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7.9.2011 | Von:
Barbara Vinken

Erkenne Dich selbst: Frauen - Mütter - Emanzipation - Essay

"Fremdbetreuung" und Vollzeitmütter

Der Überzeugung der Eltern in Frankreich oder Dänemark entspricht eine gesellschaftliche Praxis: Kinder kommen in Frankreich und Dänemark nun mittlerweile seit gut 30 Jahren tatsächlich zu großen Teilen zwischen drei Monaten und einem Jahr in eine Ganztagskrippe, danach in einen Ganztagskindergarten und in eine Ganztagsschule. Dasselbe gilt für Kinder in Skandinavien. Die Krippen werden in diesen Ländern in erster Linie nicht von den Eltern in Anspruch genommen, die beide arbeiten müssen, wie es in Deutschland so schön heißt: von den Müttern, die es sich schlicht nicht leisten können, da zu bleiben, wo sie vielleicht nach ihrer eigenen Meinung, sicher aber nach der der Gesellschaft hingehören, nämlich zu ihrem Kind nach Hause. Nein, im Pariser Großraum sind es die gut ausgebildeten Schichten, die der Krippe nicht nur vorbehaltlos gegenüberstehen, sondern sie für ihre Kinder sogar ausgesprochen förderlich finden.

Nun gibt es zwischen deutschen, französischen, dänischen und schwedischen Kindern unbestritten bedeutende Unterschiede. Auch die sind nicht natürlich. Französische Kinder etwa gelten den einen besser erzogen als deutsche Kinder, und den anderen - eben je nach Perspektive - als autoritär gedrillt. Und die Auffassung davon, was ein Kind ist, könnte in Deutschland und Frankreich nicht gegensätzlicher sein. In Frankreich gelten Kinder als kleine Wilde - oder wie die Mütter am Swimmingpool so nett sagen: "Les petits monstres vont revenir." Sich völlig empathiefrei um sich selbst drehend, müssen sie mühsam an den Genuss der Zivilisation und das vollgültige Menschsein herangeführt werden. In Deutschland gelten Kinder dagegen als unverdorbene Menschen im Naturzustand und die Kindheit als eine Art Paradies; die gefallene Welt gilt es möglichst lange von kindlicher Unverdorbenheit fernzuhalten. Auch das sind lange, kulturelle Prägungen.

Dass aber die schwedischen, dänischen oder französischen Erwachsenen, die "fremdbetreut" wurden, zu einem signifikant höheren Prozentsatz als die deutschen Erwachsenen, die zu großen Prozentsätzen in der Familie erzogen worden sind, an den oben genannten Symptomen - Schlafstörungen, Beziehungsunfähigkeit, Aufmerksamkeitsdefiziten - leiden, das hat bei all dem, was wissenschaftliche Studien so zutage fördern, noch nie eine Studie belegt.

Es scheint also - geht man nach Faktenlage, was durchaus von Vorteil ist - egal zu sein, ob die Kinder in der Familie, sprich von der Mutter, oder in einer Kinderkrippe erzogen werden. Sie scheinen so oder so zu blühen und zu gedeihen. Obwohl man sich schon ein bisschen Sorgen macht, ob sie sich, mit Mama allein, meistens als Einzelkinder, nicht arg langweilen. Und es in der Schule natürlich auch flotter ginge, wenn sie schon mal an Gruppen gewöhnt wären. Und die Kinder von Menschen, die in der Familie nicht deutsch sprechen, Deutsch nach Krippe und Kindergarten zweifelsfrei fließend beherrschen würden. So fest wir also zu wissen glauben, dass es das Beste für die Kinder ist, wenn die Mütter mindestens die ersten drei Jahre ganz und später halbtags zu Hause bleiben, und so entschieden dies immer wieder von einer Fraktion von Psychologen, Kinderärzten und Familiennetzwerken verkündet wird, so müssten uns die Fakten eines Besseren belehren. Kinder werden auch gro, gesund und glücklich - und manchmal eben auch nicht - ganz unabhängig davon, ob die Mütter Vollzeit, Teilzeit oder gar nicht berufstätig sind.

Besonders pikant ist zudem, dass sich die Arbeitszeit der Mütter auf die Zeit, die sie tatsächlich mit ihren Kindern verbringen, nicht auswirkt. Europaweit verbringen Mütter unabhängig von ihrer Arbeitszeit ungefähr die gleiche Zeit mit ihren Kindern: deutsche Mütter also nicht mehr als ihre finnischen, dänischen oder französischen Nachbarinnen, die wesentlich mehr Zeit für ihren Beruf verwenden.[4]

Es ist also schlichte Verkennung, wenn wir glauben, mit unserer Ideologie der Vollzeitmutter der Stimme der Natur zu folgen. Wir folgen einer sich im Moment in jeder Hinsicht besonders unglücklich auswirkenden, sehr spezifischen, historisch zu erklärenden kulturellen Prägung. Statt an Ideologie zu hängen, sollte man der Empirie eine Chance geben. Statt die Prägungen für naturgegeben zu halten, sollten wir uns bemühen, sie zu analysieren und zu verstehen.

Fußnoten

4.
Vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) (Hrsg.), Siebter Familienbericht. Familie zwischen Flexibilität und Verlässlichkeit - Perspektiven für eine lebenslaufbezogene Familienpolitik, Mai 2006, S. 30-32, online: www.bmfsfj.de/RedaktionBMFSFJ/
Abteilung2/Pdf-Anlagen/siebter-familienbericht,
property=pdf,bereich=,rwb=true.pdf (24.7.2011).