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26.2.2010 | Von:
Aram Ziai

Zur Kritik des Entwicklungsdiskurses

Konstrukt "Entwicklung" ist autoritär

Eine Äußerung im Entwicklungsdiskurs impliziert die Subjektposition einer Person, die weiß, was "Entwicklung" ist und wie man sie erreicht. Äußerungen, die dieses Wissen nicht in Anspruch nehmen, werden nicht als dem Entwicklungsdiskurs zugehörig wahrgenommen. Wenn wir jedoch davon ausgehen, dass es unterschiedliche Vorstellungen über das Ziel einer guten Gesellschaft und den Weg dorthin gibt, dann bedeutet dies automatisch die Verallgemeinerung einer partikularen Vorstellung und die Unterordnung anderer. Dann impliziert "Entwicklung" ein Expertenwissen über die Defizite der Lebensweisen von "unterentwickelten" Menschen und die zu ihrer Veränderung notwendigen Maßnahmen - und somit ein autoritäres Element.

Während der oben erwähnte Eurozentrismus eine Erbschaft des evolutionistischen Denkens des 19. Jahrhunderts ist, kann dieses autoritäre Element in höherem Maße dem anderen ideengeschichtlichen Vorläufer des Entwicklungsdiskurses zugeordnet werden: dem sozialtechnologischen Konzept der Treuhandschaft, das in den Schriften der Saint-Simonisten Verbreitung gefunden hat.[11] Es sieht vor, dass eine bestimmte soziale Gruppe durch ihr überlegenes Wissen dazu legitimiert ist, Maßnahmen zur Verbesserung der Gesellschaft zu konzipieren und in die Tat umzusetzen.

Mit der Dekolonisierung und dem Übergang vom kolonialen zum Entwicklungsdiskurs ist die Treuhandschaft im Hinblick auf die Gesellschaften des Südens von den Kolonialmächten weitgehend auf die entsprechenden nationalen Eliten übertragen worden. Sie konnten in der Folgezeit auf der Grundlage dieser Legitimation sozialtechnologische Maßnahmen im Namen der "Entwicklung" und so des Allgemeinwohls auch gegen den Willen der von diesen Maßnahmen Betroffenen durchsetzen.

So sind beispielsweise allein in Indien durch Staudammprojekte (laut Nehru die "Tempel des neuen Indien") nach unveröffentlichten Schätzungen der Regierung bis zu 40 Millionen Menschen vertrieben und ihrer Existenzgrundlage beraubt worden, überwiegend handelte es sich dabei um Adivasi (Ureinwohner) oder Dalits (Unberührbare).[12] Als 1999 in Bonn Demonstrierende unter dem Slogan "Keine Menschenopfer für Entwicklung" gegen die geplante Erweiterung des Sardar Sarovar Staudamms protestierten und der indischen Botschaft eine Unterschriftenliste übergaben, hielt ihnen ein hochrangiger Mitarbeiter entgegen: "Sie wollen also, dass unser Land unterentwickelt bleibt!"

Ähnliche Legitimationsmechanismen waren in Indien schon bei den Kampagnen zur Schutzimpfung gegen Pocken zur Hand, über die berichtet wird, dass sich widersetzenden Dorfbewohnerinnen und -bewohnern die Spritzen auch mit Gewalt injiziert wurden.[13] Auch in zahlreichen anderen "Entwicklungsstaaten" sind ähnliche Beispiele anzutreffen. So wurde in manchen Bezirken Tansanias in den 1960er Jahren die Weigerung, an Entwicklungsprojekten teilzunehmen, mit Stockhieben bestraft.[14] Die autoritäre Durchsetzung des Allgemeinwohls beziehungsweise dessen, was so deklariert wurde, fand regelmäßig im Namen der "nationalen Entwicklung" statt. Diese Gewalt, so die hier vertretene These, war im vorherrschenden Entwicklungsdiskurs angelegt.

Fußnoten

11.
Vgl. M. Cowen/R. Shenton (Anm. 2).
12.
Vgl. Arundhati Roy, Die Politik der Macht, München 2002, S. 36 - 38.
13.
Vgl. Frédérique Apffel-Marglin, Smallpox in Two Systems of Knowledge, in: dies./Stephen Marglin (eds.), Dominating Knowledge: Development, Culture and Resistance, Oxford 1990, S. 102 - 144, hier S. 119.
14.
Vgl. David Potter, The Power of Colonial States, in Tim Allen/Alan Thomas (eds.), Poverty and Development into the 21st Century, Oxford 2000, S. 271 - 288, hier S. 287.

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