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26.2.2010 | Von:
Aram Ziai

Zur Kritik des Entwicklungsdiskurses

Konstrukt "Entwicklung" ist eurozentrisch

Der Entwicklungsdiskurs geht in der Regel von nationalstaatlich abgegrenzten Gesellschaften aus (Wallerstein und ähnliche Ansätze bilden hier eine partielle Ausnahme), die sich in "entwickelte" und "unterentwickelte" einteilen lassen (teilweise werden letztere auch als "Entwicklungs-" oder "sich entwickelnde" Länder bezeichnet). Diese Zweiteilung geht von einer universellen Entwicklungsskala aus und begreift die historischen Prozesse sozialen Wandels in Westeuropa und Nordamerika (und Japan) als menschheitsgeschichtlichen Fortschritt. "Entwicklung" ist hierbei normativ positiv konnotiert.

Diese Denkfigur konzipiert andere Gesellschaften als rückständige Vorstufen der eigenen und impliziert eine Fortsetzung kolonialen Überlegenheitsdenkens. Henning Melber spricht hierbei von einer "Verzeitlichung des räumlichen Nebeneinander", Ashis Nandy analog von einer "Umwandlung geokultureller Differenzen in historische Stadien".[6] Die eigene Gesellschaft dient als ideale historische Norm, andere Gesellschaften werden anhand dieser Norm als defizitär identifiziert. Gleichzeitig mit dieser Diagnose wird die Therapie impliziert: diese Gesellschaften müssen moderner, produktiver, säkularer, demokratischer, werden - mit anderen Worten: so wie unsere eigene Gesellschaft.

Hier sind deutliche Kontinuitäten zum kolonialen Diskurs erkennbar: Das Projekt der "Zivilisierung der Unzivilisierten" wurde in der Nachkriegszeit abgelöst durch das der "Entwicklung der Unterentwickelten".[7] Stuart Hall macht darauf aufmerksam, dass die Herausbildung einer westlichen, modernen Identität auf die Abgrenzung von einem rückständigen Anderen angewiesen war.[8] Das aus der Denkfigur im Entwicklungsdiskurs abgeleitete Grundmuster lässt sich vereinfacht auf den folgenden Nenner bringen: Der Süden hat Probleme ("Unterentwicklung": Mangel an Kapital, Technologie usw.), der Norden die Lösung ("Entwicklung": Investitionen, Experten usw.).

Aber, so mag man einwenden, steckt in dieser Denkfigur nicht ein wahrer Kern? Sind nicht in einigen Ländern Ostasiens die Prozesse sozialen Wandels, die historisch in Westeuropa und Nordamerika stattfanden, erfolgreich nachgeahmt worden? Und kann man nicht mit Fug und Recht den Standpunkt vertreten, dass die Menschen in diesen Ländern einen höheren Lebensstandard genießen als in Subsahara-Afrika, und dass daher das Vorantreiben dieser Prozesse - auch im Sinne einer Orientierung am westlichen Vorbild - z.B. im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit ein ethisch durchaus hochwertiges Unterfangen ist? Als Kronzeugen für eine solche Position heranführen ließen sich Ulrich Menzel und Wolfgang Zapf.[9]

Dem sind folgende Punkte entgegenzuhalten: Erstens sind die erwähnten Prozesse sozialen Wandels unter spezifischen historischen Umständen zustande gekommen, die sich nicht ohne weiteres auf andere Länder mit anderen Voraussetzungen und in einer anderen weltwirtschaftlichen Konstellation verallgemeinern lassen. (Ein plausibler Grundgedanke der Weltsystemtheorie ist, dass, auch wenn manche Länder aus der Peripherie in die Semi-Peripherie oder ins Zentrum aufsteigen, dies jedoch niemals für alle Länder möglich sein wird.) Davon abgesehen lässt die ökologische Bilanz der Industriegesellschaften ihren angenommenen Vorbildcharakter als überaus fragwürdig erscheinen: Das westliche Gesellschaftsmodell ist aus dieser Perspektive nicht verallgemeinerbar.

Doch nicht nur die Frage der Möglichkeit einer solchen Universalisierung, auch die der Wünschbarkeit steht zur Debatte. Die Annahme, dass die "entwickelten" Industriegesellschaften anderen überlegen sind, beruht auf bestimmten Indikatoren wie Bruttoinlandsprodukt und Pro-Kopf-Einkommen (PKE) (die hinsichtlich eines "guten Lebens" nur sehr begrenzt aussagefähig sind), seit einiger Zeit (im Rahmen des Human-Development-Index) auch auf Lebenserwartung und Schulbildung. Nun sind aber durchaus andere Kriterien einer "guten Gesellschaft" denkbar: Wie steht es mit sozialer Gleichheit, sozialem Zusammenhalt und Selbstmordraten, Gastfreundschaft und Rassismus, Sexismus, dem Umgang mit Alten oder Behinderten? Wie mit dem Ressourcenverbrauch und dem Verhältnis zur Natur? Ist für die vorherrschende Lebensweise die Instrumentalisierung anderer Gesellschaften im Rahmen einer neokolonialen Arbeitsteilung notwendig? Auf der Grundlage dieser Indikatoren fiele eine Aufrechterhaltung des Überlegenheitsanspruchs "entwickelter" Gesellschaften schwerer. Entscheiden sollten jedoch generell die Betroffenen.

Fußnoten

6.
Henning Melber, Der Weißheit letzter Schluß. Rassismus und kolonialer Blick, Frankfurt/M. 1992, S. 32; Ashis Nandy, Traditions, Tyranny, and Utopias. Essays in the Politics of Awareness, Delhi 1992, S. 146.
7.
Vgl. Uma Kothari, From colonial administration to development studies: a postcolonial critique of the history of development studies, in: dies. (ed.), A radical history of development studies. Individuals, institutions and ideologies, London 2005, S. 47 - 66.
8.
Vgl. Stuart Hall, Der Westen und der Rest: Diskurs und Macht, in: ders. (Hrsg.), Rassismus und kulturelle Identität, Hamburg 1994, S. 137 - 179.
9.
Vgl. Ulrich Menzel, 40 Jahre Entwicklungsstrategie = 40 Jahre Wachstumsstrategie, in: Dieter Nohlen/Franz Nuscheler, Handbuch Dritte Welt. Band 1: Grundprobleme, Theorien, Strategien, Bonn 1993, S. 131 - 155, bes. S. 132; Wolfgang Zapf, Entwicklung als Modernisierung, in: Manfred Schulz (Hrsg.), Entwicklung. Die Perspektive der Entwicklungssoziologie, Opladen 1997, S. 31 - 45, S. bes. 31 und S. 34.

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