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21.9.2011 | Von:
Inken Wiese

Arabische Entwicklungspolitik im Jemen: Soziale Reformen zur Stabilisierung

Philanthropisches Engagement

Das verbesserte Berichtswesen ermöglicht nun eine detaillierte Übersicht über inhaltliche und geografische Förderschwerpunkte der arabischen EZ. Die Übersicht zeigt, dass einige Länder neben der Förderung von Infrastrukturprojekten und bilateralen Krediten auch neue Wege einschlagen. So wurden in den vergangenen Jahren eine Vielzahl von philanthropischen Organisationen durch die Herrscherhäuser Katars, Saudi-Arabiens und der VAE gegründet. Sie greifen damit den internationalen Trend von EZ-orientierter Philanthropie auf, der durch prominente Vertreter wie die Melinda and Bill Gates Foundation, die sich in der globalen Gesundheitspolitik engagiert, ein großes Medienecho erfährt und sich zunehmend auf Praktiken internationaler EZ auswirkt.[11]

Philanthropie als Trend wird in der Region auch akademisch begleitet, wie die Gründung des Gerhart Center for Philanthropy and Civic Engagement an der Amerikanischen Universität in Kairo zeigt. Darüber hinaus vernetzen sich die Philanthropen regional und global wie etwa im World Congress of Muslim Philanthropists (WCMP), der 2011 schon zum vierten Mal stattfand. Während sich einige arabische Philanthropen auf diese Weise Zugang zu den wirtschaftlichen Netzwerken anderer internationaler Philanthropen erhoffen, steht für andere als leitendes Motiv das religiöse Gebot des wohltätigen Gebens in Form von sadaqa oder von religiösen Stiftungen (waqf) im Vordergrund. Gerade nach der pauschalen Verurteilung islamischer Wohlfahrtsorganisationen nach dem 11. September 2001 in Bezug auf Terrorismusfinanzierung wollen viele Muslime den Einsatz ihrer Spendengelder nun lieber selbst kontrollieren. Zahlreiche Studien zeigen aber, dass die Förderung politischer Interessen über religiöse Stiftungen bereits in der Geschichte keine Seltenheit war.[12]

Beispielhaft für diesen Trend am Golf sind Silatech in Katar sowie Dubai Cares und die Muhammad bin Rashid Al Maktoum Foundation in den VAE. Diese drei Organisationen fallen durch für die Golfregion innovative Instrumente des Fundraising, der Einbindung der eigenen Bevölkerungen, der Projektarbeit im Empfängerland sowie der Rolle von Forschung zur Grundierung ihrer Arbeit auf.

Dubai Cares:
Das Stiftungsvermögen von Dubai Cares in Höhe von einer Milliarde US-Dollar stammt zu 50 Prozent von Sheikh Muhammad bin Rashid Al Maktoum, dem Emir von Dubai. Der Schwerpunkt der Stiftung liegt in der Förderung der Grundschuldbildung, um ausgewählte Entwicklungsländer bei der Erreichung der Millenium-Entwicklungsziele zu unterstützen. In Partnerschaft mit international anerkannten Nichtregierungsorganisationen (NRO) und Organisationen der VN fördert sie Projekte, die neben der Modernisierung von Lerninhalten und der Schulausstattung besonders die Aspekte Ernährung und Hygiene betonen. Die Projekte sollen wissenschaftlich ausgewertet werden, wobei die Erkenntnisse nicht nur der Verbesserung internationaler EZ-Projekte zugute kommen, sondern auch den Ruf Dubais als Akteur der Entwicklungspolitik festigen sollen.

Muhammad bin Rashid Al Maktoum Foundation (MBRF):
MBRF soll mit einem Stiftungsvermögen von 10 Milliarden US-Dollar die arabische Wissensproduktion ankurbeln. Gefördert werden zum einen Übersetzungen ins Arabische und Kulturaustausch, zum anderen die Ausarbeitung sogenannter home grown solutions für die Herausforderungen, mit denen die arabische Welt konfrontiert ist. Für den Bereich der EZ ist MBRF nennenswert, da es das Problem der Ausbildung für den privaten Arbeitsmarkt angeht. Zu diesem Zweck kooperiert MBRF mit Organisationen und Regierungen zur Reformierung des Berufsbildungswesens in verschiedenen arabischen Staaten.

Silatech:
Angesichts der Tatsache, dass Menschen unter 25 Jahren einen Anteil von knapp 60 Prozent an der arabischen Gesamtbevölkerung stellen, hat die katarische Organisation Silatech das Thema Jugendarbeitslosigkeit zum Hauptanliegen ihres Engagements gemacht. Im "Silatech Index", der auf knapp 18000 Interviews des Gallup-Instituts in 19 arabischen Ländern basiert, werden Länderanalysen für die Lage von jungen Menschen in der arabischen Welt erstellt, welche die Grundlage für die Projekte in diesen Ländern darstellen.[13] Silatech arbeitet gemeinsam mit akademischen Institutionen und lokalen Medien daran, das Konzept des sozialen Unternehmertums in der Region zu propagieren, wozu auch die Forderung nach Erleichterungen beim Registrieren von NRO gehört. Die Organisation ist zu Wirtschaftlichkeit angehalten und muss ihre Projekte zu etwa 80 Prozent durch auswärtige Investitionen finanzieren.

Fußnoten

11.
Vgl. Robert Martin/Witte Jan Martin, Transforming Development?, Berlin 2008, S. 9.
12.
Vgl. Said Amir Arjomand, Philanthropy, the Law, and Public Policy in the Islamic World before the Modern Era, in: Warren Ilchman/Stanley Katz/Edward Queen (eds.), Philanthropy in the World's Traditions, Bloomington 1998, S. 109-132.
13.
Vgl. The Silatech Index. Voices of Young Arabs, Doha 2010.