in den USA noch immer deutlich zu spüren. In Argentinien ist die Bevölkerung an derartiges Geschehen längst gewöhnt. Es ist lediglich eine der zyklisch wiederkehrenden Krisen, die jüngste war zu Anfang dieses Millenniums. Im November 2001 kam es zu einer Kapitalflucht in Milliardenhöhe, die Bankguthaben der Sparer wurden eingefroren, die Menschen protestierten auf den Straßen, und die Regierung trat zurück. Fast 3000 argentinische Unternehmen meldeten im Jahr 2001 Insolvenz an.[3] 2002 stieg die offene städtische Arbeitslosigkeit auf fast 20 Prozent.[4]

In dieser explosiven Stimmung entstanden die sogenannten empresas recuperadas (reaktivierte Unternehmen).[5] Über 10000 Arbeitnehmer besetzten ihre ehemaligen Arbeitsplätze, um sie zu erhalten und ihr Unternehmen selbst zu verwalten, mit dem Slogan "ocupar, resistir, producir" (besetzen, standhalten, produzieren). Sie "reaktivierten" die Unternehmen, welche die ehemaligen Eigentümer schon längst aufgegeben hatten. Die meisten von ihnen hatten seit Monaten vergeblich auf ihren Lohn gewartet. Ihre Chefs schlichen sich, oft ohne etwas zu sagen, einfach davon, verschlossen die Werkstore und hinterließen einzig und allein einen Berg Schulden. Teilweise hatten sie die Räumung des Unternehmens jahrelang geplant, um es an einem anderen Standort wieder aufzubauen: Sie nahmen Kredit um Kredit auf, ohne jemals daran zu denken, diese zurückzuzahlen oder auch nur einen Peso in das Unternehmen zu investieren. Als die ökonomische Situation ihnen keinerlei Gewinn mehr versprach und ihnen alle Zuschüsse verweigert wurden, brachten sie ihr Geld im Ausland in Sicherheit und verschwanden von der Bildfläche.

Im Jahr 2004 gab es 161 empresas recuperadas, 2009 waren es bereits 240, die meisten davon in den Provinzen Buenos Aires, Santa Fé und Córdoba. Der Großteil sind kleine und mittelständische Unternehmen, nur vier Prozent beschäftigen mehr als 200 Personen. Ihre Mitglieder entstammen allen Wirtschaftssektoren: Lehrer, Grafiker und Journalisten sind ebenso darunter wie Krankenschwestern oder Informatiker. Die vorwiegende Anzahl kommt jedoch aus der Metallindustrie. In der Regel wenden die Mitglieder der empresas recuperadas bei den Besetzungen keine Gewalt an. Sie erhalten allerdings zeitweise Unterstützung von den sogenannten piqueteros.[6] Besonderes Engagement für die Erwerbslosen zeigten auch die Universitäten. Studierende und Professoren standen ihnen Rede und Antwort und gaben den Kooperativenmitgliedern fachspezifische Kurse, um die selbstverwaltete Produktion anzukurbeln. In der Arbeiterkooperative Chilavert in Buenos Aires befindet sich außerdem das Informationszentrum über die empresas recuperadas. Studierende der Universität von Buenos Aires archivieren in der Druckerei Pressetexte über die soziale Bewegung und laden zu kulturellen Veranstaltungen ein. Zahlreiche Schulungen und Lehrgänge werden überdies von staatlicher Seite geboten. Seit der argentinische Staat ihren Nutzen erkannt hat, werden sie aktiv von ihm unterstützt; durch entsprechende Gesetze wurde ihnen eine legale Basis gegeben. Um den Bekanntheitsgrad der empresas recuperadas zu erhöhen und ihre Mitgliederzahl zu vergrößern, organisiert das Arbeitsministerium jährlich die Messe der empresas recuperadas in Buenos Aires und gibt einen Katalog heraus, der die entsprechenden Unternehmen aufführt.

Fußnoten

1.
Vgl. die "Vorberichterstattung" von Jochen Stahnke, Limerick: Eine Stadt im Überlebensmodus, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) vom 4.5.2009, online: www.faz.net/s/RubDDBDABB9457A437BAA85A49C26FB23A0/Doc~E92581DBACB9946F7AFAF3EE3C69AC58A~ATpl~Ecommon~Scontent.html (11.1.2010).
2.
Vgl. Air Comet ist pleite und entlässt gesamtes Personal, in: Neue Züricher Zeitung (NZZ) vom 22.12.2009, online: www.nzz.ch/nachrichten/wirtschaft/aktuell/air_comet_ist_pleite_und_entlaesst_gesamtes_personal_1.4312601.html (11.1.2010).
3.
Vgl. José Félix Sancha, Recuperación de fuentes de trabajo a partir de la autogestión de los trabajadores, in: realidad económica, 183 (2001), S. 62-75, hier: S. 67.
4.
Argentinien konnte die Weltfinanzkrise relativ gut abfedern. Im zweiten Trimester 2009 lag die Arbeitslosigkeit bei lediglich 8,8 Prozent. Vgl. dazu International Labour Organization, Panorama Laboral 2009. América Latina y el Caribe, Avance primer semestre,Lima 2009, S. 87.
5.
Vgl. ausführlich: Kristina Hille, Die empresas recuperadas in Argentinien. Selbsthilfe vonErwerbslosen in Krisenzeiten, Marburg 2009.
6.
Die piqueteros ("Straßenkämpfer") treten in Argentinien seit den 1990er Jahren auf. Es handelt sich bei ihnen um Erwerbslose ohne soziale Absicherung, die versuchen, durch unangemeldete Demonstrationen die Aufmerksamkeit der Politiker auf sich zu lenken, mit dem Ziel, auf die Listen der Sozialhilfe und Arbeitslosenunterstützung gesetzt zu werden. Dabei werfen sie sich, oft mit einem Stock bewaffnet, vor fahrende Autos, um diese zum Anhalten zu zwingen und ihrem Demonstrationszug freies Geleit zu gewähren. Die Praxis der Straßenblockaden hat sich in den vergangenen Jahren stark verbreitet. Zu den bekanntesten piquetero-Organisationen zählen das MIJD (Movimiento Independiente de Jubilados y Desocupados) von Raul Castells und die FTV (Federación Tierra y Vivienda) von Luis D'Elia. Vgl. Kristina Hille, The empresas recuperadas in Argentina - a way out of the crisis, in: International Labour Organization, African responses to the crisis through the social economy. Working document for the International Conference on the Social Economy, Genf 2009, S. 3-14, hier: S. 5.

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