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25.1.2010 | Von:
Franz-Theo Gottwald

Agrarethik und Grüne Gentechnik - Plädoyer für wahrhaftige Kommunikation

Engpässe aus Klima-, Energie- und Finanzkrise und veränderte Ernährungsgewohnheiten bringen neue, auch mit agrarethischen Argumenten zu führende, harte Auseinandersetzungen mit sich.

Einleitung

Die ablehnende Haltung breiter Bevölkerungsschichten gegenüber der Grünen Gentechnik in Deutschland ist seit Jahren unverändert stark. Eine Befragung des Meinungsforschungsinstituts Emnid im August 2009 ergab, dass 65 Prozent der Deutschen gentechnisch veränderte Organismen (GVO) in Lebensmitteln ablehnen. Nur sechs Prozent befürworten derartige Nahrungsmittel. Auffallend ist, dass selbst Wählerinnen und Wähler der wissenschafts- und fortschrittsliberalen FDP mit 60 Prozent mehrheitlich gegen Grüne Gentechnik und Hightech-Landwirtschaft eingestellt sind.[1] In einer Forsa-Umfrage für SlowFood im Mai 2009 sprachen sich sogar 78 Prozent der Deutschen gegen gentechnisch veränderte (gv) Lebensmittel aus.[2]




Das Bayerische Staatsministerium für Umwelt und Gesundheit stellte in einer Umfrage im Juni vergangenen Jahres fest, dass in auffälliger Weise die Urteile über andere Einsatzgebiete der Gentechnik, etwa in der Medizin, in verschiedenen Bevölkerungsschichten differenziert ausfallen, während die Anwendung dieser Technologie speziell in der Landwirtschaft bei 74 Prozent der bayerischen Bevölkerung auf Ablehnung stößt.[3] Auch bei den Landwirten ist die Skepsis groß - mittlerweile gibt es deutschlandweit 190 gentechnikfreie Regionen, Kommunen und Initiativen.[4] Diese wohl größte landwirtschaftliche Basisbewegung der vergangenen Jahre begann 2004; seitdem beschließen Land- und Forstwirte in ganz Deutschland auf Grundlage freiwilliger Selbstverpflichtungserklärungen oder per Beschluss auf Bauernversammlungen, ihre Felder gentechnikfrei zu bewirtschaften.

Das lässt den Schluss zu, dass die Informationspolitik und die vielfältigen kommunikativen Bemühungen der Befürworter der Grünen Gentechnik - beispielsweise durch Roadshows oder Ausstellungen Aufklärung und Wohlwollen zu schaffen - weitgehend fehlgeschlagen sind. Im Gegenteil: Eine dezentral sich organisierende Gegenöffentlichkeit ist entstanden, die teils auch mit Mitteln des zivilen Ungehorsams (Feldbefreiungen) nicht nur Widerstand leistet, sondern auch Kommunikationsangebote seitens staatlich getragener Bildungseinrichtungen oder durch politiknahe Stiftungen ablehnt.

Die derzeitige kommunikative Lage kann mit einem Stellungskampf verglichen werden: Die Fronten sind festgefahren. Zwischen ihnen liegen Wissens-, Unsicherheits- und Wertekonflikte. Beide Seiten interpretieren die komplexen sachlichen Zusammenhänge unterschiedlich und erhalten so Wissenskonflikte aufrecht. Sie beschreiben und beurteilen Unsicherheiten unüberbrückbar unterschiedlich, die aufgrund mangelnder Erkenntnisse auftreten können, etwa hinsichtlich der Folgen von Patenten auf Leben. Gegner und Befürworter befinden sich in teils radikalen Wertekonflikten. Ihre weltanschaulichen oder moralischen Bewertungen von vorhandenem Wissen und Nicht-Wissen sind meist diametral entgegengesetzt.[5] In diesem Zusammenhang wird auch vom "Verlust des gesamten Sittenkodex" gesprochen.[6]

Fußnoten

1.
Vgl. Emnid, Der Einfluss des Themas Gentechnik auf die Bundestagswahl 2009. Umfrage im Auftrag von "Vielfalt ernährt die Welt", online: www.vielfalt-er naehrt-die-welt.de (24.11. 2009).
2.
Vgl. Forsa, Meinungen zur Gentechnik 2009. Umfrage im Auftrag von Slowfood Deutschland, online: www.slowfood.de/intro_09/gentechnik (24.11. 2009).
3.
Vgl. Bayerisches Staatsministerium für Umwelt und Gesundheit, Ökotrend Bayern. Einstellungen der bayerischen Bevölkerung zu umweltpolitischen Fragen, online: www.stmugv.bayern.de/umwelt/oeko trend/index.htm (18.11. 2009).
4.
Gentechnikfreie Regionen in Deutschland, Regionen & Gemeinden, online: www.gentechnikfreie-re gionen.de/regionen-gemeinden.html (17.11. 2009).
5.
Vgl. Markus Hertlein/Eva Klotmann/Christoph Rohloff, Biologisch-dialogisch: Risikokommunikation zur Grünen Gentechnik, in: Technikfolgenabschätzung in Theorie und Praxis, 13 (2004) 3, S. 89 - 93.
6.
Marc Lappé/Britt Bailey, Machtkampf Biotechnologie. Wem gehören unsere Lebensmittel?, München 2000, S. 16.