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Der vergessene "Dritte Weg"


4.3.2010
Dass Vorstellungen eines "Dritten Wegs" so widerstandslos untergingen und heute aus der öffentlichen Erinnerung geschwunden sind, findet seine tiefste Ursache im Abschied von der Moderne des 20. Jahrhunderts.

Einleitung



Der "Dritte Weg" einer demokratisch erneuerten DDR ist kein Erinnerungsort der jüngsten Zeitgeschichte. Nicht mit der Vision eines demokratischen Sozialismus zwischen Markt- und Planwirtschaft hat sich der revolutionäre Umbruch von 1989/90 im Gedächtnis unserer Zeit etabliert, sondern mit dem Pathos einer nationalen Freiheits- und Einheitsbewegung, die folgerichtig in das Ende der über vierzigjährigen Teilung Deutschlands mündete. Die öffentliche Erinnerung wird von einem zeithistorischen Narrativ beherrscht, das die Öffnung der Grenzen am 9. November 1989 aus dem Blickwinkel der deutschen Vereinigung vom 3. Oktober 1990 betrachtet und auf die zielstrebige Geschlossenheit des atemberaubenden Revolutionsgeschehens abhebt: "Wir dachten daran", erinnerte sich Rainer Eppelmann, "in der DDR einen freiheitlichen Staat aufzubauen, der in zunehmend engerer Verbindung zur Bundesrepublik Deutschland neue Wege erproben sollte."[1]


Dieser Sicht folgen nicht wenige jüngere Gesamtdarstellungen der friedlichen Revolution.[2] In einem narrativen Rahmen, der den Umbruch von 1989/90 als gradlinige Entwicklung hin zu politischer Freiheit und oft auch nationaler Einheit fasst, schrumpfen zeitgenössische Zielvorstellungen einer eigenständigen sozialistischen DDR zum realitätsfernen Hirngespinst von Sonderlingen, die während des Umbruchs den Kontakt zur Bevölkerung verloren hätten. Soweit die Vision eines "Dritten Wegs" diesen Rahmenwechsel überstanden hat, zog sie sich in die trotzige oder melancholische Gegenerinnerung ehemaliger Protagonisten zurück, die sich der "Nötigung zur Identitätsverleugnung" verweigern[3] und resigniert mit dem Verlauf des Umsturzes von 1989/90 ins Gericht gehen[4] oder bis heute über den "lebendige(n) Traum von einer anderen DDR" nachsinnen, "die wirklich demokratisch wäre".[5]


Fußnoten

1.
Rainer Eppelmann, Fünf Jahre deutsche Einheit, in: Deutschland Archiv (DA), 28 (1995) 9, S. 897.
2.
"Der 18. März vollendete, was die Fluchtbewegung, die Massenproteste und die Bürgerbewegungen seit dem Spätsommer und Frühherbst 1989 gemeinsam erzwangen: freie demokratische Wahlen." Ilko-Sascha Kowalczuk, Endspiel. Die Revolution von 1989 in der DDR, München 2009, S. 528. Mehr noch erkennt Ehrhart Neubert in der bruchlosen Folgerichtigkeit der Entwicklung das entscheidende Merkmal der Revolution von 1989/90: "Für die Deutschen ist sie schon deshalb etwas Einzigartiges, da es die erste Revolution war, die erfolgreich die Ideen von Freiheit und Nation miteinander verband." Ehrhart Neubert, Unsere Revolution, München 2008, S. 13.
3.
Vgl. Dieter Segert, Das 41. Jahr. Eine andere Geschichte der DDR, Wien-Köln-Weimar 2008, S. 7.
4.
Vgl. Thomas Klein, Außer Reden nichts gewesen? Der Runde Tisch zwischen Volkskammer und Modrow-Regierung, in: Bernd Gehrke/Wolfgang Rüddenklau (Hrsg.), ... das war doch nicht unsere Alternative. DDR-Oppositionelle zehn Jahre nach der Wende, Münster 1999: "Wir wußten, daß die Mehrheit der Bürger der DDR sich der von den Herrschenden in Ost und West erfundenen Weisheit, daß keine Alternative jenseits der zwischen dem real existierenden Sozialismus und Kapitalismus denkbar wäre, unterwarf." (S. 236)
5.
D. Segert (Anm. 3), S. 7.

 

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