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26.2.2010 | Von:
Aram Ziai

Zur Kritik des Entwicklungsdiskurses

Konstrukt "Entwicklung" ist entpolitisierend

Die Statistiken des World Development Report weisen jedem Land auf der Grundlage des PKE einen Rang auf der universellen Entwicklungsskala zu. Dadurch wird suggeriert, das Land habe einen gewissen "Entwicklungsstand" erreicht, der etwas über Wohlstand und Lebensqualität der Bevölkerung aussagt. Soziale Ungleichheit und die Unterschiede im Lebensstandard zwischen Villenviertel und Favela bleiben in dieser Darstellung durch die Wahl von Analyseebene und Durchschnittswerten außen vor - da hilft es wenig, wenn unter ferner liefen auch noch der Gini-Koeffizient (ein statistisches Maß zur Bestimmung von Einkommensverteilung) erwähnt wird.

"Entwicklung" erscheint als etwas, was der ganzen Gesellschaft zugute kommt. Damit hängt zusammen, dass im Entwicklungsdiskurs in seiner dominanten Ausprägung soziale Probleme in den entsprechenden Ländern grundsätzlich als "Entwicklungsprobleme" konzipiert werden, also als Probleme, die mit einem Mangel an Kapital, Technologie, Know-how, Produktivität, Wissen oder Institutionen zusammenhängen und durch Projekte, Politiken oder Programme der "Entwicklung" behoben werden können. Entwicklungspolitische Maßnahmen dienen in dieser Sichtweise der Verbesserung des Lebensstandards der Menschen in diesem Land und somit dem Allgemeinwohl. Diese Sichtweise erlaubt es Entwicklungsorganisationen, sich als unpolitisch zu verstehen.

Eine alternative Sichtweise, die die entsprechenden Probleme als Konsequenz von Machtasymmetrien, Verteilungskonflikten und politischen Entscheidungen konzipiert und die entsprechenden Interventionen als Eingriff in diese Konflikte, wird im Diskurs der Entwicklungsinstitutionen marginalisiert oder gar ausgeschlossen. Und zwar aus strukturellen Gründen, die der Anthropologe James Ferguson wie folgt beschreibt: "Eine akademische Analyse ist für eine Entwicklungsinstitution nutzlos, sofern sie ihr nicht eine Möglichkeit bietet, sich einzuklinken, einen Freibrief ausstellt für genau jene Intervention, die ihrem Zweck entspricht. (...) Eine Analyse, die beinhaltet, dass die Ursachen der Armut (...) politisch und strukturell sind (nicht technisch und geographisch), dass die Regierung einen Teil des Problems darstellt (und kein neutrales Mittel zu seiner Lösung), und dass ernsthafte Veränderungen nur durch revolutionäre gesellschaftliche Transformationen (...) zu erwarten wären, hat keinen Platz im Entwicklungsdiskurs, einfach weil Entwicklungsinstitutionen nicht dazu da sind, revolutionäre Kämpfe voranzutreiben. (...) Dadurch, dass er Armut konsequent auf ein technisches Problem reduziert, und dass er dem Leiden machtloser und unterdrückter Menschen mit dem Versprechen auf technische Lösungen begegnet, ist der hegemoniale Diskurs der Entwicklung das zentrale Instrument der Entpolitisierung der Armutsfrage in der heutigen Welt."[10]

Aufgrund institutioneller Interessen tendiert der Entwicklungsdiskurs demnach zu einer unpolitischen, technokratischen Konstruktion der gesellschaftlichen Probleme und entsprechenden Lösungsvorschläge, selbst in Situationen, wo diese wenig überzeugend scheinen. Organisationen, die "Entwicklung" vorantreiben (verstanden als eine allen Mitgliedern der Gesellschaft zugute kommende Veränderung), werden von Geldgebern und der betroffenen Regierung völlig anders betrachtet und behandelt als Organisationen, die in gesellschaftlichen Konflikten Partei für die weniger privilegierten Teile der Bevölkerung ergreifen und Probleme nicht in einem Mangel an "Entwicklung", sondern in gesellschaftlichen Machtverhältnissen verorten.

Die Einbeziehung letzterer, die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Interessen einzelner Bevölkerungsgruppen (differenziert nach Geschlecht, Schicht, Wohnort, Tätigkeit, politischer Gesinnung usw.) und den damit verbundenen Konflikten ist jedoch unabdingbar für eine plausible Analyse, die die Grundlage für entsprechendes politisches Handeln darstellt. Eine solche wird durch die Mechanismen des Entwicklungsdiskurses erschwert.

Fußnoten

10.
J. Ferguson (Anm. 1), S. 69, S. 256.

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