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Das unselige Ende der DDR - Essay


4.3.2010
In der Auseinandersetzung mit verharmlosenden und verkürzten Sichten auf die DDR und ihr Ende werden die DDR-Ereignisse in eine europäische Befreiungsrevolution eingebettet.

Einleitung



Zwanzig Jahre nach dem Ende der DDR hat die schnelle Öffnung der Archive, haben zeitgeschichtliche Forschungen und die Erinnerungsarbeit der Betroffenen eine Vielzahl eindeutiger Befunde über die Entwicklung und das Ende des untergegangenen "Arbeiter-und-Bauern-Staates" zur Verfügung gestellt. Die Widerstands- und Oppositionsforschung konnte die Breite und Tiefe gesellschaftlicher Gegenwehr in den Anfangsjahren der SBZ/DDR und den Charakter des 17. Juni 1953 als politischen Volksaufstand dokumentieren. Widerstand und Opposition konnten durch Terror, Repression und nach dem Bau der Mauer durch mannigfache Unterwerfungs- und Anpassungsstrategien zeitweilig eingedämmt und zurückgedrängt werden, erloschen aber nie völlig.






In den letzten Monaten der DDR nahm der Widerstand von Teilen der Bevölkerung erneut den Charakter einer spontanen, gewaltlosen Massenbewegung an. Das in den Jahren zuvor entstandene Netz der unabhängigen und zunehmend oppositionellen kirchlichen und außerkirchlichen Friedens-, Umwelt- und Menschenrechtsgruppen wirkte initiativbildend und als Katalysator. Eine ähnliche Bedeutung erlangte die künstlerische Alternativszene, die sich seit den 1970er Jahren entwickelte. Die Träger des Regimes und die verantwortlichen Funktionäre gaben die Macht nicht freiwillig ab, sie musste ihnen - wenn auch im Wesentlichen gewaltlos - aus den Händen gewunden werden. Angesichts von Hunderttausenden auf den Straßen, die sich den waffenstarrenden militärischen Einheiten und den Panzern entgegenstellten, und angesichts der klaren Haltung Michail Gorbatschows standen sie vor der Alternative, entweder zu Massenmördern zu werden oder den Rückzug anzutreten. Die Führungsspitzen von SED und MfS wählten den Weg des geordneten Rückzuges und suchten nach Überlebensstrategien, welche die Phase der Runden Tische und die letzten Monate der DDR begleiten sollten. Hierfür das Bild eines "friedlichen Einschlafens" vor Augen zu haben, ist absurd: Die DDR nahm kein seliges, sondern ein unseliges Ende - ihr Todeskampf war alles andere als ein erbauliches Schauspiel.

Zahlreiche Attribute klassischer Revolutionen fehlten diesem Geschehen: Barrikaden, Gewalt, sofortige Rache an den Vertretern des Ancien Régime. Dennoch sollte es als gewaltlose Revolution in die Geschichte eingehen. Charakter und Ziele der Akteure, Tiefe und grundsätzlicher Charakter der eingetretenen Veränderungen berechtigen dazu. Bekannt ist, von wem das Wort von der "Wende" stammt und wer die ehemaligen Machthaber zu Friedensengeln stilisieren suchte. All das kann, wie die Flut der Memoirenliteratur von SED- und MfS-Funktionären, ins Reich der Legendenbildung verwiesen werden.

Umso eigenwilliger muss es anmuten, wenn renommierte Zeithistoriker derlei Legendenbildungen Kredit geben. In einem Beitrag für das "Neue Deutschland" vom November 2009 kokettiert Martin Sabrow mit dem Begriff der "Wende" und wählt die Vokabel des "Umbruchs", um dann von "einer Revolution ohne Revolutionäre" zu sprechen.[1] Er unterstellt der übergroßen Mehrzahl der oppositionellen Akteure, dass sie zunächst das untergehende System erhalten wollten und erst post festum umgeschwenkt seien, da es zu einer inneren Auflösung der DDR aus eigener Machtlähmung kam. Den DDR-Erhaltungswillen der Oppositionellen machen auch andere Autoren an der positiven Verwendung des Sozialismusbegriffs in deren Aufrufen und Programmschriften fest.

Wie sehr dieser Gebrauch taktischen Rücksichten geschuldet war, ist hier nur die eine wichtige Seite. Die übergroße Mehrheit der beteiligten Gruppen und Demonstranten hatte sich spätestens im Oktober 1989 auf die zentrale Forderung nach freien Wahlen geeinigt und stellte damit implizit oder explizit die Machtfrage. Die faktische Einparteienherrschaft der SED wurde durch freie Wahlen gebrochen - ihr Ausgang besiegelte den Untergang des alten Systems. Wer damals und auch noch in den Wochen und Monaten danach den Sozialismusbegriff positiv verwendete und nicht gerade zur "Vereinigten Linken" oder zu den SED-Reformkräften zählte, tat dies zumeist im Sinne eines sozialdemokratisch geprägten "Demokratischen Sozialismus". Spätestens seit dem Godesberger Programm verstand die deutsche Sozialdemokratie unter diesem Begriff etwas völlig Konträres zur Sozialismusvorstellung kommunistischer Tradition. Politischer Pluralismus, Demokratie und Rechtsstaat sowie Soziale Marktwirtschaft wurden zum unverzichtbaren Rahmen für das Vertreten und Verteidigen von Werten der Arbeiterbewegung und anderer sozialer Emanzipationsströmungen erklärt.

Die tiefe Kluft zwischen dem kommunistischen und dem sozialdemokratischen Verständnis des Sozialismusbegriffs beschrieb der polnische Philosoph und Exkommunist Leszek Ko?akowski bereits 1976: "Die Idee des demokratischen Sozialismus hat nichts gemein mit der apokalyptischen Hoffnung auf ein Ende der Geschichte, mit dem Glauben an die historische Unvermeidlichkeit des Sozialismus und an die natürliche Abfolge der gesellschaftlichen Formationen, mit der Lehre von der Diktatur des Proletariats, mit der Glorifizierung der Gewalt, mit dem Glauben, dass die Verstaatlichung der Industrie ein Wert an sich sei, mit den Phantasien über eine konfliktfreie Gesellschaft und eine Wirtschaft ohne Geld."[2] Es würde eine lange Debatte bedeuten, ob sich das ideelle Leitbild der modernen deutschen Sozialdemokratie nicht besser durch die Formel einer sozialen Demokratie als durch das Festhalten am zutiefst diskreditierten Sozialismusbegriff beschreiben ließe. Fakt ist, dass bis in den Herbst 1989 hinein der Begriff des "demokratischen Sozialismus" innerhalb der SED ein Unwort war. Seine erfolgreiche Okkupation durch die Wendestrategen der SED im Winter 1989/90 gehört zu den bemerkenswertesten Rettungsmanövern der untergehenden DDR.

Worin - über den Sozialismusbegriff hinaus - der alles andere als begriffsscholastische Kern der Kontroverse steckt, machen die Beiträge im kürzlich erschienenen Sammelband über "Erinnerungsorte der DDR" deutlich.[3] Jedem gelernten DDR-Bürger, der sich mit den Übergangsphasen des realen Sozialismus und der kommunistischen Endzeitverheißung gläubig-zustimmend oder abwehrend auseinander setzte, war klar, dass die Genossen der SED Kommunisten waren oder zu sein hatten. Von dieser Erfahrung zeigt sich der Herausgeber Martin Sabrow unbeeindruckt: In seiner Einleitung schlingert er zunächst zwischen terminologischen Unterscheidungen und gelangt dann zur bemerkenswerten Feststellung, dass die Geschichte der DDR und damit auch der kommunistische Grundcharakter ihres Gesellschaftsprojekts im Unterschied zum Nationalsozialismus "keinen Zivilisationsbruch" markiere.[4]

Wer im ideellen Kern des realkommunistischen Projektes immer noch die Werte von Gleichheit, Gerechtigkeit und Solidarität schlummern sieht, verweigert sich einer der entscheidenden Gewalterfahrungen des 20. Jahrhunderts. Im Kern der kommunistischen Verheißung steht der neue Mensch, nicht als Hoffung und Utopie, sondern als politisch zu formendes Wesen. Der Weg in den künftigen Himmel geht durch die Hölle des Gulag. Das historische Glück der DDR war, dass sie nur noch einen Zipfel dieses Gulag erlebte.


Fußnoten

1.
Martin Sabrow, Wende oder Revolution, in: Neues Deutschland vom 21.11. 2009, S. 24.
2.
Leszek Ko?akowski, Die Hauptströmungen des Marxismus. Entstehung, Entwicklung, Zerfall. Bd. 3, München 1979, S. 573.
3.
Vgl. Martin Sabrow (Hrsg.), Erinnerungsorte der DDR, München 2009.
4.
Ebd., S. 15.

 

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