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26.2.2010 | Von:
Aram Ziai

Zur Kritik des Entwicklungsdiskurses

Transformation des Entwicklungsdiskurses

Von dem eher kleineren Teil der etablierten Entwicklungstheorie und -politik, der sich ernsthaft mit diesen Vorwürfen auseinandersetzte, wird in der Regel damit begegnet, dass die Entwicklungszusammenarbeit aus ihren Fehlern gelernt habe und die Vorwürfe daher nicht mehr ganz zeitgemäß seien. Richtig ist, dass sich insbesondere seit den 1980er Jahren zahlreiche konzeptionelle Neuerungen finden lassen, die zu einer Transformation des Entwicklungsdiskurses geführt haben. Diese ist weder einheitlich noch abgeschlossen und kann an dieser Stelle auch nur grob skizziert werden.[15]

Diese konzeptionellen Neuerungen sind in der entwicklungspolitischen Debatte auffindbar in Begriffen wie nachhaltige Entwicklung, Strukturanpassung und Weltmarktintegration, good governance, Zivilgesellschaft und Partizipation, global governance, ebenso in der Betonung von ownership. Der mit den Millenniumsentwicklungszielen (MEZ) einhergehende Fokus auf Armutsbekämpfung hingegen ist keineswegs neu, sondern spätestens seit der Nairobi-Rede des damaligen Weltbankpräsidenten Robert McNamara im Jahr 1973 altbekannt, nur der Stellenwert marktwirtschaftlicher Lösungen ist in diesem Zusammenhang deutlich gewachsen, und der von Jeffrey Sachs[16] geforderte "Big Push" erinnert deutlich an Wachstumskonzepte aus den 1960er Jahren. Hier bleiben die Regeln des Entwicklungsdiskurses unverändert.

Anders verhält es sich mit den seit den 1980er Jahren artikulierten Forderungen, Abschied zu nehmen von der illusionären Zielsetzung, die "unterentwickelten Gebiete" zu "entwickelten" zu machen, die "aid industry" abzuwickeln und unter Umgehung der pauschal als korrupt etikettierten Regierungen allenfalls noch globale Sozial- oder Nothilfe zu leisten.[17] Hier wird das in der Nachkriegszeit zentrale Motiv des "Entwicklungsversprechens" aufgegeben. Ebenso finden sich Reminiszenzen an das Motiv, die Menschen im Süden seien nicht in der Lage, sich selbst zu regieren, zumindest nicht auf eine vernünftige und verantwortliche Art und Weise.

Diese sind auch im Diskurs über good governance feststellbar, der, im Anschluss an die weitgehend ausbleibenden Erfolge der Strukturanpassung und das Ende des Kalten Krieges, die Regierungsführung in Peripheriestaaten thematisierte und die Abkehr vom kritisierten "Entwicklungsstaat" auf der politischen Ebene flankierte.[18]

Am konsequentesten vertreten wird das Motiv des regierungsunfähigen Südens in der Forderung nach einer "Treuhandschaft" der westlichen Demokratien in Form von Protektoraten.[19] Hierbei wird jedoch auf den kolonialen Diskurs zurückgegriffen, da die zentrale Innovation des Entwicklungsdiskurses, nach der die Menschen in Afrika, Asien und Lateinamerika keineswegs unmündig, sondern durchaus in der Lage seien, sich selbst zu regieren, rückgängig gemacht wird.

Eine weniger rückwärts gewandte Neuerung findet sich im Konzept der nachhaltigen Entwicklung. Wenn man die ihm zugrunde liegende Erkenntnis ernst nimmt, nämlich die, dass das Gesellschaftsmodell der Industrieländer aus ökologischen Gründen weder dauerhaft aufrechtzuerhalten noch verallgemeinerbar ist, muss man sich verabschieden von der Vorstellung eines wie auch immer gearteten Vorbildcharakters dieser Länder. Dann sind die "entwickelten" Staaten keinesfalls die vollendeten, erstrebenswerten Endstadien eines Prozesses der wünschenswerten Gesellschaftsveränderung, sondern eher bedauerliche "Fehlentwicklungen". In diesem Zusammenhang wird der im Entwicklungsdiskurs grundlegende Dualismus zwischen "entwickelten" und "noch zu entwickelnden" Ländern aufgehoben, und auch die ersteren geraten in den Fokus von gesellschaftlichen Problemanalysen und damit zusammenhängenden notwendigen Interventionen. Oftmals werden jedoch auch hier die Problemlösungskompetenz im Norden verortet und der Fokus auf technische und marktorientierte statt auf politische und in den Markt eingreifende Lösungen gerichtet.

Gleichermaßen geraten bei einer konsequenten Auslegung Konzepte, wie Partizipation, ownership und empowerment, die ihren Ursprung in einer Kritik der "top-down" geprägten Entscheidungsprozesse in der Entwicklungszusammenarbeit haben, in Widerspruch zu grundlegenden Formationsregeln des Entwicklungsdiskurses. Wenn sie nämlich tatsächlich auf die Selbstbestimmung und Problemlösungskompetenz der Betroffenen sowie auf eine Veränderung von Machtverhältnissen abzielen, negieren sie sowohl das mit dem Prinzip der Treuhandschaft verbundene Expertenwissen als auch den Fokus auf technokratische Lösungen. Konzepte wie Partizipation und Nachhaltigkeit haben zwar Eingang in das entwicklungspolitische Establishment gefunden, doch selbst in dieser vermeintlich harmlosen Gestalt sorgen sie für eklatante Inkohärenzen und Widersprüche.[20]

Eine weitere zentrale Transformation wird sichtbar in der bereits erwähnten Abkehr vom "Entwicklungsstaat" und staatlichen Eingriffen in den Marktmechanismus bei gleichzeitiger Betonung der Weltmarktintegration. Diese widerspricht nicht nur Konzepten wie self-reliance und Importsubstitution, sondern einem ganz grundlegenden Prinzip, das sich aus dem Entwicklungsdiskurs ergibt: dass die "Entwicklung" der "weniger entwickelten" Länder entsprechende Interventionen erfordert. Diese Interventionen, seien es die Ausgleichsfonds der ersten Lomé-Abkommen, das Special and Differential Treatment im GATT oder schlicht die Finanztransfers im Rahmen der "Entwicklungshilfe", sind nämlich nichts anderes als Eingriffe in den Marktmechanismus zugunsten schwächerer Akteure, die nach marktliberaler Sichtweise zu Preisverzerrungen und Ineffizienzen führen und daher abzuschaffen sind.

Tatsächlich sind die entsprechenden Regelungen in den 1980er und 1990er Jahren Schritt für Schritt abgebaut worden, und die konsequenteren Marktliberalen fordern (ebenso wie einige Post-Development-Vertreterinnen und -Vertreter) die vollständige Einstellung von "Entwicklungshilfe".[21] Der Diskurs der neoliberalen Globalisierung negiert den Dualismus des Entwicklungsdiskurses, für ihn gibt es nur die Anpassung an den "Sachzwang Weltmarkt" und den globalen Wettbewerb - im Norden wie im Süden.

Gerade hier wird deutlich, dass im Entwicklungsdiskurs auch ein progressives Element enthalten war, das verlorenzugehen droht. Auf dieses Element verweist auch Frederick Cooper: "Genauso wie der Universalismus des Entwicklungsdiskurses als die Oktroyierung eines europäischen Partikularismus von außen gelesen werden kann, kann er auch (...) als Zurückweisung der grundlegenden Prämissen kolonialer Herrschaft gelesen werden, als überzeugte Einforderung der Menschen aller Rassen, an der globalen Politik teilzuhaben und einen global definierten Lebensstandard zu beanspruchen."[22]

Die Vision von der "Entwicklung der Unterentwickelten" war ohne Zweifel eurozentrisch und technokratisch, aber sie implizierte die Vorstellung, soziale Gleichheit auf globaler Ebene herzustellen, und zwar auch durch politische Steuerung des Weltmarkts, und eröffnete so Möglichkeiten einer potenziell progressiven Aneignung durch Akteure aus dem Süden. Von dieser Vision, so scheint es, haben sich die Geberstaaten verabschiedet.

Fußnoten

15.
Für eine ausführlichere Darstellung siehe Institute of Development Studies (ed.), The new dynamics of aid: power, procedures and relationships, Policy Briefing, Nr. 15, Sussex 2001.
16.
Vgl. Jeffrey Sachs, Das Ende der Armut, Bonn 2006.
17.
Vgl. Gunnar Myrdal, Relief instead of Development Aid, in: Intereconomics, 2 (1981), S. 86 - 89. Für den deutschsprachigen Raum einflussreich war Ulrich Menzel, Das Ende der Dritten Welt und das Scheitern der großen Theorie, Frankfurt/M. 1992.
18.
Vgl. Rita Abrahamsen, Disciplining Democracy. Development Discourse and Good Governance in Africa, London 2000.
19.
Vgl. Richard Cooper, The new liberal imperialism, in: The Observer vom 7.4. 2002.
20.
Dies ist nicht nur das Ergebnis der empirischen Untersuchung in A. Ziai (Anm. 2), sondern wird auch in den auf ownership und Partizipation beruhenden, dennoch oft geberdominierten Poverty Reduction Strategy Papers der Weltbank deutlich.
21.
Jüngste Beispiele sind Dembisa Moyo und James Shikwati.
22.
Frederick Cooper, Modernizing Bureaucrats, Backward Africans, and the Development Concept, in: ders./Randall Packard (eds.), International Development and the Social Sciences. Essays on the History and Politics of Knowledge, Berkeley 1998, S. 64 - 92, hier S. 84.

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