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16.2.2010 | Von:
Volker Hinnenkamp

Vom Umgang mit Mehrsprachigkeiten

Mehrsprachigkeit in Deutschland ist ein Politikum. Zu der Frage, ob Mehrsprachigkeit von Migranten ihre Integration fördert oder erschwert, gibt es auch in der Forschung unterschiedliche Ansichten.

Einleitung

Die Sprache der Bundesrepublik Deutschland ist deutsch." Dieser Satz steht nicht in der Verfassung. Er ist nirgendwo festgeschrieben. Hingegen findet sich im Grundgesetz (Art. 3) einzig die Aussage "Niemand darf wegen (...) seiner Sprache (...) benachteiligt oder bevorzugt werden." Sprachenrechte sind zum Teil in Abkommen zu anerkannten autochthonen (alteingesessenen) Minderheiten geregelt, etwa in den Bonn-Kopenhagener Erklärungen vom 29. März 1955.[1] Auch im deutsch-deutschen Einigungsvertrag von 1990 wird in einer Protokollnotiz das Recht auf den Gebrauch der sorbischen Sprache (der Niederlausitzer Sorben) anerkannt.[2] Erwähnenswert - weil umstritten - ist noch der Paragraph 23 des Verwaltungsverfahrensgesetzes, in dem es heißt: "Die Amtssprache ist deutsch."[3] Es gibt also nur wenige rechtliche Festlegungen zum Status von Deutsch im Verhältnis zu anderen Sprachen und den damit verbundenen Rechten und Pflichten ihrer Sprecherinnen und Sprecher.

Die Bundesrepublik Deutschland ist allerdings in mehrfacher Hinsicht mit dem Problem der Mehrsprachigkeit konfrontiert. Das führt zu großen Unsicherheiten über das Verhältnis des Deutschen als Mehrheitssprache gegenüber Menschen mit anderer Muttersprache. Auch wenn es keine gesicherten Zahlen gibt - rund neun Prozent der Bevölkerung haben einen ausländischen Pass -, so ist der Anteil derjenigen, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, beträchtlich. Der Großteil davon geht auf die Einwanderung seit der Anwerbung sogenannter Gastarbeiter seit Mitte der 1950er Jahre zurück. Mit etwa zwei Millionen Muttersprachlern ist Türkisch dabei am stärksten vertreten.

Anders- und Mehrsprachigkeit ist in einem Land, dem die Erziehungswissenschaftlerin Ingrid Gogolin einen "monolingualen Habitus"[4] vorhält, in vielerlei Weise problematisch. Von daher gab und gibt es immer wieder den Vorschlag, die deutsche Sprache im Grundgesetz festzuschreiben. Aufgrund der tatsächlichen Vielsprachigkeit in Deutschland könnte aber verfassungsmäßig genauso gut die Mehrsprachigkeit verankert werden. Was das jeweils für die sprachenrechtliche und sprachenpolitische Praxis bedeuten würde, muss ungeklärt bleiben. Aber die Probleme liegen auf der Hand: So sind zum Beispiel die meisten Menschen mit sogenanntem Migrationshintergrund immer noch Bildungsbenachteiligte. Für diese Tatsache sind viele Faktoren verantwortlich - aber Defizite im Deutschen sind wohl der meistgenannte.

Streitfall Zweisprachigkeit

Die sprachenpolitische Debatte um Einwanderung dreht sich größtenteils um den Stellenwert von bestimmten Sprachigkeitskonstellationen für und wider den Integrationsprozess: Das Verhältnis von mitgebrachten Sprachen bzw. Herkunftssprachen zur Mehrheitssprache Deutsch ist ein leidenschaftlich und höchst kontrovers diskutiertes Thema, gar ein "Streitfall".[5] Auf der einen Seite stehen die Verfechter einer Sprachpolitik, welche die Mehrsprachigkeit über die reine Anerkennung hinaus auch instrumentell für eine wichtige Ressource mit großem Potenzial halten,[6] das im Rahmen einer einsprachig fixierten Gesellschaft systematisch an seiner Entfaltung gehindert wird;[7] auf der anderen Seite stehen die Befürworter einer forcierten Eingliederungspraxis (Assimilation) über die Förderung der Mehrheitensprache, wobei die Herkunftssprachen als hinderlich bzw. keinesfalls als "Kapital" gesehen werden: "In keinem Fall gibt es für die multiple Inklusion im Vergleich zur Assimilation eine Prämie auf dem Arbeitsmarkt (...). Die zur Zweitsprache zusätzliche Beherrschung der Muttersprache (...) bringt auf dem Arbeitsmarkt offenbar so gut wie nichts."[8] Der Urheber dieses Zitats, Hartmut Esser, ist ein typischer Vertreter erklärender Soziologie, dem es um die statistische Verallgemeinerbarkeit und die systematische Prüfung kausaler Zusammenhänge geht.[9] Er stützt sich dabei auf die jährlich erhobenen Daten des SOEP (Socio-oeconomisches Panel). Gogolin und andere wiederum greifen sprachenpolitische und Bildungstraditionen auf, setzen sich mit Ideologien, Interessen und Machtkonstellationen von "Sprachigkeit" auseinander, blicken auf Modellversuche und Fallanalysen.

Ich möchte im Folgenden vor allem soziolinguistische Aspekte der Mehrsprachigkeitsproblematik in den Blick nehmen. Zur Debatte um die Rolle der Mehrsprachigkeit ließe sich zunächst die weniger instrumentelle oder effektivitätsorientierte Frage stellen, über welches scheinbar so besondere Gut eigentlich gestritten wird. Denn mit Blick auf die Sprachigkeitszustände weltweit ist Mehrsprachigkeit zunächst einmal der Normalfall.

Fußnoten

1.
So heißt es in der Erklärung der Regierung der Bundesrepublik Deutschland unter II, 2: "Angehörige der dänischen Minderheit und ihre Organisationen dürfen am Gebrauch der gewünschten Sprache in Wort und Schrift nicht behindert werden." Online: www. wahlrecht.de/doku/doku/19550329.htm (15. 1. 2010).
2.
Vgl. Einigungsvertrag, Anlage I, Kap. III, Sachgebiet A, Abschnitt III, Nr. 1.
3.
Online: www.gesetze-im-internet.de/vwvfg/__23.ht ml (15. 1. 2010).
4.
Ingrid Gogolin, Der monolinguale Habitus der multilingualen Schule, Münster-New York 20082.
5.
Vgl. dies./Ursula Neumann (Hrsg.), Streitfall Zweisprachigkeit - The Bilingualism Controversy, Wiesbaden 2009.
6.
Vgl. z.B. Bernd Meyer, Nutzung der Mehrsprachigkeit von Menschen mit Migrationshintergrund, Expertise für das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, Hamburg 2008, online: www.integration-in- deutschland.de/cln_101/nn_282954/
SharedDocs/Anla gen/DE/Integration/
Publikationen/Sonstige/
Expertis eMehrsprachigkeit.html (15. 1. 2010).
7.
Vgl. neben vielen Beiträgen in I. Gogolin/U. Neumann (Anm. 5) auch Ingrid Gogolin/Marianne Krüger-Potratz u.a. (Hrsg.), Migration und sprachliche Bildung, Münster 2005 sowie weitere Schriften aus der Reihe "Interkulturelle Bildungsforschung".
8.
Hartmut Esser, Der Streit um die Zweisprachigkeit: Was bringt die Bilingualität?, in: I. Gogolin/U. Neumann (Anm. 5), S. 84. Mit "multipler Inklusion" meint Esser das jeweils gleichzeitige Auftreten ethnischer und aufnahmelandbezogener Eigenschaften wie Bilingualität oder ethnisch gemischte Identitäten. Vgl. ebd., S. 82.
9.
Vgl. ders., Sprache und Integration. Die sozialen Bedingungen und Folgen des Spracherwerbs von Migranten, Frankfurt/M.-New York 2006.

Joachim Scharloth

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